Fakten und Fiktionen aus der virtuellen Welt

Blau auf'm Blockhaus-Bau: "Minecraft" für Xbox 360

Das grandios schrullige Artwork illustriert die "Minecraft"-Welt im Querschnitt.
Das grandios schrullige Artwork illustriert die "Minecraft"-Welt im Querschnitt.

Auf dem PC verzückt der berühmte, Java- und Independent-Hit des schwedischen Ausnahme-Programmierers- und Spiel-Designers Markus Persson alias 'Notch' bereits seit Mai 2009, drei Jahre später schafft er es endlich auf Konsole: In diesem Fall ist es das schottische Team aus den 4J Studios, das uns Würfel für Würfel zu mal kleinen, mal kolossalen Bauten aufschichten lässt, mit denen wir uns vor Wind, Wetter und nächtlichen Übergriffen durch Monster schützen… oder schlicht und ergreifend unseren LEGO-Trieb ausleben.

 

Und tatsächlich: Die Entwickler haben sich mit der Konsolen-Umsetzung des Indie-Phänomens (das immerhin 20 Euro kostet und damit merklich teuer ist als das Original) gleich so viel Mühe gegeben, dass es nicht nur deutlich flüssiger, sondern vor allem zugänglicher und handlicher geraten ist als das Original. Die unterschiedlichen Teile des Crafting-Menüs sind in Reiter sortiert und per Schultertaste erreichbar, außerdem wird bei jedem zu 'craftenden' Objekt – ganz gleich ob Axt, Pickel, Schwert, Heiabett, Treppe, Leiter oder Zimmer-Deko – direkt eingeblendet, welche Materialien in welcher Stückzahl für die Herstellung erforderlich sind. Obendrein brauchen wir bloß nach unten bzw. oben zu blättern, um andere Varianten des 'Produkts' einzusehen… z.B. Holz-, Stein- und Eisenhackebeil. 

Obendrein gibt's ein luxuriöses Tutorial, das uns die wichtigsten Spiel-Mechanismen erklärt und in einer bequem präparierten Extrawelt absetzt: Die für den Einstieg wichtigsten Rohstoffe (Holz, Stein, Sand) sind üppig vorhanden, obendrein haben wir mehr als genug Zeit, unsere erste Hütte fertigzustellen, und gleich nebenan wartet eine kuschelige Siedlung nebst stattlicher Trutzburg darauf, dass wir sie erkunden oder uns dort in ein gemütliches Bettchen kuscheln, wenn's in unserer eigenen Heimstatt noch keine geeignete Schlafmöglichkeit gibt. 

 

Wer sich nachts nicht einfach schlafen legen, sondern die Wartezeit produktiv verbringen will, der buddelt unter seinem Haus riesige Stollensysmte und sichert auf diese Weise rechtzeitig den Nachschub gewisser Rohstoffe.
Wer sich nachts nicht einfach schlafen legen, sondern die Wartezeit produktiv verbringen will, der buddelt unter seinem Haus riesige Stollensysmte und sichert auf diese Weise rechtzeitig den Nachschub gewisser Rohstoffe.

 

Auf diese Weise haben wir genug Zeit, mit dem grundlegenden Konzept zu experimentieren, allerdings bleibt uns die Einführung auch einige wertvolle Informationen schuldig – so z.B. die bei "Minecraft"-Profis selbstverständliche Vorgehensweise, eine Tür nicht auf der Innen-, sondern der AUSSENseite des Durchgangs zu platzieren, damit sich des nächtens keine vorwitzigen Monster in der Nische verkeilen, die uns dann – nachdem wir sie mit ein paar beherzten Holzschwerthieben erledigt haben – beim lautstarken Ableben ("KAWUMM!") die halbe Hütte wegsprengen.

 

Wer kapiert hat, was hier gespielt bzw. gebaut wird, der wagt sich an den normalen Spielmodus und motiviert die Weltenbau-Algorithmen durch die Eingabe eines einzigen Wortes dazu, einen gigantischen Bauklotz-Sandkasten zu generieren, dessen Hügel, Berge, Täler, Wüsten, Wälder und Höhlensysteme sich nahezu endlos in jede seitwärtige Richtung erstrecken (Buddeltiefe und Bauhöhe sind allerdings begrenzt). Laut Persson wird beim Marsch durch "Minecraft" stetig weiter neues Terrain berechnet – theoretisch wäre es so möglich, ein bis zu acht mal größeres Gebiet abzulatschen als auf unserem Globus. Das gilt zumindest für die PC-Version: Beim Xbox-360-Pendant dagegen ist bereits nach wenigen Kilometern Schluss mit Lustig – Ende der Klötzchen-Welt! Spätestens jetzt wird klar, dass das flotte Durchscrollen der blockigen Konsolenwelt durch die Begrenzung des Terrains teuer erkauft wurde. Wer "Minecraft" nicht kennt, dem wird das zunächst wenig dramatisch erscheinen, aber tatsächlich verliert das Spiel hiermit einen wesentlichen Teil seines Reizes: Die Illusion einer schier endlosen Welt ist futsch, außerdem wird das Ressourcen-Management auf diese Weise ebenso erschwert wie das Errichten gleich mehrerer monumentaler Bauwerk im selben 'Sandkasten'. (Wir entschuldigen uns dafür, dass wir an dieser Stelle zunächst eine andere Information verbreitet haben – hier lagen wir schlicht falsch.)

 

Trotz der überraschend hohen Einsteiger-Freundlichkeit stößt das XBox-"Minecraft" beim angehenden Baumeister allerdings ebenso schnell an gewisse Verständnisgrenzen wie sein großer PC-Bruder: Wer kapiert hat, wie man die erste Hütte aus dem Boden stampft und sich nachts die Zeit vertreibt (falls man noch kein Bettchen hat), indem man unter dem Haus gewaltige Stollensysteme aushebt, der will bald mehr – will die Tricks der Profis kennen und Strategien lernen, die ihm beim Er-und Einrichten prachtvoller Klotz-Monumente helfen. Diese Erklärung bleibt ihm das Konsolen-"Minecraft" allerdings ebenso schuldig wie das PC-Pendant, auch hier kommt man um selbständige Internet-Recherche und die Konsultation des umfangreichen "Minecraft"-Wikis nicht herum. 

 

Als problematisch könnte sich hierbei allerdings erweisen, dass sich die zahllosen Online-Spielhilfen zum Thema bisher ausnahmslos dem PC-Spiel und dessen jüngstem Patch widmen: Manch ein Tipp wird sich also vermutlich nicht so ohne weiteres auf die XBox-360-Fassung anwenden lassen, auch wenn die Entwickler versprechen, 'ihr' "Minecraft" durch entsprechenden Updates bald auf den selben Stand zu bringen wie das Vorbild. 

 

Aber auch derartige Patches und Updates werden Konsolisten kaum das bescheren können, das "Minecraft" auf dem PC so groß gemacht hat: Abgesehen vom bestechenden Spielkonzept und der intensiven Stimulation unserer "Schaffe, schaffe, Häusle baue!"-Nerven ist es nach wie vor die offene Struktur des Projekts, die es zum Phänomen macht. So gestatten es Erfinder 'Notch' und seine Firma Mojang jedem willigen Spieler, seinen eigenen Multiplayer-Server aufzubauen und selbst programmierte Tools beizusteuern. Auf diese Weise wucherte in den vergangenen drei Jahren eine stattliche Anzahl von Fan-gemachten Extras, Gimmicks und Editoren um das Projekt, mit deren Hilfe die gigantische Fan-Gemeinde "Minecraft" längst zu ihrem ganz 'eigenen' Spiel gemacht hat – ein Zustand, der von Persson nicht nur geduldet, sondern sogar befürwortet wird. 

 

Diese Philosophie lässt sich kaum auf Microsofts geschlossenes und streng reglementiertes XBox-Live-Netzwerk anwenden lassen: Das Konsolen-"Minecraft" ist zwar im Grunde das selbe Spiel wie das für den PC (und obendrein ist eine Vier-Spieler-Option von vornherein integriert), aber ob ihm jemals der selbe Freigeist und die selbe Seele innewohnen werden – das darf stark bezweifelt werden. 

 

Wer mit diesem Umstand leben kann, dessen 20 Euro sind allerdings gut angelegt, denn das Spielkonzept allein und seine vorbildliche Anpassung an Konsolen-Technik bzw. -Interface sind ein definitiver Spaß-Garant, dessen Sog- und Suchtwirkung sich keiner entziehen kann, der auch nur den Hauch eines Baumeisters und Klotz-vernarrten Retronauten in sich trägt. Klarer Fall: VIEL besser als erwartet – auch wenn die all zu früh erreichbare künstliche Grenze der Baustelle den positiven Gesamteindruck spürbar eintrübt.

 

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