E3: Microsoft-Pressekonferenz

Eben ging sie zu Ende: Die erste Hardware-Hersteller-Pressekonferenz der E3. Heute war es an Microsoft, die Zocker-Welt davon zu überzeugen, dass seine Konsole auf dem richtigen Weg ist und uns ein neues Jahr voller grandioser Xbox-360-Highlights ins Haus steht. Und ist ihnen das gelungen? Nein.

 

Dabei hatte man durchaus hochwertige Exklusiv-Titel im Gepäck: Cliff Bleszinski von Epic präsentierte einen atemberaubenden "Gears of War 3"-Level, in dem sich per Koop gleich vier Mitspieler auf einmal tummelten und weibliche Soldaten erstmals zünftig Sex-Appeal ins Spiel brachten. "Call of Duty: Black Ops" von Treyarch schließlich erscheint zwar nicht exklusiv, aber immerhin zuerst für die Xbox 360 und sieht weit besser aus als erwartet (immerhin entstehen bei Treyarch für gewöhnlich die Serien-Teile zweiter Klasse). Auch "Halo Reach" hat positiv überrascht: Nachdem der Multiplayer-Betatest zwar die gewohnte Serienqualität zeigte, aber keinerlei Überraschungen bereithielt, sah diese erste Präsentation der Einspieler-Kampagne endlich mal dramatisch besser aus als "Halo 3". Offensichtlich hat man die Engine der dringend nötigen General-Modernisierung unterzogen und neue, höher aufgelöste Texturpakete gezaubert bzw. das Beleuchtungs-Modell gehörig aufpoliert.

Der obligatorische Auftritt von Peter Molyneux wiederum wirkte so bemüht und künstlich gekürzt, dass einem der Lionhead-Chef unwillkürlich leid tat: Das Video zu "Fable 3" war überzeugend und zeigte eine grandiose Fantasy-Welt auf dem Weg ins frühe Industrie-Zeitalter – aber das war's dann auch schon. Weder durfte Peter vorspielen noch demonstrieren.

 

Ungewohnt blutig zeigte sich "Metal Gear Solid Rising": Schwerpunkt der Präsentation waren weder Story noch Charaktere oder endlose Zwischensequenzen, sondern die Kampfmechanik, bei der sich Kojima & Co. scheinbar ganz auf Schwerthiebe konzentriert haben. Hier lässt sich buchstäblich alles mit chirurgischer Präzision in Scheiben schneiden: Säulen, Lieferwagen – und Menschen. Der deutsche Jugendschutz wird jedenfalls seine helle Freude dran haben. Vielleicht steht uns hier das erste "MGS" ins Haus, das hierzulande keine Veröffentlichung erfährt?

 

Relativ Kalt gelassen hat uns (scheinbar ebenso wie das Publikum) ein mit Schauspielern aufgenommener Trailer, der die Zusammenarbeit mit der deutschen Ego-Shooter-Schmiede "CryTek" und ein mit dem Arbeitstitel "Kingdoms" tituliertes Spiel ankündigte, das (dem Outfit der knapp bekleideten Muskelberge nach zu schließen) allem Anschein nach vor altertümlicher Schwertschwinger- und Gladiatoren-Kulisse spielt. Weil es hierzu von Microsoft-Seite so gut wie keinKommentar gab, lässt sich die Bedeutung des vom CryTek-Logo gezierten Filmchens kaum einordnen: schade eigentlich.

 

Und jetzt kommt's knüppelhart: Die Präsentation des einstigen "Project Natals" (inzwischen heißt es "Kinect") geriet zur peinlichen Posse. Wo im vergangenen Jahr noch Peter Molyneux durch die Präsentation führte und voller Verheißung eine Technik präsentierte, der man es fast schon abnahm, dass sie das Potential hat, die Spiele-Welt zu revolutionieren, da gab es diesem Jahr nur eines zu sehen – ein verspätetes Wii-Imitat. Das bietet im Vergleich zur Nintendo-Lösung zwar die eine oder andere interessante Neuerung (z.B. ein Mikro, Spracherkennung und natürlich eine Kamera), ist aber im Grunde all das, was die bisherige Microsoft-Zielgruppe bestimmt nicht will. So wurde der Live-Stream der Pressekonferenz auf IGN unentwegt von den Twitter-Feeds genervter Zuschauer und Xboxianer kommentiert: Kommentare wie "God help us all! They've violated the Xbox!" zeigten überdeutlich, was die Fans von "Kinect" halten, andere mäkelten die schiere Überlänge der Kinect-Präsentation an. Kein Wunder, denn immerhin machte sie gut und gerne die (zumindest gefühlte) Hälfte des Gesamtprogramms aus. Nachdem man die Menüführung durch Kinect präsentierte hatte (vor allem am Beispiel von Filmen und Community-Plattformen), waren die passenden Spiele an der Reihe – und das waren so einige. Neben dem obligatorischen "Wii Sports"-Imitat "Kinect Sports" gab's die ebenfalls von Xbox-Avataren bevölkerten Titel "Kinect Joyride" (Comic/Fun-Racer, bei dem durch entsprechende Handstellung ein Lenkrad bzw. Lenk-Bewegungen nachgeahmt werden) und "Kinect Adventures" (Geschicklichkeitstests und Mini-Games vor einer Abenteuerfilm-artigen Kulisse) zu sehen. Deutlich besser gefallen hat uns das "EyePet"-verwandte "Kinectimals", bei dem wir z.B. einen kleinen Leoparden knuddeln, verwöhnen und auch mit verbalen Kommandos bespielen dürfen. Für eher mäßig interessant befinden wir aktuell Ubisofts "Wii Sports"-verwandtes "Your Shape Fitness evolved", bei dem wir per Kamera gescannt und in ein (ziemlich unförmiges) virtuelles Abbild unser Selbst verwandelt werden, das künftig neben einer knackigen Polygon-Trainerin abhampelt. Besonders lächerlich wirkten bei all diesen Spielen aber die Kommentatoren bzw. Präsentatoren, die bemüht jauchzten, hechelten, sich verrenkten und uns hoffen ließen, man möge uns niemals in ähnlicher Position (oder Verfassung) vor dem Fernseher finden. Den ersten Peinlichkeits-Platz belegt bei uns aber ganz klar "Dance Central" von Harmonix, bei dem sich die Microsoft-Mitarbeiter als Vortänzer versuchten. Allerdings erschien es uns an dieser Stelle hin und wieder so, als würde hier nicht das Spiel auf den Menschen, sondern der Mensch (im allerletzten Moment) auf das Spiel reagieren. Will heißen: Vielleicht war der eine oder andere Titel noch gar nicht so weit – so dass man nur vorgab, das Spiel durch das Gehampel zu steuern? Das ist – ganz klar – nur eine These, aber besonders synchron erschien uns das Getanze und Gezucke nicht.

Ein bisschen besser haben uns die Lichtschwert-Fuchteleien in "Star Wars" gefallen – aber die Möglichkeit, das Terrain frei zu erkunden, scheint hier nicht gegeben.

 

Wirklich überrascht hat uns dagegen die Vorstellung einer neuen Xbox-Version: Die kommt in einer auf Hochglanz polierten, schwarzen Chassis, ist eine Nummer kleiner als das bekannte Gerät, wird mit einer 250GB-Festplatte ausgeliefert und ist für den Preis von 299,- US-Dollar (zumindest in den USA) ab sofort erhältlich. Ebenfalls ungewöhnlich: Ähnlich wie Nintendos Wii verfügt diese neue Xbox 360 über keinen Ethernet-Port mehr – hier schließt man sich nur noch via Wifi mit dem WWW kurz. Glücklich all jene Kollegen, die vor Ort waren: Jeder Besucher der Pressekonferenz bekam eine neue Xbox geschenkt. Sauerei.

 

Alles in allem eine eher unrühmliche Pressekonferenz, die von falsch gesetzten Schwerpunkten zeugt: Wenn man bei Microsoft allen Ernstes glaubt, jetzt noch die Wii-affine Zielgruppe bedienen zu können, dann dürfte sich der Konzern verrechnet haben – denn genau diese Zielgruppe wird von Nintendo bereits perfekt bedient... und sie wird aller Wahrscheinlichkeit ebenso wenig über Nacht größer wie die Gemeinschaft der sog. 'Core Gamer', die Microsoft insb. im Heimatland seit Jahren die Treue hält und jetzt eine vor den Bug gehampelt bekommt. Vor allem die Tatsache, dass das kreative Potential eines Entwicklers wie Rare nicht mehr in innovative Adventure- oder Action-Titel investiert, sondern bei Avatar-Casual-Games verpulvert wird, stimmt traurig. Und besieht man sich die Verkaufszahlen von Casual Games im vergangenen Krisenjahr, dann erkennt man vor allem eins: der gemeine Gelegenheitszocker ist nicht treu. Schade, dass man trotzdem immer noch verzweifelt um seine Gunst buhlt und uns 'Core Gamer' dabei zu vergessen scheint.

 

Hätte man doch lieber Peter Molyneux sein Fable spielen lassen – und uns dafür fünf Minuten Ringelpiez erspart. Aua.

 

 

 

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