Mit dem Musclecar durch Empire City: MAFIA 2

Wie geil ist das denn: Ich kreuze mit meinem Musclecar durch das Empire Bay der 50er-Jahre (die Freiheitsstatue im Hafenbecken verrät mir, dass es sich bei 'Metropolis' und 'Gotham' um ein weiteres 'Parallel-New-York' handelt) und lausche dabei entspannt dem Gejohle von Bing Crosby's "I Haven't Time To Be A Millionaire". Dabei geht's mir ähnlich wie dem Kerl in dem Song: Mein Mafiosi-Terminplan ist dermaßen mit Gefälligkeiten für die 'Familia' vollgepropft, dass ich für das ganz große Geld gar keine Zeit habe. Und selbst wenn ich sie hätte: Abseits der Storyline hat 2K kaum Verdienstmöglichkeiten vorgesehen – und das, obwohl Empire City nach einer typischen 'Open World'-Metropole aussieht, in der ich metzeln, morden, marodieren und nach Herzenslust Ganoven-Karriere machen darf. Aber weit gefehlt: Ich brause mit meinem Oldtimer von Handlungs-Happen zu Handlungs-Happen und bekomme dabei eine zwar (zugegebenermaßen grandiose) Mafia-Geschichte serviert, aber mein Hunger nach mehr (nach mehr Geld, nach mehr Möglichkeiten, nach mehr Interaktion und nach mehr Abenteuer) bleibt ungestillt. Und das, obwohl die geile Gangster-Stadt ganz offensichtlich für dieses 'Mehr' ausgelegt wurde: Z.B. finde ich allenthalben Telefonzellen, über die ich aber niemanden anrufen kann, weil ich keine Nummer bekomme. Telefoniert wird nur mit Kumpel Joe und dem Paten – und die rufen mich von selber an (und das in meinem neckischen Eigenheim).

 

Was ist hier passiert? Ein Streich der Telefongesellschaft? 

 

Ähnlich eigenartig mutet an, dass ich ein Mafiosi bin, aber niemanden erpressen oder um sein Erspartes erleichtern darf. Schutzgelder kassieren und Läden abfackeln? Ja, gerne - aber nur, wenn die Story es vorschreibt! Stattdessen bin ich dazu verdammt, arme und schutzlose Autos zu rauben und anschließend gegen harte Dollars in die Schrottpresse zu stecken (und die hinterlässt nicht mal ein handliches Blech-Päckchen, sie 'beamt' die Karren direkt in den Auto-Himmel). Nein, so habe ich mir das Mafiosi-Dasein ganz und gar nicht vorgestellt – dann doch lieber Burger braten! 

 

Zumindest dann, wenn es mir nur ums Geldverdienen geht. Will ich allerdings eine packende Gauner-Mär erleben, die vortrefflich gängige Filmklischees zitiert und außerdem ganz schön zum Nachdenken anregt, dann ist "MAFIA 2" eine echte Perle: Protagonis Vito und sein durchgeknallter Freund Joe sind das coolste Gauner-Paar seit langem. Außer Cops bzw. anderen schweren Jungs und deren Karren durchlöchern sie den amerikanischen Traum, denn beide stammen aus italienischen Einwanderer-Familien – angelockt von den Verlockungen der modernen US-Konsum- und Wohlstandsgesellschaft. Leider mussten beiden feststellen, dass sie nur dann ein Stück vom Wohlstandskuchen abbekommen, wenn sie sich dem organisierten Verbrechen anschließen: wie in den alten Gangster-Filmklamotten sympathisiert man mit den Schurken, obwohl sie ununterbrochen unaussprechliche Gräueltaten vollbringen. Denn kann man es ihnen wirklich vorwerfen, dass sie den Verlockungen einer Gesellschaft erliegen, in die man sie auf legalem Wege einfach nicht hineinlassen will? Damit gehören Vito und Joe zur seltenen Gattung der sehr menschlichen und dadurch mit lebensnahen Makeln behafteten Spielehelden: Ihre Moralvorstellungen mögen fragwürdig sein… aber sie haben wenigstens welche. 

 

Der zweite Pluspunkt, der "MAFIA 2" über den Rang eines gewöhnlichen Deckungs-Shooters erhebt, ist das wundervoll authentisch umgesetzte Szenario: genauso habe ich mir die 40er- und 50er-Jahre vorgestellt – genauso kenne ich sie aus Film und Fernsehen. Hier nicht nostalgisch zu werden (obwohl man diese Zeit gar nicht selber erlebt hat), fällt schwer. Gleichzeitig ist dieser Vorteil aber auch das größte Problem des Spiels, denn das geniale Szenario macht den Wunsch nach hemmungslosem Open-World-Vergnügen nur noch größer! 

 

Aber zumindest kann man sich auf diese Weise nicht darüber beklagen, der Titel hätte ein dramaturgisches Problem: "MAFIA 2" ist als interaktive, Action-lastige Erzählung angenehm kompakt und bleibt zu jeder Minute hochspannend. 

 

Schade aber, dass uns in dieser 'Nicht-wirklich-Open-World'-Welt trotzdem die eine oder andere weniger erquickliche Eigenart des "GTA"-Genres noch immer plagt: so z.B. der mörderische Verkehr, der jedes zweite Abbiegen in ein suizidales Abenteuer verwandelt, bei dem es kaum möglich scheint, dass Wagen und Fahrer keinen fatalen Schaden nehmen. Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten, unsere fahrbaren Untersatz in eine schwelende Schrottmühle und ihre Insassen in zermatschten Pizzabelag zu verwandeln: Einmal Geschwindigkeit bzw. Kurvenwinkel falsch abgeschätzt, und schon ist unser schicker, eben noch auf Hochglanz polierter Bolide nur noch Blechgeknitter auf Rädern. Klar: im echten Leben nimmt es mir mein alter Celica auch ganz schön übel, wenn ich ihn mit Vollgas gegen einen Laternenpfahl oder eine Mauer setze. Aber im echten Leben habe ich auch Gefühl für Gewicht, Straßenlage, Dimensionen und das, was möglich bzw. nicht möglich ist. Hier knalle ich nicht alle paar Meter gegen Ampeln, Bordsteine und Hauswände (auch wenn Kumpels und Kollegen anderes behaupten…)

Schon klar, dass ich mein "MAFIA 2"-Vehikel noch in der Garage und auf Knopfdruck gegen einen Kleinstbetrag wieder reparieren kann – aber dass ich es so gut wie nie schaffe, meinen schmucken Schlitten unbeschadet durch den Verkehr zu manövrieren, das nervt mich dann schon ein wenig… 

Nur gut, dass 2K nicht die übersensiblen "GTA"-Cops übernommen hat: Die "MAFIA 2"-Polente reagiert nur dann sauer, wenn meine Tachonadel die Skala sprengt (der bequeme Tempometer schafft hier Abhilfe) oder ich sie zünftig anbumse. Und auch dann kann ich mich durch ein kleines Bestechungsgeld meist noch vor Ort aus der Affäre ziehen: Wie schön, dass es noch korrupte Bullen gibt.

 

Ergo: ja, ich habe mich mitunter ganz schön über Vito und Company geärgert… aber das heißt zumindest, dass sie mir nicht egal sind. Mein Empfehlung: Sich schon jetzt von hochgesteckten Open-World-Erfahrungen verabschieden – und dann verbehaltlos ein grandioses Gangster-Epos genießen! 

 

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