Lara von schräg oben: The Guardian of Light

Das letzte Mal, dass ein Spieleheld seine gewohnte Perspektive verlassen hat, um sich stattdessen von schräg oben ablichten zu lassen, das war meines Wissen nach "Sonic 3D". Ein Sprung allerdings, der nicht übermäßig unkonventionell erschien, da es sich - auch wenn der Titel was anderes meint - nach wie vor um ein 2D-Sonic handelte. Etwas tapferer und beherzter mutet da schon der Iso-Gang von Eidos-Ikone Lara Croft an: Obwohl die Spielwelt (bisher haben wir südamerikanische Indianer-Ruinen gesichtet) aus Polygonen konstruiert wurde, ist die Kamera zum ersten Mal in der Seriengeschichte festgestellt. Weder dürfen wir sie einschwenken noch unsere Umgebung aus der Ich-Perspektive begutachten, um den Blick schweifen zu lassen. Aber auch sonst hat sich die vollbusige Archäologin ganz schön verändert: Ihr Kampf gegen einen alten Indianer-Dämon ist ungewohnt Action-betont – tatsächlich wird in erster Linie geballert… und zwar indem wir mit dem rechten Analogstick die Schussrichtung bestimmen, während wir mit der rechten Schultertaste den Abzug durchdrücken. Das fühlt sich übrigens ein wenig so an wie bei "Skeleton Krew" – einer ebenfalls isometrischen Grusel/SciFi-Ballerei für das selige Mega Drive.... und die kam ausgerechnet vom einstigen "Tomb Raider"-Entwickler Core Design. Zugegeben: "Guardian of Light" ist nicht halb so sperrig wie Cores (verhältnismäßig unbekannter) Kawumm-Oldie, aber die Wahl der Perspektive zeugt zumindest von einem gewissen Nostalgie-Faible seitens der Entwickler, denn Iso-Optik war vor allem während der 16Bit-Epoche im Trend.

Schön außerdem, dass man dem Titel stilvolle Comic-Optik angediehen ließ, so wirkt das kleine, neue Lara-Abenteuer noch erdiger. Nichtsdestotrotz wird schnell klar, das "Guardian of Light" - wie so viele Download-Spielchen - vor allem von seiner Multiplayer- bzw. Koop-Komponente lebt: Das ist vor allem für alle jene schön, die Mehrspieler-Partien schätzen, uns hingegen geht das dauernde 'Miteinander' ein wenig auf den Keks. Nichts gegen einen zünftigen Multiplayer-Modus, aber so langsam scheint der Mehrspieler-Schwenk ehemals ausgesprochener Solo-Marken zum Tick zu werden. Oder liegt's vielleicht nur daran, dass uns als Spiele-Redakteure einfach die Zeit fehlt, das zunehmende Multiplayer-Angebot richtig wahrzunehmen, auszukosten und zu schätzen? Wenn sich der Schreibtisch unter den noch zu testenden Games regelrecht biegt, dann bleibt für kollektives Metzgern kaum Zeit. Eine Runde "Jeder gegen jeden" in "Halo 3" (oder bald "Halo Reach"?) ist das maximal Machbare. Aber auch sonst fragt sich unsereins unwillkürlich: Hat der Durchschnitts-Gamer wirklich so viel Zeit fürs Miteinander? Oder überschätzen die Publisher dieses Markt-Segment tatsächlich?

Was aber nicht heißt, dass man als Solist mit der neuen Lara keinen Spaß hätte: Mögen sich die Spielmuster im ersten Level noch ein wenig zu häufig wiederholen, so graben die Entwickler spätestens bei Kapitel 3 so tief im Ideenfundus, dass selbst die großen "Tomb Raider"-Brüder neidisch rüber schielen. Einfälle wie eine riesige Felskugel (die wir entweder zum Gegnerzermatschen, zum Feuerschlund-Verstopfen oder als mobile Pfeilblockade nutzen) sind dermaßen brillant, dass sich Sammler fast schon darüber ärgern, dass sie sich diese Perle nicht als Collector's Edition in den Schrank stellen können.

 

 

Überhaupt ist "Guardian of Light" weit mehr als nur eine engagierte kleine Ballerei, in der Lady Lara ihren Action- und Adventure-Ahnen charmant Hochachtung zollt – es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Fingerzeig für alle jene Publisher, die für weniger Spiel 50 Euro mehr haben wollen. Und schließlich weiß die "Guardian of Light"-Lara anders als ihr größeres Alter Ego wie gekämpft wird! Kein hektisches Herum- und in den Gegner-Hineingehüpfe, keine Probleme bei der Zielerfassung – stattdessen einfaches, unkompliziertes und herrlich ursprüngliches Geballere wie wir es aus der guten alten Zeit kennen. Manchmal sind die alten Konzepte eben doch die besten: "Guardian of Light" kann uns zwar nicht das selbe Gefühl von Größe und Abenteuer vermitteln wie ein 'echtes' "Tomb Raider", aber dafür ist es einfach rundum… spielbar. Ebenfalls positiv: Weil "Guardian of Light" wie Echtzeitstrategie-Spiele und einige Rollenspiele das Spielgeschehen von schräg oben und damit aus Distanz zeigt, wirkt die Grafik wesentlich detailreicher und feiner als bei Third-Person- oder Ego-perspektivischen Spielen… fast schon ein bisschen wie ein "Baldur's Gate Dark Alliance" mit Lady Croft in der Hauptrolle… Schade, dass wir keine Erfahrungspunkte verdienen dürfen… aber vielleicht kommt das ja noch. Denn: Lara ist offensichtlich noch immer für eine Überraschung gut. (rb)

 

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