TEST: Dungeon Siege 3

(PC, Xbox 360, PS3)

Belagerungszustand

 

Monster metzeln, ihre Hinterlassenschaften sammeln und dafür tüchtig Erfahrungspunkte kassieren: die seichteste, schnellste und zugänglichste Interpretation der Rollenspiel-Erfolgsformel ist das durch "Diablo" etablierte Action-Rollenspiel. Hier wird nicht Zug um Zug oder in "Gothic"-artiger Adventure-Manier geschnetzelt, stattdessen nehmen wir die Position des weit entfernten Betrachters ein und beobachten unser Konterfei aus einer Echtzeit-Strategie-verwandten Perspektive dabei, wie es durch die gegnerischen Horden tobt.

 

Trotz seiner offensichtlichen Vorteile hat das Genre in letzter Zeit ein wenig Attraktivität eingebüßt, die extreme Überversorgung mit Action-Rollenspielen hat das einst begehrte Suchtgemetzel zu gewöhnlich werden lassen – und zwar plattformübergreifend. Trotzdem macht "Dungeon Siege 3" eine extrem gute Figur und fesselt mehr ans miniaturisierte Gewimmel wie alle anderen Genre-Vertreter der näheren Vergangenheit (zumindest PC-seitig, Details siehe weiter unten).

 

Aber woran liegt's? Viell. an der tragischen Geschichte um die letzten Überlebenden der "Zehnten Legion", die ihren einstigen Status Quo wieder herstellen und dabei ihre fiese Erzfeindin erledigen wollen?

Fehlanzeige: Die Erzählung vom Kampf gegen die bitterböse Jayne Kassynder wird zwar (auch in der deutschen Version) von vorbildlichen Sprechern und interessant geschriebenen Dialogen getragen, aber letztlich ist sie genauso gut oder schlecht wie jedes andere 0815-Fantasy-Geblubbere, das eine launige EP-Jagd rechtfertigt.

 

Vielleicht liegt's aber auch an der vorbildlichen Benutzerführung, die (auch PC-seitig am liebsten per Joypad) Angriff für Angriff und Zauber für Zauber stressfrei ins Ziel bringt? Da kommen wir der Sache schon etwas näher: Obwohl "Dungeon Siege 3" das Genre-Rad nicht neu erfindet, bereichert es das Action-RPG doch um Elemente, die wir in ähnlicher Form allenfalls von herkömmlichen Kampfspielen und Shootern kennen. Statt der üblichen Schnellwahl-Leiste gibt's unten links ein Kringel-Konglomerat, das die aktive Angriffsform und die damit möglichen Spezialattacken oder Zauberkunststücke zeigt. Wechseln wir per Schultertaste zu einer neuen Art Attacke (meistens zücken wir dann eine andere Waffe), ändert sich das Raster: Dann führen wir, genügend Special-Energie vorausgesetzt, mit den oberen drei Buttons  andere Extras aus. 

Ebenfalls ungewöhnlich: Jede Art von Energie wird nicht wie gewohnt durch Heiltinkturen oder Kräuterlein regeneriert, stattdessen sammeln wir die Hinterlassenschaft bezwungener Gegner ein – entsprechend gefärbte Kugeln. "Fable" lässt grüßen.

 

Aber nicht nur an dieser Stelle erinnert die Handhabe des Scharmützels zumindest dezent an Lionheads RPG – auch für die Orientierung hat man sich bei Molyneuxs Titel bedient: Wie in den Spielen der "Fable"-Reihe müssen wir den nächsten Einatzort nicht selber finden, stattdessen schont ein komfortables Magie-Navi unsere Nerven. Einfach im Tagebuch die gewünschte Mission wählen, dann das Digi-Kreuz nach oben drücken – und schon weist uns eine goldene Perlenschnur den Weg. Letztere ist vielleicht nicht ganz so hübsch wie das mystische Wegfindungs-Tool aus Albion, aber dafür wesentlich zuverlässiger und flotter.

 

Ebenfalls nicht zu verachten ist die liebevolle Präsentation: Obwohl statt Gas Powered Games persönlich Fortsetzungs-Spezialist Obsidian am Werke war (dessen Spiele sich bisher nicht durch vorbildliche Technik oder Detailwut auszeichneten), ist "Dungeon Siege 3" besonders auf dem PC und unter höchster Detailstufe bzw. Full-HD eine echte Genre-Zier. Charaktere und Monster überzeugen durch fantasievolle Details und geschmeidige Animationen, ihre polygonale Heimat wiederum lädt zum stundenlangen Verweilen ein: üppige Wälder, schroffe Felslandschaften, dampfende Sümpfe, schneesturmgepeitschte Berggipfel, herrlich heruntergekommene Ruinen und prachtvolle Stadt- bzw. Gebäude-Architektur – diese Fantasy-Welt hat einfach alles, pulsiert vor Leben und verwöhnt mit eindrucksvollem Beleuchtungsmodell. Wer dagegen mit der Konsolen-Version Vorlieb nehmen muss, der erlebt ebenfalls ein launiges Schmarmützel, muss aber weitestgehend auf die grafischen Feinheiten des PC-Pendants verzichten: Die Texturen fallen hier deutlich gröber und zuweilen sogar matschig aus, außerdem leidet die Action unter störenden Ruckelkrämpfen. Ergo: Konsolisten ziehen von unserer Wertung (siehe unten) im Geiste ein Pünktchen ab.

 

Obendrein gibt's einen komfortablen Multiplayer-Modus, bei dem wir an der Seite eines nicht minder metzelwütigen Mitstreiters auf EP-Exkurs gehen. Wagen wir uns dagegen allein in Wald und Flur, dann bekommen wir schon nach wenigen Stunden einen ständigen KI-Begleiter zur Seite gestellt. Der stellt sich übrigens gar nicht mal so dämlich an und rettet uns im Krisenfall den Kragen, indem er unsere noch warme Leiche wieder zum Leben erweckt.

 

Unsere Wertung: 13 von 15 (sehr gut)

 

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