Nintendo ist nicht auf der GC und die Welt geht unter

Wird leider nicht auf der GamesCom im August zu sehen sein: Nintendos "Wii U"-Konsole.
Wird leider nicht auf der GamesCom im August zu sehen sein: Nintendos "Wii U"-Konsole.

 

Sie kam überraschend, hinterhältig… und ja… auch ein bisschen schockierend: Die Meldung, dass Nintendo der diesjährigen GamesCom in Köln fernbleibt. Eine Nachricht, die umso enttäuschender ist, da Fans wie Fachjournalisten fest damit gerechnet haben, auf der beliebten Fachmesse zum ersten Mal die "Wii U" bespielen zu dürfen.

 

Das Resultat von Nintendos Absage sind u.a. wilde Gerüchte: Wird die ursprünglich für Ende 2012 erwartete Hardware am Ende doch noch länger auf sich warten lassen? Ist die Welt der Videospielkonsolen endgültig am Ende? 

 

Zugegeben: Besonders letzterer Schluss ist dann doch ein bisschen zu hysterisch geraten, aber nachvollziehbar ist das Gedankenspiel dennoch. Weil die Nachfolger von PS3 bzw. Xbox 360 in immer weitere Ferne zu rücken scheinen, war es besonders der Wii-Thronfolger, der – trotz seiner vermeintlich schwachbrüstigen Technik – zumindest einen hohen symbolischen Stellenwert hatte. Der Markt für interaktives Entertainment hat sich in den vergangenen zwei Jahren dramatisch verändert: Download-Plattformen, die Erstarkung digitaler Distribution und nicht zuletzt der Siegeszug von Smartphones und Tablet-PCs sind es, die das Gesicht der Spielewelt nachhaltig zu verändern scheinen – und das in rekordverdächtigem Tempo. Kaum verwunderlich also, dass die vermeintliche 'Hinhalte-Taktik' der großen Konsolenhersteller fast schon wie ein Zugeständnis an all die Unkeriche erscheint, die das klassische Konsolengeschäft und physikalische Vertriebsmodell mit inbrünstiger Überzeugung totsagen. Auch die widersprüchlichen Gerüchte über Technik und Spiele-Distribution bei PS4 (Code-Name "Orbis") bzw. Xbox 720 (Code-Name "Durango") stützen und schüren die Ängste über einen verfrühten Niedergang des Konsolismus' als Zock-, Konsum- und Lebensstil: Einmal heißt es, man setze nur noch auf Download-Verkauf, dann wieder sollen es Cartridge-ähnliche Speicherkarten sein, die das Spiel beherbergen… und schließlich wird von Microsoft-Seite verlautbart, man würde auf das Bluray-Medium von Gegenspieler Sony setzen. Die Architektur sollte zunächst mit denen eines Hochleistungs-Tablet-PCs verwandt sein – kurze Zeit später erfahren wir, dass der Xbox-Nachfolger doch eine angenehm muskulöse Spiele-Maschine werden soll, während ein Häuflein Entwickler behauptet, die Wii U werde entgegen anfänglicher Mutmaßungen nicht mal die Leistung einer Xbox 360 bzw. PS3 bieten. All das stärkt nicht eben das Vertrauen in die Hardware-Hersteller und erscheint ganz so, als hätte man bei Sony und Microsoft gleich mehrere mögliche Konzepte in der Schreibtisch-Schublade, habe sich aber noch immer nicht für eines davon entschieden. Stattdessen scheint man es vorzuziehen, die weitere Entwicklung des Marktes so lange zu beobachten, bis sich halbwegs sicher abschätzen lässt, mit welchem Modell man am besten fährt – während man die aktuelle Generation so lange wie möglich ausschlachten möchte. Auch Sonys neuer Hosentaschen-Held "PS Vita" erscheint in seiner Ausrichtung ein wenig planlos: App-artiges Oberflächen-Design, ein starker Download-Store und Touchscreen-Interface wollen scheinbar an iPad & Co. anknüpfen, während man an anderer Stelle auf klassisch Konsolisches und durch die PSP erprobte Mechanismen setzt. Die zwar verheißungsvolle, aber auch reichlich wilde Kombination aus unterschiedlichsten Kontroll-Instrumenten wiederum lässt darauf schließen, dass man sich bei der Konzeption des kleinen Spiele-Kraftwerks so unschlüssig war, dass man ihm vorsichtshalber gleich ALLES mit auf den Weg gegeben hat – damit das unter unsicheren Umständen geborene Kind später für alle Eventualitäten gerüstet ist. Während diese Entscheidung zunächst ausgesprochen schlau erscheint, lässt sie doch leider die Sorte klarer Positionierung und Ausrichtung vermissen, die erfolgreiche Produkte auszeichnet. So mag ein iPad manch einen klassischen Gamer zwar abschrecken, weil ihm ein klassisches Kontroll-Instrument abgeht, aber dafür ist die Botschaft hinter der Produktlinie klar – und Apple bleibt ihr auf Gedeih und Verderb treu. Sony wiederum scheint die Chance zu verpassen, besonders jene Spieler abzuholen, die einem iPad oder iPhone nichts abgewinnen können, stattdessen serviert man ihnen zum Start der Hardware wüste Zwitter-Konzepte, bei denen sich selbst Genre-Haudegen wie Nathan Drake nicht mehr dafür entscheiden können, ob sie lieber analog be-sticked oder Screen-seitig betatscht werden wollen. 

 

Auch Nintendos vielversprechendes Wii-U-Design ist bei besonders kritischer Betrachtung vor allem eines: Ein Zwitter, der zwar viel Potential birgt, aber auch leicht ins Abseits geraten kann, wenn man sich bei der Vermarktung nur um eine Winzigkeit vertut. Dann wird aus dem vermeintlich supercoolen Tablet-Controller auf einmal das missglückte Experiment, eine Wii mit einem iPad zu paaren – eine Kombination, die vielleicht (aber eben auch nur vielleicht) gar keiner will. Mit einem ganz ähnlichen Problem dürfte sich derzeit Microsoft konfrontiert sehen, denn während es längst als beschlossene Sache gilt, dass die Kinect-Technik auf die eine oder andere Weise direkt ins Gerätekonzept integriert wird, ist die fuchtige Steuerung (die ein bisschen wie die luftige Imitation eines Touchscreens amutet) vielen Core-Gamern ein ausgesprochener Dorn im Auge – daran können auch halbwegs mutige Experimente wie ein kinectisierter Lichtschwert-Kampf oder Sprach-Kommandos an die "Mass Effect 3"-Kollegen nichts ändern. Die Frage ist also: Wen bedient man mit der kommenden Konsolen-Generation? Wer ist die Kundschaft? Casualisten? Core-Gamer? Fast erscheint es so, als wäre man Hersteller-seitig aller Mafo-Aufwendungen zum Trotz ein bisschen planlos und würde gespannt auf das warten, was die Konkurrenz macht… die sich dann ebenfalls nicht traut. 

 

Aber viell. ist das ja auch alles nur Schwarzseherei: Immerhin wurde eine Veröffentichung der Wii U nicht dementiert, das Gerät soll Nintendos Leitmotiv auf der kommenden E3 werden. Stellt sich also die Frage, an wen Nintendos GC-Absage wirklich gerichtet ist: An die Messegesellschaft in Köln? An die Spieler in Europa, die vielleicht doch ein bisschen später mit der Wii U spielen dürfen wie erwartet? Wir sind gespannt – aber eben auch ein bisschen besorgt.

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Kommentare: 1
  • #1

    Rolf (Samstag, 14 April 2012 12:27)

    elektrospieler schreibt: " (...) Nintendo der diesjährigen GamesCom in Köln fernbleibt."

    Ich war im letzten Jahr zum ersten Mal auf der GamesCom. Am Nintendo-Stand habe ich mir Xenoblade angeschaut. Der Mitarbeiter war sehr freundlich. Die Moderatorin auf der Bühne fand ich allerdings sehr nervig und so habe ich mir das nicht lange angeschaut. Viel habe ich also nicht von Nintendo gesehen und bin gleich zu anderen Ständen gegangen. Im diesem Jahr werde ich nicht zur Gamescom fahren - der (finanzielle) Aufwand ist mir doch zu hoch. Wenn ich allerdings in der Nähe von Köln wohnen würde, dann hätte ich mich jetzt allerdings etwas geärgert, dass ich keine Wii U in diesem Jahr zu sehen bekäme.

    elektrospieler: "Der Markt für interaktives Entertainment hat sich in den vergangenen zwei Jahren dramatisch verändert (...)"

    Meine Freundin daddelt jetzt auch gelegentlich am iPad. Ich spiele fast nur Konsole. Also bei uns hat sich nicht viel geändert - nur ein wenig.

    Auf die neue Wii U habe ich mich zwar gefreut, aber ich kann auch gerne noch etwas warten. Zur Zeit spiele ich ein paar ältere Titel und bin einige Zeit gut versorgt.

    elektrospieler schreibt: "Dann wird aus dem vermeintlich supercoolen Tablet-Controller auf einmal das missglückte Experiment, eine Wii mit einem iPad zu paaren – eine Kombination, die vielleicht (aber eben auch nur vielleicht) gar keiner will."

    Was ich von den neuen Controller der Wii U halten soll, weiß ich allerdings auch noch nicht. Man müsste das Ding mal in den eigenen Händen halten. Angeblich soll er sich ganz gut anfühlen. Hoffentlich kommt auch meine Freundin mit ihren kleine Händen mit dem Teil klar. Wie wichtig ein gutes Handling sein kann habe ich im Bekanntenkreis gesehen: zum Beispiel mögen einige den PS3-Controller überhaupt nicht - andere können mit der Wii-Remote nichts anfangen. Wie mögen wohl die Coregamer den Wii-U-Controller aufnehmen? (Sollte nicht die Wii-U auch diese Zielgruppe ansprechen?) Meine Vermutung ist, dass die Vielspieler ihren Lieblings-Controller seit Jahren nutzen und sich so sehr daran gewöhnt haben, dass ihnen ein neuer Controller nur dann gefallen wird, wenn er dem gewohnten recht ähnlich ist.

    elektrospieler: "Fast erscheint es so, als wäre man Hersteller-seitig aller Mafo-Aufwendungen zum Trotz ein bisschen planlos und würde gespannt auf das warten, was die Konkurrenz macht… die sich dann ebenfalls nicht traut."

    Was ich von dem Gebaren der Konsolen-Hersteller halten soll, kann ich schwer einschätzen, da ich den Games-Markt nicht so gut kenne.

    Ich wünsche mir gute Rollenspiele (J-RPGs) - hoffentlich werden die Hersteller noch einige Perlen für Konsole rausbringen. Auf welcher TV-Konsole - ob in der aktuellen oder in der nächsten Konsolen-Generation - solche Spiele nun erscheinen ist mir dabei ziemlich egal.