I'm afraid of no Ghost!

Im Verlauf des Spiels verschlägt es uns an zahlreiche Orte: Von der russischen Steppe über das kalte Norwegen bis ins heiße Nordafrika sind viele Klimazonen vertreten.
Im Verlauf des Spiels verschlägt es uns an zahlreiche Orte: Von der russischen Steppe über das kalte Norwegen bis ins heiße Nordafrika sind viele Klimazonen vertreten.

 

Die Welt der Shooter hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während Hollywood-reife Shootouts im Bruckheimer/Bay-Stil mit starker Mehrspieler-Komponente momentan Verkaufsrekorde einfahren, da werden andere Spielarten des weit verzweigten Genres seit einiger Zeit stark an den Rand gedrängt. Schnell zugänglich muss der erfolgreiche Shooter von heute sein. Sofort verstanden, ohne Leerlauf und gespickt mit furios gescripteten Events. Eine sehr spezielle Spielart des Shooter-Konzepts hat es da besonders schwer: Der komplexe Taktik-Shooter. Also die Art von Ballerei, bei der Rambo-Taktiken zum sofortigen Bildschirm-Tod führen. Die Art, bei der kluge Planung und exakte Ortskenntnis weitaus wichtiger sind als ein schneller Finger am Abzug. Genau in diese in den letzten Monaten eher wenig bedeutende Kerbe schlägt nun Ubisofts "Tom Clancy's Ghost Recon: Future Soldier". Auf den ers­ten Blick meint man fast, eine ganz klassische Ballerei vor sich zu haben. So eine mit Soldaten, Russen, Panzern, Sturmgewehren und all den anderen Klassikern aus der Asservatenkammer der bleihaltigen Unterhaltung.

 

Das beginnt schon bei der Handlung, der man die Tom-Clancy-Verbindung sofort ansieht: Eine schmutzige Bombe hat ein Ghost-Team ausgelöscht, ein weiteres soll nun herausfinden, woher der Sprengkörper stammt. Und so verschlägt es die vier Ghosts Kozak, Ghost Lead, Pepper and 30k nach Norwegen, Russland, Nigeria und natürlich auch in das allseits beliebte Pakistan. Der klassische Plot also für viele Explosionen, ausgedehnte Bumm-Bumm-Action und patriotische Reden vor wehenden Flaggen. Kennt man ja. Aber so plump ist "Ghost Recon: Future Soldier" dann doch nicht. Zum einen hält die Handlung­ so manche überraschende Wendung parat, zum anderen bringen dem Spieler die bereits erwähnten Rambo-Taktiken gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden bestenfalls einen Freiflug nach Hause ein – in einer schmucken Holzkiste, versteht sich.

Creative Director Jean-Marc Geoffrey erklärt: "Wir wollen wirklich ein Spiel über Spec-Ops machen. Kein Spiel, bei dem man ganze Häuserblöcke in die Luft jagt. Der Spieler ist unauffällig, seine Mission ist geheim. Niemand darf wissen, wo sich die Hauptfiguren befinden. Dieses Gefühl wollen wir dem Spieler vermitteln. Das Gefühl, sich mit drei Kameraden alleine durchschlagen zu müssen, dabei aber die beste Ausrüstung zur Verfügung zu haben, über die die US-Army verfügt. Die Action soll sich realistisch anfühlen. Der Spieler ist zwar ein Elite-Soldat, trotzdem kann eine einzige Kugel über Leben und tod entscheiden."

 

Grafisch gibt sich das neue "Ghost Recon" keine Blößen, allerdings ist es weniger knallig in Szene gesetzt wie ein "Call of Duty" oder "Battlefield".
Grafisch gibt sich das neue "Ghost Recon" keine Blößen, allerdings ist es weniger knallig in Szene gesetzt wie ein "Call of Duty" oder "Battlefield".

 

Was es mit diesem vorsichtigen, planvollen Vorgehen auf sich hat, das soll folgendes Beispiel näher verdeutlichen: Gemeinsam mit drei Kollegen nähern wir uns vorsichtig einer schwer bewachten Brücke. Dank futuristischer Tarnkleidung ist unser vier Mann starkes Elite-Team bisher unentdeckt geblieben. Eine vorsichtig gestartete, ferngelenkte Drohne offenbart die Gefahr: Drei Wachen patrouillieren am gegenüberliegenden Ufer, ein Scharfschütze wartet auf dem Dach eines Gebäudes. Keine Frage: Wer die Brücke überquert, der wird entdeckt und kurz darauf durchlöchert wie ein Sieb. Also ist Teamwork angesagt. Jeder nimmt einen der Gegner ins Visier, und mit einem perfekt abgestimmten Angriff werden alle vier ebenso schnell wie lautlos ausgeschaltet. Flugs wird die Brücke überquert und sofort wieder Deckung gesucht – die vier ausgeschalteten Wachen sind sicher nicht die einzigen auf dem weitläufigen Gelände irgendwo vor Moskau.

Szenenwechsel. Eine ziemlich heruntergekommene Villa irgendwo im Nirgendwo. Die vier Spec-Ops Männer haben sich hinter allerlei Bollwerk verschanzt. Einer hat sich mit dem Sniper-Gewehr oben auf einer Treppe postiert, die anderen drei verteilen sich im Hof. Schnell kommen die ersten Gegner. Zwei hält der Scharfschütze­ schon von Weitem auf, einem Dritten gibt eine klug platzierte Mine den Rest. Ein paar kommen aber trotzdem durch, und es entbrennt ein heißes Feuergefecht. Ein Ghost wird angeschossen und schleppt sich mit letzter Kraft hinter ein paar schützende Kisten. Einer seiner Kameraden rennt zu ihm, um Erste Hilfe zu leisten, die anderen geben ihm Deckung, schließlich fällt auch der letzte Angreifer. Ein paar Versorgungskisten werden abgeworfen, die Truppe stockt die Vorräte auf und macht sich für die nächste Gegnerwelle bereit, die in wenigen Sekunden anrücken wird.

Die beschriebenen Szenarien konnten wir bei einer ausführlichen Anspiel-Session gemeinsam mit drei Kollegen erleben. Überraschend ist dabei vor allem, dass ein guter Teil des Spielerlebnisses außerhalb des Bildschirms stattfindet. Verbale Absprachen und Planung nehmen hier mindestens ebenso viel Raum ein wie die tatsächliche Durchführung des zuvor festgelegten Vorgehens. Da wird schnell klar, dass "Ghost Recon: Future Soldier" mit menschlichen Team-Kameraden den größten Spaß macht. Immer wieder fällt auf, wie stark Ubisofts Entwickler die Kooperation der Spieler in den Vordergrund rücken. Geoffrey meint dazu: "Der Koop-Aspekt war uns sehr wichtig. Schon bei "Ghost Recon: Advanced Warfighter" wollten zahllose Spieler gemeinsam Missionen absolvieren, daher war dies einer der zentralen Punkte für uns. Das Erlebnis im Solo- und im Mehrspieler-Modus ist völlig anders. Natürlich gibt es für Solisten KI-Partner. Die künstliche Intelligenz ist ordentlich und verlässlich. Wir haben sie so entwickelt, dass sie sich niemals vom Gegner enttarnen lässt. Aber die KI-Kollegen denken eben nicht selbständig. Sie schießen, wenn der Spieler schießt und werden ihm auch helfen, wenn er verwunden ist. Eine verlässliche KI eben. Spielt man dagegen mit menschlichen Mitstreitern, dann wird die Planung sofort viel, viel wichtiger. Das macht das Spiel natürlich schwieriger, und auch oft unberechenbarer. Aber so ist eben – eine echte Spec-Ops-Erfahrung! Man muss sich mit seinen Kameraden koordinieren, sonst hat man keine Chance."

 

 

Jean-Mark Geoffreys Aussagen können wir guten Gewissens bestätigen. Wer einem verwundeten Mitstreiter nicht so schnell wie möglich hilft, der riskiert das Scheitern seiner Mission. Wer blindlings ohne seine Kameraden voranstürmt, der findet sich schnell im gegnerischen Kreuzfeuer wieder. Wer dagegen als Team arbeitet, der wird belohnt: So fühlen sich die zuvor beschriebenen Synchron-Angriffe nicht nur unheimlich gut an, wenn sie gelingen – sie stellen auch sicher, dass der anvisierte Gegner bereits beim ersten Treffer zu Boden geht und verlangsamen für einen Moment die Zeit. Der vorausschauende Spieler nutzt diesen kurzen Moment, um gleich einen weiteren Antagonisten aufs Korn zu nehmen.

Spieltempo und Mechanik könnten sich also trotz der grundsätzlichen Genre-Verwandtschaft kaum mehr von den wilden Schießereien eines "Call of Duty" unterscheiden. Gleiches gilt aber auch für die Präsentation. Wo die Platzhirsche von Electronic Arts und Activision auf filmreife Inszenierung und wuchtige Effekte setzen, da übt sich Ubisofts Ghost-Team in Understatement. Die Szenarien sind realistisch, detailliert und technisch sauber gestaltet, verzichten dabei aber auf unnötige Effekthascherei. Den Grafik- und Inszenierungs-Fetischisten mit Kino-Schlagseite mag das stören, wer dagegen vor allem auf ein abwechslungsreiches Spielerlebnis hofft, der darf sich freuen. Durch den weitgehenden Verzicht auf geskriptete Ereignisse erlaubt das Spiel ein weitaus flexibleres Vorgehen. Ob wir uns als Scharfschütze aus sicherer Entfernung auf die Lauer legen, auf die zahllosen ausgeklügelten High-Tech-Gadgets setzen oder schleichen wollen wie die Weltmeister: "Ghost Recon: Future Soldier" erlaubt ganz verschiedene Herangehensweisen.

 

Kein Wunder, dass Creative Director Jean-Marc Geoffrey "Ghost Recon: Future Soldier" bei der gemeinsamen Spiel-Session als "Shooter für Denker und Planer" bezeichnet. (tn)

 

 

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