Max Payne 3: Mäxchen macht Aua

 

Neun Jahr hat es gedauert, bis sich Mäxchen endlich wieder ins konsolische und PC-seitige Fadenkreuz bemüht hat: Damit ist der schießwütige Ex-Cop mit dem Landkarten-Gesicht in diesem Monat neben "Diablo 3" gleich der zweite Langzeits-Abstinenzler, der ungefähr ein Jahrzehnt gebraucht hat, um sein drittes Abenteuer zu begehen (bei "Diablo" waren es sogar satte zwölf Jahre). Inzwischen hat der zwigespaltene Action-Haudegen eine wenig erquickliche Kino-Inkarnation durch den professionellen Unterwäsche-Aufträger Wark Wahlberg erfahren, obendrein musste er die Trennung von Ex-Arbeitgeber Remedy verkraften, der sich unter Microsoft-Diktat den zwilichtweltigen Erlebnissen von Grusel-Schreiberling Alan Wake widmet. Max indes ging auch Entwickler-seitig in die Hände von "GTA"-Macher Rockstar – eine Entscheidung, die vor allem erzählerisch und inszenatorisch tiefe Spuren hinterlässt. Denn: Trotz ihres narrativen Talents geht den Amerikanern die herrlich morbide und finstere Seite der finnischen Development-Trolle ab, die ebenso wie ihre pelzigen Anverwandten aus den nordischen Wäldern immerhin die Hälfte ihres Lebens in Dunkelheit verbringen – das hinterlässt Furchen im Gemüt. Furchen, die wie perfekt dafür geeignet erscheinen, den Rest der Welt mit sagenhaft geisteskranken Wahnvorstellungen von sich slebst zerfleischenden, in tiefen Depressionen gefangenen Antihelden zu bedenken. Vermutlich ist es kein Zufall, dass neben Mäxchen und Alan Wake auch reichlich guttural ins Mikro grunzende Death-, Black- und Gothic-Metal-Kombos aus dem hohen Norden kommen, wo sie im verschneiten Tannenhölzchen mit Trollen und Kobolen ringen.

 

So kommt es, dass sich Maxis neuer Shootout auch nicht mehr wie ein skandinavischer Noir- und Trauerkloß-Comic, sondern vielmehr ein amerikanisches Cop-Drama um einen etwas derber geratenen John McClane anfühlt: dreckig, räudig und herrlich unrasiert, aber längst nicht mehr so dämonisch, schwermütig und von übernatürlichen Anspielungen durchsetzt wie die beiden 'Originale'. Der neue (alte) Max ist ein in die Jahre gekommenes Wrack, das sein versifftes Dasein als Früh-Pensionär am liebsten in runtergekommenen Spelunken führt. Hier kommt es dann schließlich, wie es kommen musste: Mr. Payne gerät nach von Alkohol-Dunst geschwängertem Gerede in eine Situation, aus der er sich ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien kann. 

 

Der Anfang des Spiels startet in der Hochglanz-Welt der Reichen und Schönen, aber dann geht's in die Hinterhöfe, Dschungel und Sümpfe Lateinamerikas. Hier ist Ex-Cop Payne erst so richtig seinem Element!
Der Anfang des Spiels startet in der Hochglanz-Welt der Reichen und Schönen, aber dann geht's in die Hinterhöfe, Dschungel und Sümpfe Lateinamerikas. Hier ist Ex-Cop Payne erst so richtig seinem Element!

 

Gut für Max, dass eben diese Hilfe im richtigen Moment durch die Tür der Bar kommt – und zwar in Gestalt eines ehemaligen Kollegen von der Police Academy, an den sich unser stoppelbärtiges Konterfei allerdings gar nicht mehr erinnern kann… Egal, in einer Situation wie dieser ist jede Hilfe willkommen, und schließlich wirft sich der rastawollige Latino ebenso bereitwillig wie todesmutig für uns ins Mündungsfeuer. Gemeinsam entkommen die beiden einem brutalen Dealer-Kartell und flüchten nach Lateinamerika, wo Mäxchens neuer Freund in der privaten Sicherheitsarmee eines Milliardärs dient. Zusammen sollen die beiden das blutjunge und Party-wütige Frauchen des Finanz-Zaren schützen, um Knackpo und Silikon-Busen beim Abfeiern vor unliebsamen Übergriffen zu bewahren – eine Mission, die Max gründlich versiebt, weil wer wieder mal im falschen Moment zu tief ins Glas schaut. Ergebnis: Kopfschmerzen, eine entführte Party-Maus und ein stinkwütender Klient. 

 

Aber nicht nur um den Arbeitgeber zu besänftigen, machen sich Max und Kumpel auf die Treter, um die knackige Blondine aus den Händen der Erpresser zu befreien: Schon um seine eigenen Dämonen zu bezwingen, will Max die Dame unbedingt retten, denn wie üblich beweist sich Mr. Payne als von Selbstzweifeln und Selbstmitleid gebeuteltes Wrack, das eigentlich nur eines kann – ballern, was das Zeug hält. Wie praktisch, dass auch das neue "Max Payne" reichlich willige Schießbudenfiguren bereithält, die sich strunzdoof in unsere Schusslinie werfen.

 

Und tatsächlich: Obwohl Max die letzten Jahre vor allem mit dem Konsum von Alkohol und Schmerztabletten verbracht hat, ist unser Alter Ego noch immer erstaunlich fit und hat nicht mal die Bullet-Time-Manöver verlernt, die ihn einst so groß gemacht haben. Genügend Spezialenergie vorausgesetzt (die wir zuvor durch fleißiges Abmurksen sammeln), wird der Zeitfluss auf Knopfdruck verlangsamt: Während sich unsere Gegner wie durch zähflüssigen Äther bewegen, ist Max selber – obwohl ebenfalls verlangsamt – noch immer flott genug, um seine Widersacher gemütlich von der polygonalen Platte zu putzen oder feindlichen Projekten auszuweichen. Zumindest theoretisch: Tatsächlich ist die Bullet Time vor allem eine günstige Gelegenheit, um ein wenig zu verschnaufen und den eigenen Regenerationsprozess voranzutreiben, während man dem Gros der gegnerischen Breitseite entgeht, weil die Kugeln zu langsam anrücken.

 

Abseits dieser – sehr überschaubaren – praktischen Seite hat die Zeitlupe vor allem einen Zweck: Cool auszusehen und Achievement-Jägern entsprechende Medaillen zu verschaffen. Medaillen für stilvolles Durch-die-Luft-segeln, cooles In-Zeitlupe-am-Boden-rumwälzen-und-dabei-aus-allen-Rohren-Feuern oder in Bullet Time abgespulte Scharfschüsse. Letztere lassen uns das Todesmoment der derart Durchlöcherten umso süffisanter miterleben und uns – sensbiles Timing vorausgesetzt – gleich noch ein paar Kugeln hinterher schicken, damit das Opfer in ein menschliches Sieb verwandelt wird.

 

Neben der knackig präsentierten Zeitbremse gibt sich Max wie gewohnt als routinierter Action-Held ohne nennenswerte Innovationen oder individuellen Merkmale, der in erster Linie von seinem dreckigen Look und markigen Sprüchen lebt: Unser Held entgeht wie in einem modernen Deckungs-Shooter den gegnerischen Schuss-Salven, indem er sich hinter Wänden, Korridorwinkeln, Mauern und Mobiliar verkrümelt, außerdem darf er über ein komfortables Ringmenü (das allerdings NICHT die Zeit anhält) zwischen drei unterschiedlichen Bleispritzen wählen bzw. sich mit einer Kombination von zwei kleinen Handfeuerwaffen (in jeder Hand eine) ins Gefecht werfen. Obwohl es der gealterten Ballermann reichlich schwer fällt, sich wieder aus der Deckung zu lösen oder sich fließend von einer zur nächsten zu bewegen (das haben die meisten modernen Genre-Helden etwas besser raus), ist man dazu geneigt, ihm seinen Shooter-seitigen Kompetenz-Mangel zu verzeihen. Immerhin ist er für sein fortgeschrittenes Alter (und die Menge täglich konsumierter Drogen) noch immer erstaunlich flott unterwegs, außerdem hält auch sein jüngster Kawum-Exzess durch geschickt eingestreute Szenenwechsel und Action-Film-reife Inszenierungs-Extras bei Laune. Damit meinen wir nicht nur die Comic-artig geschnittenen und gelayouteten Sequenzen, sondern vor allem ganz besondere Spielmomente: So klammert sich Maxi wie ein Äffchen an die Kuven eines Helis, um vor dort aus die Häscher seines jüngst entführten Mündels von einem Hochhausdach zu ballern… oder deckt er hält er seinem Kollegen bei einer Motorboot-Jagd den Rücken frei, indem er aufdringliche Verfolger im MG-Hagel verglühen lässt. 

 

Zugegeben: Das alles fühlt sich nicht immer völlig rund an, lässt an mehr als nur einer Ecke Feinschliff und vor allem im ersten Spieldrittel die für Max typische Verkommenheit vermissen. Doch gegen Ende des ersten Aktesd kriegt der Haudegen dann schließlich doch noch die Kurve: Dann will man vor allem deshalb weiterspielen, weil es immer wieder neue, sagenhaft heruntergekommene Hinterhof- und Dschungel-Szenarien zu entdecken gibt und die anfangs reichlich beliebig erscheinende Geschichte ordentlich Dampf macht. Auf diese Weise fühlt sich "Max Payne 3" ein bisschen an wie ein Action-Film mit unliebsamen Dreingaben: Das Spielen ist nicht unbedingt ein Hochgenuss, aber das zuSEHEN umso mehr. Unsere Empfehlung: Zuerst auf Weichei spielen und die Story genießen – und wenn man danach noch Lust hat, erst im Nachhinein per höherem Schwierigkeitsgrad bzw. Multiplayer-Modus auf Achievement-Jagd gehen.

 

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