Endlich angespielt: WiiU

Nachdem wir die E3 ausgelassen haben (d.h. wir waren nicht vor Ort und haben die Show stattdessen faul vom Sessel aus betrachtet), sind wir vergangene Woche zu Nintendos Post-Messe-Event in München gepilgert: Hier gab es für E3-Abstinentler doch noch die Gelegenheit, Nintendos neue Konsole zu erleben – und das ganz ohne lästige Menschenmassen. Stattdessen wurde in entspannter Atmosphäre und im heimeligen Kollegen-Kreis gespielt und Hand angelegt – und zwar an den bereits im Vorfeld heiß diskutierten WiiU-Controller, der auch beim Nachfolger zur erfolgreichen Motion-Control-Konsole das Herzstück darstellt. Das Angebot an Spielen war noch überschaubar, repräsentierte aber zumindest einen Querschnitt durch das Launch-Programm: Bei einer neuen Wario-Minispielsammlung durften wir den Touchscreen des Tablet-Controllers als Armbrust einsetzen, um die uns entgegen wuselnden Feindscharen nach Art eines Gamegun-Shooters vom Bildschirm zu pusten. Waren wir zu langsam und haben wir zugelassen, dass die possierlichen Gegner Grenze des TV-Schirms passierten, kamen sie wellenartig über den Touchscreen geflitzt, der damit quasi als 'Last Line of Defense' fungierte: Auf dem Fernseher wurden die Männiken 'erschossen', auf dem Touchscreen mit dem Finger platt gedrückt.

 

 

Wuselige Figürchen gab's auch von Platinum Games: "Project P-100" aus der japanischen Skurrilitäten-Schmiede lässt uns als schräger Superheld im hautengen, roten Dress gegen gigantische Battlemechs und dicke Panzer aufbegehren. Die wichtigsten Waffe im Kampf gegen die Stahlkolosse ist unser Gefolge: Diese 'Fans' (?) folgen uns wie ein aus Menschen formierter Rattenschwanz überall hin und lassen sich mit dem rechten Analog-Stick vom Helden unabhängig steuern. Mit Hilfe des Touchscreens verwandelt sich die Menschentraube sogar in eine übergroße Plasma-Puste oder ein wuchtiges "Power Rangers"-Megaschwert: Einfach im passenden Manöverfeld mit dem Finger die angezeigte Form nachzeichnen, und schon wird aus den Männiken eine mächtige Waffe. Putzige Comic-Grafik, ein Hauch von Spielzeug-Look und das ganz auf Wii U gebürstete Waffen-Konzept hatten Charme – aber wie die meisten Platinum Games dürfte auch das fertige "Project P-100" vor allem eines sein: Ein Nischenprodukt für Fans. Immerhin ist der Titel diesmal familientauglich: Blutfontänen und Handkante á la "Mad World" bzw. "Bayonetta" sucht man hier vergebens.

 

Umso brutaler (und obendrein herrlich trashig) wirkte Ubisofts Zombie-Ego-Shooter "ZombiU", der hier allerdings nur Multiplayer-seitig bespielbar war: Während sich ein Spieler mit dem neuen Classic Controller durch die untoten Horden metzelte, war der andere per Tablet zur Stelle, um ihm mit Hilfe des Touchscreens immer neue Gegnerhorden entgegen zu schicken oder ihm das Leben mit allerlei anderen Hindernissen schwer zu machen. 

 

Nintendo selber präsentierte das neue "New Super Mario Bros. WiiU", das zwar all zu großen Überaschungen zu bieten scheint, den Fans aber genau das beschert, was sie wollen: Eine horizontale Hupf-Orgie um die bekannten Nintendo-Figürchen, die jetzt zum ersten Mal in fein gezeichneter HD-Grafik von links nach rechts turnen. 

Technisch eindrucksvoller, aber leider noch nicht per WiiU-Tablet, sondern ausschließlich mit Hilfe der altbekannten Wiimote/Nunchuk-Kombi bespielbar war das neue "Pikmin", bei dem die possierlichen Mini-Männlein durch eine neuerdings auf Fotorealismus getrimmte Polygon-Botanik wetzen. 

 

 

Wer ein ausgesprochener Befürworter von geselligigen Minigames ist, der wurde außerdem mit den unterschiedlichen Ablegern des virtuellen Themenparks "Nintendo Land" glücklich: Wer wollte, durfte hier in auf "Zelda", "Donkey Kong" oder "Luigi's Mansion" getrimmten Attraktionen wetzen, wuseln, grübeln und sich von den vielen, vielen aberwitzigen Einsatzmöglichkeiten des Tablet-Controllers überzeugen. Wie "Nintendo Land" wirklich funktioniert – die Antwort darauf blieb man uns leider nach wie vor schuldig. Wir halten es allerdings für wahrscheinlich, dass es sich um eine Art bespielbares Sahnehäubchen auf die WiiU-eigene Sozial-Plattform "Miiverse" handelt. 

Da der Autor dieses Beitrags allerdings der weltgrößte Halli-Galli-Party-Social-und-Geselligkeits-Game-Verweigerer ist, hat er die "Nintendo Land"-Attraktionen schnell links liegen lassen, um sich den ebenfalls ausgestellten 3DS-Games zu widmen (man möge es ihm verzeihen): Neben dem ersten "Castlevania" für Nintendos stereoskopischen Handheld wollten hier das grandiose "Luigi's Mansion" und ein neues "Kingdom Hearts" angefasst werden. 

 

Für ausgesprochen Core-gamige Vertreter der Fachpresse war die WiiU-Präsentation leider dezent ernüchternd, weil zu wenig schwergewichte Software präsentiert wurde: Wer glaubte, Nintendo würde bereits zur WiiU-Veröffentlichung mit einem neuen "Zelda", einem "Mario Galaxy" oder "Metroid" auftrumpfen, wurde leider enttäuscht – zumal die präsentierten Spiele zwar allesamt einen famosen Eindruck machten, in ihrer für Nintendo typischen Comic-Ausprägung allerdings kaum zu zeigen vermögen, was auf der Konsole technisch machbar ist. In dieser Hinsicht interessanter werden Titel wie "Assassin's Creed 3" oder die WiiU-Neuauflagen von "Mass Effect 3" bzw. "Batman: Arkham City". Lezteres war zwar bereits anspielbar, befand sich aber anscheinend noch in einem sehr frühen Beta-Stadium: Mit größtenteils matschigen Texturen gefiel dieser aktuelle Entwicklungs-Stand der WiiU-Version weniger als die für Xbox 360 bzw. PS3, aber repräsentativ dürfte Gothams Fledermaus in diesem frühen Portierungs-Stadium noch nicht gewesen sein.

 

Wesentlich vielversprechender war da schon der Tablet-Controller selber: Nintendo lässt wie bei der Wii keinen Zweifel daran, dass die ungewöhnliche Eingabe-Gerätschaft das Herzstück des Konzepts darstellt, die Technik selber (abermals in einem nicht unschicken, aber dennoch unscheinbare weißen Mini-Kasten verbaut) scheint vergleichsweise zweitrangig zu sein. Umso mehr konzentriert man sich abermals darauf, dieses Alleinstellungsmerkmal und seine Einsatzmöglichkeiten zu veranschaulichen – und dieser Teil der Präsentation war rundum gelungen: Denn obgleich die gezeigte Daddel-Ware eher eine Weiterführung des Wii-Konzepts denn die von vielen erhoffte Rückführung in den Schoß der Core-Gamer-Gemeinde war, so überzeugte sie doch durch einen enorm hohen Griffigkeits- und Spaß-Faktor. Kurzum: Wer eine neue Technik-Generation für noch realistischere Ego-Shooter oder pompösere Adventures haben will, ist hier vermutlich falsch – wer dagegen für einen erschwinglichen Preis (über 350 Euro dürfte die Konsole bei ihrer Markteinführung Ende dieses Jahres kaum kosten) etwas haben will, dass sich WIRKLICH frisch anfühlt, der darf sich freuen. Und immerhin ist die Veröffentlichung eines "Zelda"-Abenteuers bereits bestätigt – wann immer es auch kommen mag. 

 

Wirklich enttäuscht sind wir aktuell von nur einer Tatsache: Die als Kern-Feature beworbene Möglichkeit, das gesamte Spiel von der Mattscheibe auf das Controller-Display zu streamen, damit sich die genervte Freundin in der Zwischenzeit z.B. ihre Soap anschauen kann (oder er das Fußballspiel – je nachdem), wird aktuell lediglich von den "New Super Mario Bros." unterstützt. Alle anderen beherrschen dieses Feature nicht… bzw. noch nicht. Was wir ursprünglich als festes Feature verstanden haben, ist allem Anschein nach nur dort präsent, wo es der jeweilige Publisher gezielt einbaut.

 

Wesentlich interessanter ist da allerdings ein Bestandteil der "Near Field Technology" (also der Kommunikation zwischen Tablet-Controller und Konsole), den Nintendo selber bisher noch nicht im großen Stil präsentiert hat, der aber von Drittanbieter-Seite durchgesickert ist: So soll Ubisofts "Rayman Legends" (das leider nicht auf dem Event zu sehen war) z.B. durch den Kauf von Spielzeug-artigen Gimmicks wie Rabbid-Figuren oder Plastikherzen gestützt werden. Das verspielte Zubehör wird dann via Touchscreen abgescannt, um nach "Skylanders"-Art direkt ins Spiel gebeamt zu werden. 

 

Obwohl WiiU nicht das von manch einem erhoffte Technik-Monster zu werden scheint, könnte sich Nintendos Herangehensweise am Ende trotzdem als die richtige erweisen: Immerhin hat die aktuelle Hardware-Generation mehr als einmal bewiesen, dass sie zu großartigen Spielen fähig ist – und vielleicht braucht es keine leistungsfähigeren Grafik-Chips und noch feiner aufgelöste Spiele-Optik, sondern die Kreativität der Nintendo-Designer, um uns das neue Spielgefühl zu bescheren, das uns Microsofts Kinect-Kamera z.B. bis heute schuldig geblieben ist. 

 

 

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