Muskulöser Platformer für iOS: He-Man

 

"Bei der Macht von Grayskull – ich habe die Kraft!" dröhnte es ab Mitte der 80er auch aus deutschen TV-Geräten. Indem man die bereits ein Jahr zuvor gestartete Spielzeug-Marke "Masters of the Universe" durch eine TV-Serie flankierte, wollte man die Figuren bewerben und den "He-Man"-Kosmos um eine ordentliche Hintergrundgeschichte bereichern. Bereits durch die Beilage kleinformatiger Comic-Heftchen in den Verpackungen der Action-Figuren machte der Hersteller deutlich, dass er hier nicht nur einige wenige Plastik-Männlein verscheuern, sondern einen langlebigen Unterhaltungs-Kosmos schaffen wollte. Das Experiment funktionierte so gut, dass die 'Meister der Universums' zum festen Bestandteil der westlichen Pop-Kultur wurden. Außerdem gelten He-Man, Teela, Man-at-Arms, Ram-Man & Co. heute als Geburtsstunde der modernen Action-Figur – und das, obwohl Hasbro bereits Mitte der 60er mit seinem "G.I. Joe" erstmals ein durch Jungs bespielbares Gegenstück zu Mattels "Barbie" in die Läden brachte. 

 

Die Geburt He-Mans ist angeblich einem Zufall zu verdanken: Eigentlich wollte der Konzern seine "Conan"-Lizenz nutzen, um Barbaren-Darsteller Schwarzenegger als Ken-artigen Muskelmann in die Läden zu bringen – doch nachdem man die Filmvorlage für zu brutal befand, entwarf man ein familienfreundlicheres Konzept: He-Man war ein zunächst von Anfang an bärenstarkter Held (Verwandlung nicht erforderlich), der mit seinem dämonischen Widersacher Skeletor um die beiden Hälften eines Zauberschwertes rang – denn nur zusammengefügt würde die famose Waffe ihrem Besitzer die Macht über Schloss Grayskull und den Planeten Eternia verschaffen. 

Mit Einführung der Trickfilme bekam Eternia schließlich den bis heute bekannten Hintergrund: He-Man ist in Wahrheit der hasenfüßige Prinz Adam. Erst wenn er mit seinem Zauberschwert die Kräfte Grayskulls beschwört, wird aus dem faulen Thronfolger der muskelbepackte und furchtlose Strahlemann. Zusammen mit dem Chef-Totschläger des Königs (Man-at-Arms), dessen unanständig knackiger Tochter Teela und bulligen Gesinnungsgenossen verteidigt er Land und Leute gegen Kotzbrocken wie den Drow-Magier Keldor alias 'Skeletor', den übermächtigen King Hiss oder Maskenmann Hordak. 

 

Obwohl die iOS-Versoftung von Chilingo (mit dem schlichten Titel "He-Man") keinem speziellen Handlungsstrang folgt und Elemente aus allen Entertainment-Ebenen der Marke wild vermixt, ist der angenehm klassisch gehalten Platformer die bis heute beste Versoftung des Mattel-Universums: Weder die selbst für He-Man-Verhältnisse extrem überproportionieren Figuren (Eternias Verteidiger ist wie ein Gorilla) gebaut) noch Begegnungen mit dem dauerflüchtigen Skeletor oder div. Slapstick-Einlagen nehmen die Vorlage all zu ernst – alles andere wäre heute auch schlicht lächerlich. Und obwohl man Details wie die Größenverhältnisse unter den Protagonisten nicht all zu genau nimmt (Skeletor und He-Man sind in etwa gleich groß, Beast-Man dagegen ein turmhohes Endgegner-Monstrum), ist Chilingos "Masters"-Spielchen Fan-Service pur: Während wir durch schick illustrierte Szenarien wie Skeletors 'Snake Mountain' oder Hordaks 'Fright Zone' wetzen, hüpfen und keilen, hauen wir die aus dem Spielzeug- und TV-Kosmos bekannten Roboter-Dronen zu Bruch. Nach dem Exitus dürfen wir in Orkos Zauberladen um die Instant-Rückkehr zum letzten Checkpoint feilschen… und bei Bestätigung von Menüpunkten bekommen wir das selbe wuchtige "Heeeee-Man!!!" entgegen geschmettert wie bei den Szenen-Wechseln in der Zeichentrickserie. 

 

Obwohl uns "He-Man" wie so viele Appstore-Spiele zum Echtgeld-Kauf von Ingame-Währung motivieren will, können wir den eternischen Spielplatz auch ohne derartige Kinkerlitzchen bezwingen: Sobald wie Mer-Mans Refugium 'Crystal Sea' betreten, steigt der Schwierigkeitsgrad zwar rasant an, doch die Touchscreen-Steuerung von Eternias horizontaler Mucki-Bude ist so präzise und intuitiv, dass wir mit ein bisschen Übung auch knifflige Sprungpassagen und harte Kämpfe hinkriegen. Statt eines virtuellen Steuerkreuzes fungiert hier die komplette linke Screenhälfte als Kontroll-Instrument – einfach nach links bzw. rechts wischen, und He-Man trottet brav in die angetatschte Richtrung. Begrabschen wir dagegen die rechte Bildschirm-Hemisphäre, dann lässt unser Extrem-Body-Builder das Schwert kreisen (einmal tappen) oder schleudert z.B. seine Axt (wischen). 

 

Wer dagegen 'schöner' siegen will, der sollte zusätzlich zum Kaufpreis von 89 Cent (für iPhone/iPodTouch bzw. iPad) schon mal zwei bis drei zsusätzliche Euro einkalkulieren, um danach in Orkos laden neckische Gimmicks einzukaufen. Denn: Ohne Echtgeld-Finanzspritze sind Special-Moves wie die Wurfaxt nahezu unerschwinglich, außerdem will jeder Einsatz von He-Mans Zauberschwert hier eingekauft werden. Und der lohnt sich tatsächlich: Jedesmal wenn unser Kraftprotz die Energien Grayskulls anzapft, wird er für einige Sekunden unkaputtbar – außerdem gerät jede Berührung durch den Superhelden tödlich. Nicht ganz so nützlich, aber ein nettes Cameo ist der (ebenfalls im Shop erhältliche) Auftritt von Kumpel Duncan (Man-at-Arms), der für einige Augenblicke He-Mans Rolle einnimmt und wild mit dem Laser um sich ballert. 

 

Doch ganz gleich, ob uns He-Mans digitales Comeback eine Zusatz-Spende wert ist oder nicht – Chilingos "Most Powerful Game in the Universe" (siehe Promo-Video unten) ist der einzige wirklich spielenswerrte Gaming-Auftritt von Mattels Mr. Universum… und eines von wenigen Games im Appstore, die dem Touchscreen konsolenwürdiges Gameplay entlocken… und das ziemlich souverän: In diesem Sinne: "I have the Power!"

 

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