Test: Call of Juarez – Gunslinger

 

Der ergraute Kopfgeldjäger Silas Greaves kommt 1914 in seine Heimatstadt zurück und will sich ein paar Gläschen an der Bar genehmigen – da trifft er auf Fans: Weil es seine legendären Abenteuer längst in Groschenroman-Form gibt, hängen die Saloon-Besetzer bald an den Lippen des Revolverhelden. Der will einige Beschönigungen und Unwahrheiten aus den Romanen korrigieren, doch seine ausschweifenden und blumigen Geschichten enthalten selber jede Menge Wildwest-Garn: Der polnische Entwickler Techland inszeniert das Abenteuer als geradlinigen Ego-Shootout, bei dem schicke Cel-Shading-Grafik und gezeichnete Standbilder den augenzwinkernden Trash- und Heftchen-Style der Greaves-Geschichte perfekt einfangen. Wann immer der fabulierende Kopfgeldjäger in seinem ausschweifenden Redefluss an eine Stelle kommt, an der ihn entweder die Erinnerung in Stich lässt oder er sich plötzlich eine neue 'Korrektur' aus dem Ärmel schüttelt, ändert sich auch das gespielte Szenario: Auf einmal tun sich neue Wege und Verzweigungen auf, erscheinen wie aus dem Nichts ganze Gebäude, schieben sich riesige Felsmassive zur Seite oder werden die letzten zehn Spielminuten gnadenlos zurückgespult, weil sie sich als ein "Das wäre so gewesen, wenn… "-Szenario entpuppen. 

Zusätzlich zur packenden Revolver- und Flinten-Action gibt's launige Rollenspiel-Features, die das sonst eher straighte Abenteuer angenehm individualisieren: Je kunstvoller wir Ganoven wie 'Billy the Kid' oder die Dalton-Brüder und ihre Handlanger über den Haufen ballern, desto mehr Erfahrungspunkte gibt's – und desto schneller erreichen wir das nächste-Level-Up und mit ihm die Gelegenheit, neue und stärkere Fähigkeiten für noch mehr rauchende Colts einzukaufen. Vom zweiten "Call of Juarez" übernommen wurde der flinke Wechsel zwischen einem Colt, zwei Colts und dem Gewehr – je nachdem, ob der Wildwest-Ballermann eher den Fernkampf oder direkte und besonders bleihaltige Schlachten schätzt. 

 

Apropos Duell: Die klassischen Gunslinger-Gefechte 'Mann gegen Mann' sind ebenfalls wieder mit dabei, aber zum Glück nur noch halb so nervig. Umso härter sind dafür die Ballereien vor dem Duell: Hier kommen selbst Profis oft ins Fluchen. 

Trotzdem: Abgesehen von der hin und wieder etwas ungünstigen Spielbalance, den frustigen Boss-Gefechten und den Hampelmann-artig animierten Gegenspielern ist das günstige Download-Abenteuer die bisher gelungenste "Call of Juarez"-Episode. Schön, dass sich die Serie nach ihrer neuzeitlichen Identitätskriese in "The Cartel" wieder gefangen und auf ihre staubige Wildwest-Wurzeln besonnen hat. Für die musikalische Inszenierung setzt der Entwickler einmal mehr auf eine Kombination von Morricone-artigen, epischen Western-Hymnen und schmissigem Country-Rock: Klasse!

 

 

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