Im Fokus: Metro – Last Light

Postapokalyptische Visionen gibt es viele, und die meis-ten davon sind zur Zeit des Kalten Krieges entstanden: Das Klima zwischen USA und der damaligen UDSSR war auf dem Tiefpunkt, und die möglichen Folgen eines nuklearen Konflikts geisterten nicht nur dem Normalbürger, sondern vor allem Science-Fiction-Autoren durch's Oberstüblein. Beseelt von der Angst vor dem letzten aller Tage, zeichneten sie das Bild einer zerstörten, von atomarer Strahlung und nuklearem Winter gebeutelten Welt, in der unsere Art nur unter äußersten Entbehrungen und vorzugsweise unter der Erde überleben kann. Doch die meisten dieser Visionen beleuchten nur die Seite des westlichen Blocks: Wie würde es in den USA aussehen? Was wären die Folgen für Europa? 

Was dagegen russische Schriftsteller über die Folgen eines Atomkriegs zwischen West und Ost dachten, hat bis vor wenigen Jahren kaum jemanden interessiert. Abgesehen von "S.T.A.L.K.E.R." aus der ukrainischen Spieleschmiede GSC Gameworld, das die mutierten Folgen des Chernobyl-Fallouts behandelt, sind verstrahlte Visionen aus Russland in unseren Breiten Mangelware. 

Die prominteste Ausnahme von der Regel ist nach wie vor das "Metro 2033"-Universum von Dmitry Glukhovsky: Das dystopische Werk des Autors wird zunächst als Internet-Phänomen erfolgreich, 2007 findet es dann seinen Weg in Buchhandlungen weltweit – und hat prompt eine ganze Serie von "Metro"-Romanen zur Folge, die Glukhovskys Handlung weiterspinnen. Nur sechs der insgesamt 24 "Metro 2033"-Bücher von Gastautoren schaffen es bis nach Deutschland, und alle bis auf einen werden von russischen Autoren ersponnen. Glukhovskys eigene Fortsetzung "Metro 2034" indes erscheint zwei Jahre nach seinem Original und erzählt nicht mehr schwerpunktmäßig die Geschichte von Artjom, lässt aber mehrere Hauptfiguren des Erstlings zumindest in Erscheinung treten. 

 

Doch unabhängig von der Hauptfigur ist eines in allen Inkarnationen des "Metro"-Universums gleich: Ein nicht näher definierter Atomkrieg macht der Zivilisation den Garaus. Danach schildern Glukhovsky und Konsorten den Überlebenskampf der Überlebenden: Die haben in den Tunneln der Moskauer Metro Unterschlupf gefunden, wo man eine neue Gesellschaft aufbaut – und zwar zum Leidwesen aller Beteiligten nach dem Vorbild der untergegangenen. Will heißen: Anstatt aus dem angerichteten Schaden klug zu werden und friedlich zu koexistieren, transportiert man die alten Wertanschauungen und Probleme in die neue Welt – bildet teils radikale Machtblöcke, Fraktionen und sich verhärtende Fronten, die in den  subterranen Palästen der legendären Moskau-Metro regelrechte Schlachten führen und sich nach althergebrachtem Modell die Birne(n) wegballern. Will heißen: Man hat nix dazu gelernt. Neben Kommunisten und einer an die antiken Spartaner angelehnten Elite-Einheit melden sich sogar die Nazis zurück auf der Bildfläche – Hakenkreuz und ein gebelltes "Heil!" inklusive. Doch rote Truppen oder im Stechschritt marschierende Gehirnamputierte sind beileibe nicht die einzige und vor allem nicht die größte Bedrohung, mit der sich der Metro-Bürger konfrontiert sieht, wenn er die Sicherheit des unterirdischen Gang-Gewirrs oder seine heimische Station verlässt: Das Leben auf der verseuchten Oberfläche ist Genre-typisch nicht vollständig zum Erliegen gekommen, sondern zuallerst zünftig mutiert. Ob die sabbernden, hechelnden Zweibeiner, geflügelten 'Dämonen' oder speicheltriefenden Mega-Skorpione ursprünglich Tiere oder Menschen waren (oder Mutter Natur in ihrer verstrahlten Verzweiflung beide miteinander kombiniert hat), das weiß allein der Autor. Die Stars dieser zweifelhaften Evolution sind aber die 'Schwarzen': Diese hochaufgeschossenen, Alien-artigen und humanoiden Genossen sind ungefähr genauso potthässlich wie der Rest der enstellten Fauna, aber anders als die übrigen Monstrositäten verfügen sie über intellektuelle Kapazitäten, die denen des Menschen mindestens ebenbürtig sind – und um der Mutation die Schöpfungskrone aufzusetzen, verfügen sie auch noch über paranormale Fähigkeiten, mit denen sie ihren bejammernswerten Opfern die Birne weich machen. 

Weil Dmitry Glukhovsky nicht nur Autor und SciFi-Fan, sondern außerdem extrem Videospiel-affin ist, waren seine Visionen bereits als Ego-Shooter nachspielbar, lange bevor Metro-Goldwyn-Mayer sich die Option auf eine Verfilmung sicherte. Grund genug für das ukrainische Entwicklungsstudio 4A Games, die Materie ganz im Geiste der bedeutungsschwangeren Vorlage zu gestalten – zumal Schöpfer Glukhovsky höchstpersönlich das Skript für die Versoftung seines verstörenden Universums liefert. Obwohl sich der ehemalige SciFi- und Medien-Journalist bereits bei "Metro 2033" die Freiheit genommen hat, sein eigenes Werk an einigen Stellen zu verändern und den Notwendigkeiten des verspielten Mediums anzupassen, ist er dem Geist des Originals wie erwartet treu geblieben. 

Jetzt profitiert auch die Fortsetzung von dieser fruchtbaren Zusammenarbeit: "Metro Last Light" interaktiviert keine spezifische Romanvorlage aus dem unterirdischen Universum, vielmehr öffnen 4A und der Schöpfer höchstpersönlich ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der Moskauer U-Bahn. Und in dem ist einmal mehr Artjom die Galionsfigur: Nachdem er im Vorgänger eine Rakete auf den Botanischen Garten abgefeuert hat, um die 'Schwarzen' ein für allemal zur Hölle zu schicken, plagen ihn in "Metro: Last Light" schließlich Gewissensbisse: Waren die telepathisch begabten Wesen wirklich so bösartig wie behauptet? Und selbst wenn: Lässt sich ein Genozid überzhaupt IRGENDWIE rechtfertigen? Waren diese Wesen vielleicht einfach die nächste Sprosse auf der menschlichen Evolutionsleiter und hatte der Homo Sapiens Sapiens am Ende zurecht ausgedient? Als der Spartaner davon hört, dass ein überlebender 'Schwarzer' gesichtet wurde, fackelt er nicht lange: Er wagt sich einmal mehr auf die lebensfeindliche Oberfläche, um den vermeintlichen Feind näher in Augenschein zu nehmen und ein für allemal herauszufinden, was die potentiellen Finsterlinge wirklich antreibt. 

 

Was folgt, das inszenieren Entwickler und Autor nicht in erster Linie als Ego-Shooter, sondern vor allem als psychologisch cleveren Horror-Trip, von dem jede Minute unter die Haut geht. Ob es nun die in Trümmern liegende und von fremdartigen Wucherungen gezeichnete Erde mit ihren neuen, bizarren Bewohnern ist oder der schiere Überlebenskampf ihrer einstigen Herren, die sich jetzt nur mit Gasmaske, Schutzkleidung und geschulterter Bleipuste an die 'frische Luft' trauen können: Glukhovsky und 4A zeichnen meisterhaft das Bild einer Welt, die vom Menschen zerstört wurde, sich dann als Folge Menschen-gemachter Katastrophen radikal verändert und schließlich fatale Abwehrkräfte gegen ihren größten Feind entwickelt hat – uns. Während der Mensch unter Millionen Tonnen Schutt begraben liegt, um dort so lange weiterhin seine Träume von Macht und Reichtum zu leben, bis er sich endgültig selbst vernichtet hat, zeigt Mutter Erde, was sie am besten kann – überleben, sich regenieren und Kämpfer hervorbringen. Es ist das traurige Portrait einer Spezies, die so erfolgreich war, dass sie sich mangels anderer Feinde zu beherzt mit ihren Brüdern bekriegte und schließlich höchstselbst aus dem Rennen kickte, das da Evolution heißt. Das Portrait einer Spezies, die sich so verzweifelt gegen ihre offensichtliche Niederlage sträubt, dass sie schließlich die einzigen Nachkommen zu zerstören droht, die ihr Erbe bewahren und ehren könnten. Darum hat jedes verbissene Gefecht, jede panische Flucht über die von feindlichen Kreaturen bevölkerte Oberfläche und jede fahrige Wischbewegung über die von Wassertropfen bedeckte Gasmaske nicht nur eine hochspannende, sondern vor allem eine tieftraurige Note. Die digitale Metro gewährt uns einen Blick in die Kristallkugel, aber vor allem hält sie uns einen Spiegel vor und zeigt gekonnt, warum die besten Science-Fiction-Visionen davon leben, dass sie aktuelle Probleme zitieren und in ein überzeichnetes "Was wäre wenn?"-Szenario betten. Dann wird aus einem Roman mehr als 'nur ein Buch' und aus einem Action-Spiel mehr als nur ein 'Shooter'. 

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Moritz (Samstag, 01 Juni 2013)

    Hallo liebe elektrospieler Redaktion,

    schön das eure Printausgabe wieder im Handel erhältlich ist, die neueste Ausgabe war wie gewohnt informativ und fantastisch anzusehen ;)
    Lediglich beim Metro Artikel fand ich es ein wenig Schade, dass fast alle Artworks und Screenshots nur die zugegebenermaßen schaurig schöne Oberwelt zeigen, der jedoch mindestens genause fantastische Untergrund außen vor blieb. Bei einem Spiel welches den Namen "Metro" trägt und sich auch gerade durch die dichte Atmosphäre der Lebhaften Stationen auszeichnet hat mich dies ein wenig verwundert.
    Nichtsdestotrotz eine tolle Ausgabe! Wird es in absehbarer Zeit auch wieder das Abo im Shop zu kaufen geben?

    Lg, Moritz

  • #2

    Robert Bannert (Samstag, 01 Juni 2013 23:31)

    Hallo Moritz!

    Erstmal lieben Dank für Feedback und Lob! Wg. der Artworks im "METRO"-Artikel: Ich gebe Dir Recht – allerdings sind wir natürlich in Bezug auf die Gestaltung und Bebilderung eines Artikels auf das angewiesen, was der betreffende Hersteller dazu in petto hat – und alles, was hochaufgelöst genug war, um in einem Print-Medium Verwendung zu finden, findest Du auf diesen Seiten! Die Bilder, die Du Dir wünschst, gibt es leider nicht – oder zumindest haben wir sonst nichts zur Verfügung gestellt bekommen. :)

    LG,
    Robert

  • #3

    Moritz (Sonntag, 02 Juni 2013 00:34)

    Danke für die schnelle Antwort, das ist natürlich Schade aber der Artikel ist ja immer noch sehr schön :)
    Wie sieht es denn mit dem Abo aus?

  • #4

    Robert Bannert (Sonntag, 02 Juni 2013 15:08)

    Du meinst, wieso das nicht mehr im Shop gelistet ist? Wir sind hier aktuell leider am Limit dessen angekommen, was wir Abo-mäßig betreuen und eintüten können – es wird gerade zu viel. Aber wir suchen nach einer Lösung. ;)

  • #5

    Robert Bannert (Sonntag, 02 Juni 2013 15:12)

    Ach ja, ganz vergessen: Du kannst das Abo aber immer noch auf der Seite des CSW-Verlags abschließen – unter www.csw-verlag.de! Die verkaufen das Heft auch und haben für den Versand mehr Kapazitäten als wir. ;)

  • #6

    Moritz (Sonntag, 02 Juni 2013 16:51)

    Klasse vielen Dank, werde das Abo dort gleich abschließen. :)