Platt und brutal, aber auch spaßig: In der Test-Arena mit "RYSE – Son of Rome"


 

New York ist die Stadt, die niemals schläft – doch die 'Ewige Stadt'… das ist Rom! Fast tausend Jahre lang marschierten unter den 'S.P.Q.R.'-Standarten (lat. 'Senat und Volk von Rom') die römischen Legionen durch den Mittelmeerraum, um ihr gewaltiges Reich zu vergrößern, zu festigen, zu verteidigen. Einerseits wurden die Eroberten unterjocht, andererseits brachte man ihnen den Segen der Zivilisation: Straßen, fließend Wasser, Therme, medizinische Versorgung usw. Zugegeben: All das bauten die Eroberer in erster Linie für sich selbst (man wollte ja auf keinerlei Komfort verzichten, außerdem benötigte man für die Legionen und ihr schweres Kriegsgerät eben ordentliche Verkehrswege), doch die Unterjochten profitierten ebenfalls davon. Und was mit der Welt passierte, nachdem das Römische Reich schließlich verschwunden war – naja, das ist allgemein bekannt. Rabenschwarzes Mittelalter.

 

Doch einige hätten nur zu gerne auf die vermeintlichen Segnungen der Zivilisation verzichtet, denn ihre eigene Kultur ging entweder den Bach runter oder wurde bis zur Unkenntlichkeit in die der Eroberer assimiliert. Unter ihnen vor allem jede Menge Keltenstämme – in den Augen der Römer und von Cryteks "RYSE"-Autoren schlicht Barbaren. Heute vermutet man, dass unsere Vorfahren bereits vor der Eroberung durch die Römer einen ähnlich kulturellen Standard etabliert hatten wie die Stadt in der Po-Ebene: Viele der angeblichen Palisaden-Siedlungen Roms sind längst als keltische Heeres-Stationen entlarvt – und nicht wenige der mutmaßlich von Rom gebauten Straßen bzw. Befestigungsanlagen gehen wohl in Wahrheit auf das Konto der angeblichen Barbaren, die selber über große Metropolen, blühende Handelszentren und ansehnliche Handelsflotten verfügten. Hinweise darauf geben nicht nur jüngste archäologische Funde, sondern auch Schriften von griechischen Dichtern und Philosophen, die das Reich der 'Celtoi' (Kelten) und ihrer Dru-Wid-Priester (Druiden) als ein dem ihrem fast ebenbürtiges beschreiben. Doch das Bild der im perfekten Einheitsschritt marschierenden, übermächtigen Legionen Roms, die mit Gladius (Schwert) und Pilum (Wurfspeer) die barbarischen Horden niedermachten, hat sich im kollektiven Gedächtnis des Westens festgeschweißt: Rom – das ist die erste offzielle Supermacht der Geschichte, an der sich alle anderen messen wollen… von Diktatoren wie Hitler oder Stalin bis hin zu demokratisch regierten Nationen wie den USA. Denn Zivilisation – das ist wohl eine grausame Wahrheit der Geschichte – verbreitet man nicht mit dem Wattebausch, sondern dem Schwert. Obendrein eignet sich das von Geschichtsunterricht, Literatur und Sandalenfilmen bekannte Klischee hervorragend für eine effektvolle Interaktivierung. Die Themen: Große Gefühle. Schicksal. Ehre. Und natürlich immer wieder beliebt: Zivilisation gegen ungewaschene, unrasierte Barbarei.

 

Für die Inszenierung dieser Motive kombiniert "Crysis"-Entwickler und Technologie-Experte CryTek historische Ereignisse, Motive und Figuren aus der reichhaltigen römischen Geschichte, in denen sich das vermeintliche Mega-Imperium nicht gerade mit Rum bekleckert hat. Darunter z.B. der Kampf gegen die auf der britischen Insel ansässigen Keltenstämme der Icener und Trinovaten – die fühlten sich von der Zivilisation der Eroberer nämlich so ganz und gar nicht gesegnet. Unter der Herrschaft von Kaiser Nero (ca. 60 nach Christus) wurden sie von dessen Stadthaltern derart grausam geknechtet, dass sie unter der Königs-Witwe Boudicca einen der blutigsten Aufstände der römischen Geschichte anzettelten.

 

Genau dieses Zeitfenster öffnet CryTek für sein Xbox-One-exklusives Spektakel, um eine vor allem inszenatorisch brachiale Action-Schlacht zu basteln. Naturgemäß nehmen sich die Entwickler dabei einige historische Freiheiten heraus: Der eigentlich erst 120 Jahre später lebende Gladiatoren-Kaiser Commodus wird kurzerhand zu Neros dekadentem, selbstverliebten Sohn, Boudicca zur rechten Hand ihres königlichen Vaters und ihr berühmter Aufstand schafft es bis in die Straßen Roms – obwohl er in Wahrheit an der britischen Küste endete. Auch dass ein Insel-Kelte in voller Kriegsbemalung (Marke "Braveheart") jemals auf dem Rücken eines kathargischen Kriegselefanten durch die Straßen Roms marodiert ist, darf bezweifelt werden. Aber wenn Super-Legionär Marius seine Stellung hinter einer Repetier-Ballista bezieht und die urgewaltig schreienden Dickhäuter wie Panzer mit Schüssen bedeckt, dann fällt es uns denkbar leicht, derlei historische Ungenauigkeiten mit einem Schulterzucken hinzunehmen und genüsslich weiter zu metzeln, während wir die gute Aussicht genießen.

 


 

Und abgesehen von diesen (ganz klar beabsichtigten) historischen Ausrutschern war CryTek bei der Digitalisierung von Rom und Britannien extrem detailfreudig zugange: Ob die verschwenderischen Ornamente in den römischen Prachtvillen, die verzierten Runensteine der Keltenhaine und all die anderen neckischen Rand-Details nun eher einem cineastischen Schlachtenepos, einem "Asterix & Obelix"-Comic oder einem Besuch des "Römisch-Germanischen Zentralmuseums" in Mogontiacum (Mainz) entstammen, sei dahingestellt – auf alle Fälle verfehlen sie nicht ihre Intention… nämlich die aus Geschichtsunterricht und Medien bekanntesten Klischees vom Aufstieg und Beinahe-Fall Roms auf einen überschaubaren Zeitraum einzudampfen, effektvoll aufzuarbeiten und dabei um einen einzigen tragischen Helden herum zu gruppieren: In diesem Fall ist es der Zenturio Marius Titus, der die Rolle des treuen Waffenbruders, pflichtbewussten Soldaten, strahlenden Helden, skrupellosen Rächers und kampfgestählten Meisterkämpfers alle in einer Figur vereint.

Weil die gesamte Familie des Senatoren-Sohns von Boudiccas Horden getötet wurde, zieht er zusammen mit einem befreundeten Tribun auf die sturmgepeitschte Insel, um dort den Tod seiner Lieben zu rächen. Die Schicksalsschläge im Leben des jungen Elite-Legionärs (und davon gibt es eine Menge) präsentiert CryTek als spielerisch simples und geradliniges, aber dafür auch umso handlicheres Kampfspiel: Der römische Kampfkünstler setzt Keulen- und Axt-schwingenden Barbaren mit Schwerthieben in zwei unterschiedlichen Stärken zu, außerdem greift er in speziellen Spielsituationen hin und wieder zum Pilum (römischer Wurfspeer), um feindliche Bogenschützen bereits auf Distanz auszuschalten.

Auf komplizierte Kombinations-Manöver bzw. Special-Moves und ähnliche Fingerverknoter, wie man sie aus Prügelspielen á la "Devily may cry" gewöhnt ist, verzichtet das auf unkomplizierte Arcade-Action gebürstete "RYSE" kurzerhand. Stattdessen gibt Marius seinen Widersachern mit vergleichsweise handlichen 'Finishern' den Rest: Hat er den Gegner schön mürbe geklopft, dann behämmert man – je nach eingeblendetem Farb-Schema – entweder den gelben Y- oder den blauen X-Button und sieht dem Helden mehr oder weniger passiv dabei zu, wie er dem Opfer seinen Gladius-Käsedolch in Rücken, Nacken, Wanst, Hals bzw. Gesicht rammt, ihm die Kehle aufschlitzt oder Arme respektive bzw. Beine abtrennt. Infernalisches Gebrüll und schmerzerfüllt aufheulende Gegner, aus deren verstümmelten Gliedmaßen das Pixelblut pumpt, sind in dem ultra-brutalen "RYSE" an der Tagesordnung: Im alten Rom ging's offenkundig extra-appetitlich zu. Der Dienst in der Legion verlangte wohl nach einem robusten Magen.

 

Hin und wieder gestattet uns CryTeks technisch brillantes Schlachtfest auch einen interessanten Einblick in die römische Heerführung: Dann versammelt Marius seine überlebenden Getreuen unter der 'S.P.Q.R.'-Standarte und kommandiert sie entweder zu unterschiedlichen Einsatzorten, deckt ihren Vorstoß durch rasend schnellen Ballista-Beschuss oder formiert sie zur berühmten Schildkrötenformation, bei der sich Schilddeckung und konzentrierter Speer-Beschuss rhythmisch abwechseln.

Wer die deftige Dosis Brutalität und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit verknuspern kann, bekommt mit "RYSE" den vor allem visuell stärksten Exklusiv-Titel zum Xbox-One-Launch. Mehr noch: Aktuell kann kein anderes NextGen-Spiel auch nur eine kleine Kerbe in Marius' Rüstung schlagen – wenn der Zenturio austeilt, dann ducken sich selbst Sonys "Killzone"-Helghast erschrocken weg.

CryTeks Scharmützel bringt das Medium mit unfassbar detaillierten Szenarien, fotorealistischer Grafik und nahezu lebensecht animierten 3D-Akteuren auf das nächste Level – nicht nur bei den mit Spielegrafik realisierten Zwischensequenzen vergisst man regelmäßig, dass man ein Game, und keinen Realfilm betrachtet. Wer ein spielerisch raffiniertes Kombo-Monster für Prügel-Profis erwartet, dem wird vielleicht die Manöver-Vielfalt eines klassischen Genre-Titels abgehen, doch dafür fühlt sich "RYSE" authentischer, rauher und dreckiger an: CryTeks Entscheidung, die Akteure ungewöhnlich nah an die Kamera heranzuholen, mag spielerisch ein paar Einschränkungen mit sich bringen – doch dramaturgisch ist sie Labsal für das ganze Genre: Nie zuvor haben wir dermaßen direkt und beinahe schon schmerzvoll erfahren, wie sich so ein Kampf eigentlich anfühlrt. Großartig. (8 von 10)

 

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