Leider keine Killer-App für den PS4-Start: "Killzone – Shadow Fall" im Härtetest


 

 

Ego-Shooter sind trotz allmählicher Verschleißerscheinungen noch immer das verkaufsstärkste und wichtigste Genre für eine Etablierung im Massenmarkt – darum hat jeder große Hersteller seine eigene Hausmarke. Activision schickt jedes Jahr ein "Call of Duty" aufs Schlachtfeld, EA setzt auf seine "Battlefield", Ubisoft auf seine Tropen-Ballerei "FarCry", und selbst Nintendo hat über die Jahre seine "Metroid"-Reihe zum Ego-Shooter umgebaut. Umso wichtiger sind für Konsolen System-exklusive Genre-Vertreter: Die Xbox z.B. ist untrennbar mit dem Namen ihres Millionen-Sellers "Halo" verbunden, der die Verkäufe der Konsole seit jeher entscheidend befeuert.

 

Und Sony? Hier bemüht man sich seit fast zehn Jahren darum, die "Killzone"-Reihe des holländischen Entwicklers Guerrilla Games zum ebenbürtigen Widersacher aufzubauen – doch bis heute haben es die schießwütigen Gasmasken-Heinis vom Nazi-Planeten 'Helghast' nicht geschafft, die Drei-Millionen-Marke zu knacken. Zum Vergleich: Von "Halo 4" für die Xbox 360 hat Microsoft 8,7 Mio. Stück an den Spieler gebracht, beim Vorgänger waren es sogar 11,8 Mio.

 

Trotzdem hat man für den Start der PS4 auf genau diese Marke gesetzt. Und tatsächlich: Wenn es darum geht, die Grafik-Power der neuen PlayStation zu präsentieren, dann hat man mit dem visuellen Leckerbissen der niederländischen Technik-Cracks auf das richtige Pferd gesetzt. Anders als die beiden PS3-Episoden spielt "Killzone: Shadow Fall" nicht auf dem finsteren Minen- und Arbeiter-Planeten Helghast, sondern auf der Erd-ähnlichen Welt Vekta, die mit wundervoll dekorierten, futuristischen Architektur-Monolithen und idyllischen Landschaften begeistert. Denn Vekta hat in Teil 3 nach verlustreichen Kämpfen schließlich den Krieg gegen die Helghast gewonnen und deren Heimatwelt zerstört. Doch weil die Vektaner ein Herz für Schurken haben, stellen sie den überlebenden Helghast kurzerhand die Hälfte ihres eigenen Planeten zur Verfügung. Ist ja schließlich Ehrensache!.Klarer Fall: Mächtig Stunk unter den ungleichen Nachbarn ist da vorprogrammiert!

 

Weil "Shadow Fall" im Gegensatz zu den Vorgängern kein wüstes Geballere, sondern ein planvollerer Taktik-Shooter mit vereinzelten Schleich- und Adventure-Einlagen sein will, lässt es dem Spieler auch noch reichlich Zeit, über diese ausgesprochen blödsinnige Ausgangssituation nachzudenken. Die wenig glaubhafte Geschichte um den jungen Militär Lucas Kellen macht's auch nicht besser: Lucas Familie gehörte zum 'erlauchten' Kreis derjenigen Vektaner, die zugunsten der emigrierten Helghast aus ihrem Heim vertrieben wurden – und Wunder über Wunder: Die Böslinge haben sich nicht an die Absprache des friedlichen Einzugs gehalten und die Familie des Jungen kurzerhand kalt gestellt. Klar, dass der nicht gerade gut auf die noch immer maskierten Frischluft-Allergiker vom Planeten Helghan zu sprechen ist: Als Angehöriger der 'Shadow Marhals' gehört Lucas zu einer Einheit, die auf heimliche Infiltration und gedungene Meuchelei spezialisiert ist – schade nur, dass man im Spiel nicht viel davon merkt. Hin und wieder darf sich der Schattenkrieger von oberhalb auf seine hilflosen Gegner stürzen oder sie hinterrücks niedermachen – doch in den meisten Fällen wird er auf ziemlich offensive und vorhersehbare Scharmützel mit kleinen Einheiten aus strohdummen Feinden reduziert. Außerdem sind die wenigsten Levels weitläufig oder groß genug, um zu taktischem Vorgehen zu ermutigen: Hier wechseln sich Gewetze durch geradlinige Level-Schläuche mit frustrierend verwinkelten Korridor-Systemen ohne klare Missions-Parametern auf wenig inspirierte Art ab. Mal geht's durch eine finstere Container-Burg, ein anderes Mal durch die Lens-Flare-bestrahlten Stahlgänge eines Raumschiffs, dann wieder durch ein Gebirgswäldlein an der Grenze zum Helghast-Territorium.

 


 

Visuell sind die meisten Szenarien über jeden Zweifel erhaben: Wer sich mit der etwas eigenwilligen und bunt-verkitschten Beleuchtung Vektas anfreunden kann, der bekommt den bisher schönsten Ego-Shooter für Konsole – und zwar in fein gezeichnetem Full HD. Zugegeben: So gut wie ein "Crysis 3" oder "Battlefield 4" auf einem 2.000-Euro-PC sieht "Shadow Fall" nicht aus, aber es kommt zumindest dicht ran.

Spielerisch dagegen wirkt das PS4-Debüt der Holländer reichlich unfertig: Während der zweite und angenehm ausladende Gebirgs-Level noch Mut zu spielerischer Freizügigkeit und taktischer Vielfalt aufzeigt, so wird man spätestens ab Szenario 3 in den ersten von vielen drögen Level-Schläuchen abkommandiert, die so gar nichts mehr mit den abwechslungsreichen Mega-Schlachtfeldern der PS3-Vorgänger gemein haben. Obendrein vergrätzt "Shadow Fall" seine Fans mit unschönen Sackgassen und reichlich außerplanmäßigem Bildschirm-Ableben – z.B. dann, wenn man mit einer von den Entwicklern nicht einkalkulierten, unsichtbaren Grenze kollidiert. Schon mal bei einem 30-Zentimeter-Sturz ums Leben gekommen?

 

Spielerische Gimmicks wie eine per Dual-Shock-Touchpad gesteuerte Drohne können die Design-Defizite leider nur bedingt kompensieren – zumal der schwebende KI-Roboter seine Talente viel zu selten sinnvoll einsetzen darf. Darunter z.B. seine Fähigkeit, durch das Verschießen eines Drahtes eine Art Seilbahn aufzubauen, an der das Spielerkonterfei dann hinunter bzw. entlang gleitet. Schade nur, dass es kaum Stellen gibt, an denen man das Ding festmachen kann.

 

Ebenfalls nicht festmachen kann hier der Spielspaß: Zu viele unnötige Behinderungen, verblödete Computer-Spießgesellen und undurchsichtige Missionsziele führen dazu, dass es der an sich imposant inszenierte Titel so gut wie nie übers Motivations-Mittelmaß hinaus schafft. Für einen Konsolen-Starttitel ist "Shadow Fall" aufgrund des "Wow!"-Effekts noch akzeptabel, für ein "Killzone" dagegen nicht. Und ein bisschen mehr Einfallsreichtum beim Soundtrack hätte auch nicht geschadet. (6.5 von 10)

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