Nicht weniger als das beste "Assassin's Creed": Unter schwarzer Testflagge mit "AC4: Black Flag"

Seeschlachten wurden bereits in "AC3" eingeführt, doch erst im Nachfolger wird das Element 'Nautik' voll genutzt: Dazu gehören neben ozeanischem Kanonendonner das gute alte Kapermanöver, spektakulär präsentierte Stürme, Tauchgänge und das Harpunieren von Haien bzw. Walen, um deren Überbleibsel in den Waren- und Herstellungs-Kreislauf des Spiels zu überführen.


 

Mit Teil 3 und den Abenteuern von Halb-Indianer Connor zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeits-Kriegs war die populäre Meuchler-Mär eigentlich abgeschlossen: Neuzeit-Assassine Desmond Miles hatte durch seine Erinnerungs-Rückführungen in der virtuellen Realität des 'Animus' alle Informationen gesammelt, um die Welt im Jahr 2012 vor einer gewaltigen Sonnen-Eruption beschützen zu können. Preis der Rettungsaktion: Desmonds Lebens.

Doch eingemottet wird die Serie deshalb noch lange nicht: Der neue Held "Black Flag" ist der Freibeuter Edward Kenway – der Großvater von "AC3"-Frontfigur Connor. Der stolpert bei einer Kaperfahrt eher zufällig über einen abtrünnigen Assassinen und dessen Hinterlassenschaft – und stolpert dadurch prompt in den ewigen Machtkampf zwischen Meuchelmörder- und Templer-Orden. Doch die fantastischen Technologien der Altvorderen, auf die es beide Seiten abgesehen haben, wecken bei dem gierigen Schlitzohr nur neue Begehrlichkeiten: Zusammen mit einem bunt zusammengewürfelten Haufen aus Gefangenen der Templer kapert er eine flotte Schaluppe und kreuzt dann mit ihr durch die Karibik, um das sagenhafte 'Observatorium' zu finden.

 

Was bei "Assassin's Creed 3" nicht viel mehr war als ein spektakuläres Bonus-Spiel, wird beim Nachfolger also zum zentralen Spielelement: Die Reise von Schauplatz zu Schauplatz wird von der Wildnis des Festlands auf die hohe See verlegt. Da hier eher die Kanonen sprechen als Schwertarm und Fechtkunst, ist die Pflege und Verbesserung des eigenen Kahns oberste Piratenpflicht – doch all das gibt's nicht umsonst.

Zum Glück ist die überschaubare Spiel-Karibik ein wahrer Tummelplatz voller dicht an dicht gedrängter Schaluppen, Schoner und Galeonen – Nachschubmangel gibt's in diesem nautischen Selbstbedienungs-Buffet für Freibeuter kaum.

Darum böllern, ballern, brandschatzen und plündern sie auch, was das Zeug hält: Zuerst wird das Opfer mit donnernden Breitseiten und gezielten Einzelschüssen auf Schwachpunkte kampfunfähig gemacht – dann geht die grölende Meute längsseits, zurrt das brennende Wrack mit Haken in Enter-Reichweite und fällt mit rasselnden Säbeln und knallenden Musketen über die Verteidiger her. Ist die Schlacht gewonnen, wandert die Beute schnurstracks in Kenways Laderaum. Wer will, der darf gekaperte Kähne außerdem in die eigene Flotte einreihen und mit Hilfe einer (wahlweise auch per Tablet spielbaren) Taktik-Funktion auf Missionen entsenden. Und wer den Hals dann noch immer nicht voll hat, der sucht mit Hilfe einer improvisierten Tauchglocke unterhalb des Meeresoberfläche nach versunkenen Schätzen oder harpuniert vom Beiboot aus Haifische.

 

Gehören genauso zur Karibik wie die offene See: Tropische Flora bzw. Fauna, Indianer-Ruinen und natürlich ein paar Flaschen leckeren Rums unter Palmen. Auf NextGen-Hardware und gut bemuskelten Spiele-PCs ist die Vegetation deutlich üppiger ausgefallen als auf 360, PS3 bzw. WiiU. Offenbar hat man die virtuelle Bepflanzung mit dem PlugIn "Speed Tree" vorgenommen – darum kommt es leider auf allen Plattformen zum typischen 'Instant-Wachstum' mancher Pflanzen, sobald der Spieler in ihre Richtung steuert.


 

Doch auch die Jagd an Land spielt eine wichtige Rolle: Edward zieht erlegtem Tropen-Getier wie Echsen, Wildschweinen oder schillerndem Federvieh Fell respektive Federkleid über die Ohren, um es dann in Upgrades für seine Ausrüstung zu verwandeln. Die benötigt er nicht nur bei den Entermanövern, sondern vor allem beim Landgang: Neben großen Kolonien wie Havanna oder Nassau warten auch allerlei kleine bis mittelgroße Piratennester und Eingeborenen-Dörfer auf die Erkundung durch einen Abenteuer mit vertikalem Bewegungsdrang. Und den darf Edward deutlich intensiver ausleben als sein Nachfahre Connor: Die Dächer des Piratenzeitalters werden nicht so scharf bewacht wie die im Amerika des späten 18. Jahrhunderts. Auch die in Teil 3 omnipotenten Militär-Patrouillen wurden so stark reduziert, dass der geneigte Assassine endlich wieder nach Herzenslust rennen, springen und kraxeln darf, ohne direkt die ganze Garnison auf den Fersen zu haben. Auch die im Vorgänger zu harten Waffengänge mit Säbel, Messer, Pistole & Co. sind wieder deutlich zahmer – das aus den anderen vier Episoden bekannte Gefühl der Übermacht stellt sich wieder ein. Uninteressant wird "AC4" deshalb aber noch lange nicht: Neben den Siedlungen und karibischen Metropolen mit all ihren Halsabschneidern und Soldaten sind es vor allem die Ausflüge in die üppige Natur und in die Dschungel-Ruinen, die Stil und Reiz dieser Episode ausmachen.

 

Auch erzählerisch hat das jüngste "Assassin's Creed" einen Tick mehr zu bieten als der direkte Vorgänger: Die kantige und angenehm ambivalente Frontfigur Edward ist wesentlich vielschichtiger als der eindimensionale Connor – sein doppeltes Spiel verleiht dem zuletzt etwas eingefahrenen Gutmenschentum der Serie eine neue, interessantere Note. Allein die Ausflüge in die Neuzeit hätte man sich am besten ganz gespart: Anstatt einen modernen Assassinen zu spielen, schlüpft man hier in die Ego-perspektivischen Fußstapfen eines Angestellten des Templer-Konzerns Abstergo. Der erforscht mit Hilfe eines 'Animus' in handlicher VR-Brillen-Größe die Erinnerungen des bekannten Desmond Miles. Sinn der Aktion: Daten für ein Animus-Computerspiel sammeln!

 

Wer mit der wenig originellen Neuzeit-Ebene und einigen Unstimmigkeiten in Edwards Geschichte leben kann, bekommt allerdings vor allem spielerisch das bisher reifste Assassinen-Abenteuer: Die Mechanismen sind zwar altbekannt, fühlen sich aber funktioneller, geschliffener und vor allem besser ausbalanciert an als bisher. Kurzum: Hobby-Meuchler bekommen genau das, was sie erwarten und freuen sich über spektakuläre Seeschlachten.

(9 von 10)

 

(Eine umfangreichere Version dieses Artikels findet Ihr in Kiosk-Ausgabe Nr. 18 bzw. in Mobile-Issue #3)

 

Bei "AC3" haben wir feindliche Schiffe lediglich auf den Grund geschickt, in "AC4" dürfen wir sie auch ordnungsgemäß kapern. Vorteil des Entermanövers: Fettere Beute! Außerdem dürfen wir einen Teil der besiegten Crew anheuern oder den angeschlagenen Pott in unsere eigene Flotte übernehmen.


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