Doofes Vertriebsmodell, cooles Spiel: "Killer Instinct" für Xbox One soll zeigen, wie hart es wirklich ist

Klarer Fall für die Fraktion der Super-Prügel-Profis: Kämpfer wie Spionin Orchid (Bild links) wollen mit viel taktischer Finesse und blitzartigen Reflexen in die Schlacht geführt werden. Ob die "Killer Instinct"-Opas von 1994 heute noch schnell genug reagieren können, um in diesem brachialen Kombo-Gewitter zu bestehen?


 

 

"Killer Instinct": Das steht nicht nur per psychologischer, sondern auch nach spielerischer Definition für blutige und nackte, ursprüngliche Gewalt. Und für eines der anspruchsvollsten Beatem-Ups der vergangenen 20 Jahre: 1994 veröffentlicht der britische Traditions-Entwickler Rare zusammen mit Midway das brachiale Haudrauf-Spektakel "Killer Instinct". Das basiert angeblich auf der Hardware von Nintendos späterer "Nintendo 64"-Konsole und lässt anders als das bekannte "Mortal Kombat" keine digitalisierten Schauspieler, sondern mit CGI-Workstations vorberechnete Computer-Figuren gegeneinander antreten. Ein Jahr später bringt man eine abgespeckte Version für das Super-Nintendo, bevor die Ära 16Bit 1995 schließlich ihrem Ende entgegensieht.

 

Inzwischen gehört Rare nicht mehr zu Nintendo, sondern zu Microsoft, doch die längst überfällige Neu-Interpretation des Prügel-Klassikers für Xbox One entsteht trotzdem nicht beim "Killer Instinct"-Erfinder – stattdessen lässt man US-Entwickler 'Double Helix' ran.

Letzterer hat sich in den sechs Jahren seit seiner Gründung nicht gerade mit Ruhm bekleckert, doch mit dem neuen "Killer Instinct" ist den Kaliforniern ein echter Glückswurf gelungen: Altbekannten Kämpfern wie der knackigen Spionin Orchid, dem Indianer-Hünen 'Chief Thunder' und dem tibetischen Handkanten-Meister Jago wurde eine eindrucksvolle Frischzellenkur verschafft – alle Prügelknaben erstrahlen jetzt erstmal in Echtzeit-3D. Mit dem eisigen Alien 'Glacius' und der sabbernden Werwolfs-Zottelmähne 'Sabrewulf' stehen auch die beiden beliebten Ungetüme des 94'er-Originals wieder monströs Spalier – und mit der Meuchel-Mörderin 'Sadira' gesellt sich außerdem ein verführerischer Neuzugang zum Kader. Damit stehen anfangs sechs ungestüme Kampfsportmeister zur Wahl, von denen fünf allerdings erst mit harter Währung dazu gekauft werden wollen: Das Spiel selber ist zwar kostenlos, doch jeder weitere Kombatant schlägt mit fünf Euro zu Buche – oder aber man leistet sich für 20 Euro das günstigere Premium-Paket, das neben den bereits erhältlichen Kämpfern auch noch die beiden Figuren beinhaltet, die in den kommenden Monaten noch nachgeschoben werden.

 

 

 

Nicht gegen Echtgeld-Bezahlung, sondern in Duellen erspielte Punkte landen schließlich Inhalte wie zusätzliche Arenen, Musikstücke oder allerlei andere Accessoires und Gimmicks im digitalen Dresche-Sack – kein einfaches Unterfangen übrigens, denn "Killer Instinct" ist selbst unter dem niedrigsten von sechs Schwierigkeitsstufen ('Noob') ausgesprochene Profi-Kost: Drei unterschiedliche Härte-Grade bei Schlägen bzw. Tritten sowieso konsequent horizontales Gameplay Marke "Street Fighter" sind eine klare Reminiszenz an die Hochzeit des Genres, auch das anspruchsvolle Kampfsystem mit all seinen 'Ultra-Kombos' und 'Kombo-Breakern' wurde vorlagengetreu aus der Vergangenheit importiert. Die wenigen Ergänzungen hat man mit viel Bedacht vorgenommen – darunter z.B. Charakter-spezifische Fertigkeiten und Attribute, die dann aktiv werden, wenn der Kämpfer ordentlich austeilt und dabei den entsprechenden Extra-Balken füllt.

 

"Killer Instinct" richtet sich also ganz klar an die Freunde des Originals: Wenn 'Chief Thunder' mit stoischer Gelassenheit seine Tomahawks kreisen lässt, Orchid mit ihren leuchtenden Disco-Tonfas austeilt oder Sabrewulf die schraubstockartigen Kiefer zuschnappen lässt – dann ist vor allem für solche Spieler die Welt in Ordnung, die sich wie in der guten alten Zeit bereitwillig in ein Beat'em-Up-Regelwerk rein fuchsen, das nach so viel Hingabe, Taktik und übermenschlicher Reaktionsschnelligkeit verlangt, dass Prügelspiel-Unkundige in Tränen ausbrechen. Und das trotz vorbildlich aufgezogenem Dojo-Modus, in dem das Action-Regelwerk mit beinahe wissenschaftlicher Pedanterie erklärt und interpretiert wird.

Worüber sich Fans allerdings ärgern dürften, das ist der aktuelle Mangel an Inhalten: Abgesehen vom wenig attraktiven "Kaufe Kämpfer für Geld"-Modell gibt's bisher nicht mal einen Kampagnen-Modus, der die Keilerei zumindest Singleplayer-seitig in eine halbwegs attraktive Alibi-Geschichte bettet. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass man sich bei Microsoft vor allem deshalb für das umstrittene 'Free2Play'-Bezahlmodell entschieden hat, weil das Spiel zur Veröffentlichung der Xbox One einfach noch nicht fertig war.

 

Ergo: Wer auf einen vollwertigen Einspieler-Modus verzichten kann, der macht mit dem Erwerb des Premium-Pakets nichts falsch – vorausgesetzt, er will ein Prügelspiel der härtesten Sorte. Alle anderen warten erstmal auf den Kampagnen-Modus – oder ergreifen bei so viel geballter Komplexität einfach nur die Flucht. (8 von 10)

 

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