Klassisch, praktisch, gut: "Bravely Default" stellt sich zum Test-Duell

 

Auf den großen Konsolen sind klassische Rollenspiele made in Japan seit Jahren auf dem absteigenden Ast, doch im Reich der Handhelds erfreuen sie sich nach wie vor großer Beliebtheit. Den seit Jahren schönsten Beweis dieser Regel liefern Square Enix und „Silicon“: In ihrem 3DS-Aufgebot „Bravely Default“ vereinen beide Firmen alle fernöstlichen Genre-Tugenden in einer edel präsentierten Mega-Packung. Sympathische Anime-Figuren mit knalliger Haarpracht und verspielten Kostümen stehen dem Rollenspiel-Classical ebenso gut zu Gesicht wie die in ihrer Essenz zwar stockkonservativen, aber auch geschickt modernisierten Regelmechanismen: So verleiht man den Runde für Runde ablaufenden Gefechten eine angenehm taktische Note, indem man die Helden über die „Brave“-Option innerhalb einer Kampfrunde bis zu vier Aktionen gleichzeitig auszuführen lässt. Einzige Voraussetzung hierfür: Weil man normalerweise nur einmal zuschlagen, zaubern oder im Rucksack nach Heiltrank & Co. kramen darf, muss man zuvor mit Hilfe der „Default“-Funktion Aktionen aufsparen – oder aber man holt sich einen Aktions-Vorschuss, für den man später auf die Strafbank geschickt wird.

Eine ähnliche Funktion erfüllen die „Sleep Points“ („Schlafpunkte“), die das Kampfgeschehen über eine dem Punktekonto entsprechende Anzahl von Aktionen einfrieren. Leider gibt‘s die kostbaren Zähler nur gegen echte Euro – oder aber man muss sich in Geduld üben und für jeden Tag, den der 3DS im Standby-Zustand verschläft, einen Punkt einstreichen. Aber keine Bange: Wer fleißig Monster metzelt und die Stufenleiter steil erklimmt, der kann auf dieses Feature getrost verzichten.

Bei "Bravely Default" ist der Name Programm: Mit dem Menüpunkt "Default" können die Helden für spätere Runden Aktionen aufsparen, müssen dann aber in der laufenden Einheit passiv bleiben. Per "Brave" werden die gesparten Runden dann abgerufen, damit der Held mehrmals hintereinander angreifen kann. 


 

Und schließlich helfen auch noch reichlich Fertigkeiten durch komplizierte Gefechte: Hierfür bemüht man das bereits durch Square-Titel wie „Final Fantasy 5“ (1992) und „Final Fantasy Tactics“ (1997) bekannte Job-System, bei dem die Helden munter zwischen Berufsklassen wie Ritter, Kampfmönch, Magier oder Dieb hin und her springen, um sich die Spezialfähigkeiten der jeweiligen Klasse anzueignen.

Doch unabhängig davon, ob man die klassischen Spielwerte des Abenteuers schätzt oder nicht (zu denen zählen u.a. die bei vielen Gamern verhassten Zufallskämpfe), so lohnt bereits die liebevolle Präsentation der puppigen Fantasy-Welt die Anschaffung: Die virtuose Kombination von 3D-Grafik und handgezeichneten Elementen macht eine Menge her und ist obendrein für einige der bisher besten Stereoskopie-Effekte auf dem 3DS verantwortlich.

 

Erzählerisch bietet „Bravely Default“ zwar nur leidlich inspirierte Square-Enix-Standardkost, doch die wird zumindest charmant und witzig dargeboten: Weil das Gleichgewicht zwischen den von magischen Kristallen gesteuerten Elementarkräften durcheinander gerät, wird die Fantasy-Welt von gewaltigen Naturkatastrophen durchgeschüttelt – darunter z.B. ein klaffendes Loch, wo vorher die verträumte Siedlung „Norende“ stand. Als einziger Überlebender des Dörfchens zieht man nun durch die 3D-Landschaft, um den Schaden wieder ungeschehen zu machen. Mit von der Partie sind die schüchterne Kristall-Hüterin, der in japanischen RPGs obligatorische Amnesie-Patient sowie eine aufbrausende Kommandeurstochter. Wer mit den im Überfluss zelebrierten Erzähl-Klischees und einer Fülle sperriger, aber überwiegend vernachlässigbarer Streetpass-Features kein Problem hat, der bekommt hier das beste japanische Rollenspiel seit Jahren. (9 von 10)

 

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