Gescheiterte Solo-Karriere: Warum der "Schrei nach Freiheit" in unserem Testlabor schnell verstummt


"Schrei nach Freiheit" will eine einfühlsame Geschichte von Freiheit und Unterdrückung erzählen, doch der aggressiv erhobene Zeigefinger harmoniert nicht mit dem auf Massen-Gemetzel und Beutezügen konzentrierten Spielkonzept. 


 

Adewale aus „Assassin‘s Creed“ versucht sich an einer Solo-Karriere: Der Quartiermeister von „AC4“-Frontpirat Edward Kenway trennt sich kurz vor den letzten Kapiteln von seinem Freund, um sich den Assassinen anzuschließen. Im „AC4“-AddOn „Cry for Freedom“ bzw. „Schrei nach Freiheit“ schließlich will Ubisoft erzählen, wie es dem schwarzen Hünen ohne den berüchtigten Freibeuter ergeht: Zusammen mit einer Mannschaft aus ausschließlich dunkelhäutigen Seebären und Kämpfern durchpflügt Adewale an Bord seiner Super-Brigg „Experto Crede“ die Karibik. Ihre Mission: Nach dem Assassinen-Credo für Gerechtigkeit und Freiheit sorgen – vor allem der Sklaverei hat man den Kampf angesagt.

Und dabei ist man Assassinen-typisch nicht gerade zimperlich: Um seine „schwarzen Brüder und Schwestern“ zu befreien, geht Adewale wie sein Kumpel Kenway nicht nur im übertragenen Sinne über Leichen – tatsächlich ist der muskelbepackte Riese noch weit weniger zimperlich als der berühmte Pirat. Statt wie Kenway mit Säbel, Degen und Rapier zu fechten, erledigt der Schwarze die Widersacher mit brutalen Hieben seiner wuchtigen Machete: Die wird ohne langes Fackeln tief im gegnerischen Schädel oder den Extremitäten des Gegners versenkt, den man dann wie gefälltes Schlachtvieh auf den Boden wirbelt. Dabei hat der Freiheitskämpfer aufgrund seiner schieren Masse spürbare weniger Probleme mit den stämmigeren Gegner-Modellen, mit deren Gewichts- und Muskelklasse er locker konkurrieren kann. Auch beim Schusswechsel setzt Adewale weniger auf Geschwindigkeit als Spezi Edward: Wo der bis zu vier Pistolen nacheinander zückt und dabei blitzartig durch die Menge tänzelt, da feuert sein einstiger Quartiermeister stattdessen eine einzelne Salve aus seiner massiven Muskete ab, die gleich mehrere Feinde auf einmal fällt – oder die eigenen Mannschaftsmitglieder, die dumm genug sind, dabei durch die Schusslinie zu turnen.

 

 

Danach herrscht erstmal Baller-Auszeit: Der archaische Vorderlader ist aufwändig nachzuladen, darum greift man lieber wieder zu Machete bzw. Blasrohr, mit dem sich Getroffene kurzzeitig lahmlegen oder per Nervengift gegeneinander aufhetzen lassen. Im Schlachtengetümmel auf hoher See ist die Blasrohr-Taktik zwar nur bedingt geeignet – doch beim Schleichgang durch Gebüsch und Mais auf feindlichen Plantagen dafür umso mehr. Doch auch hier kommt man im Zweifelsfall weiter, indem an einfach mit der Tür ins Haus fällt und alles abschlachtet, was sich der Sklaven-Befreiungsfront in den Weg stellt.

Tatsächlich stellen die Landgänge anders als beim großen Brüder das Herzstück des AddOns dar: Der gigantische Seemanns-Spielplatz des Hauptspiels wurde auf ein kleines Archipel zusammengekürzt, in dem man zwischen wenigen Inseln Inseln, einige Plantagen, dem Hauptquartier des anti-sklavischen Widerstands und Haitis Hauptstadt Port-au-Prince kreuzt, in der Ende des 18. Jahrhunderts ein erbarmungsloser Gouverneur und allerlei andere Sklaventreiber die Peitsche knallen lassen.

Während Adewale auf hoher See nach gewohnten "Ac4"-Rezept allerlei Schoner, Briggs, Fregatten und Kriegsschiffe auf Grund schickt, um Rohstoffe und Finanzmittel für das nächste Upgrade seines wendigen kleinen 'Zerstörers' zu sammeln, so ist er an Land mit Story-Missionen und Sklaven-Befreiung beschäftigt: So wollen die Leidensgenossen des Helden vor Verfolgung, Verkauf, Plantagenarbeit und knallharter Dresche bewahrt werden – auch zu einer aufregenden Befreiung aus einem Käfig oder frisch vom 'Verkaufsstand' weg sagen die derart Misshandelten nicht Nein.

 

OBEN: Die Bordell-Besitzerin von Port-au-Prince gehört zu Adewales wichtigsten Kontakten für die Sklavenbefreiung. DARUNTER: Adewale verbringt nicht so viel Zeit auf Bäumen wie Kenway, weil sein Spielplatz keine Dschungelausflüge bereithält. LINKS und UNTEN: Obwohl die Geschichte im AddON nicht in erster Linie auf See erzählt wird, dürfen wir trotzdem zu den üblichen Kaperfahrten aufbrechen. Z.B. um Sklavenschiffe aufzubringen. 


 

Doch so lobenswert der Versuch auch erscheinen mag, das Problem der Sklaverei zu thematisieren und damit einen Aspekt dieser Ära zu behandeln, der im Hauptspiel nur oberflächlich gestreift wurde, so grandios scheitert das hehre Vorhaben: Die Erzählung einfühlsamer Geschichten gehört seit jeher nicht zu den Stärken der "Assassin's Creed"-Reihe, weil das geradlinig strukturierte Storytelling zu stark mit dem auf Open-World-Gameplay ausgerichteten Regelwerk der Serie kollidiert. Wo das Hauptspiel durch seine angenehme Fokussierung auf freimütiger Erforschung und dem rücksichtslosen Anhäufen von Reichtümern funktioniert, da laufen die erzählerischen Ambitionen des AddOns rasch auf auf Grund, weil man das Erfolgsrezept des großen Bruders – also die schiere Handlungsfreiheit – empfindlich beschneidet. Und das ausgerechnet zugunsten einer Geschichte, die trotz dieser Beschneidungen noch immer unter der Sorte Schwäche zu leiden hat, die man sonst nur für den Luxus einer offenen Spielwelt bereitwillig in Kauf nimmt.

Bleibt unter dem Strich also ein ambitioniertes Spin-Off, das man vielleicht besser ins Hauptspiel integriert hätte anstatt es in ein eigenständig lauffähiges Abenteuer zu verwandeln. Hätte man Adewale und seine Experto Crede stattdessen über die selbe, mit neuen Extras angereicherte Karte kreuzen lassen wie das Original und ihm z.B. Besuche in Kenways Piraten-Königreich gestattet, dann wäre der Sologang des Quartiermeisters zumindest ein nettes Wiedersehen gewesen, doch auf diese Weise verhallt der "Schrei nach Freiheit". Zudem man hier allzu zwanghaft versucht, die "AC4"-Missions-Struktur mit der Sklaven-Geschichte zu vereinen, indem man die inflationäre Befreiung der Geknechteten zu einer Art Währung degradiert. Auch die massenhafte Ermordung von Wärtern bzw. deren Klassifizierung als stumpfe Prügel- und Bestrafungsautomaten lässt sich schwerlich mit der auf Ethik getrimmten Erzählung vereinen: Bei Edward Kenways Kaperfahrten harmonierten das Bild des skrupellosen Piraten und der barbarisch hohe 'Kill-Count' miteinander – doch weil das Addon anders als das Hauptspiel moralische Fragen stellt, muss es sich auch entsprechende Vergleiche gefallen lassen. Erschwerend hinzu kommt ein ganzer Beutesack voller Bugs, der zumindest in der getesteten Xbox-One-Version für Abstürze und skurrilen Adewale-Animationsschluckauf beim Entermanöver gesorgt hat. Fazit: Tolles Hauptspiel, aber nur mittelprächtiges AddOn! (6.5 von 10)

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