Kaputter Knobel-Kosmos: Tim Schafers Kickstarter-Überflieger "Broken Age" bekennt Test-Farbe


Um der kultischen Verfütterung an das Mega-Monster Mog Chothra zu entkommen, flüchtet Vella auf dem Rücken eines Vogels in ein mystisches Wolkenland. Das wird von religiösen Spinnern und ihrem Luftikus von einem Guru (Bild links) bewohnt.


 

Mit über drei Mio. Dollar Spenden-Summe auf Kickstarter.com war das anfangs noch namlose Adventure-Projekt von Entwickler-Legende Tim Schafer und seiner Firma Double Fine verantwortlich für den Hype um die Crowdfunding-Plattform: Derartige Summen per Fan-Kollekte hielt man bis dato nicht für möglich. Inspiriert durch Schafers märchenhaftem Erfolg versuchten sich noch die Android-Konsole OUYA und andere gealterte Entwicklungs-Promis an dem Modell – darunter "Gabriel Knight"-Autorin Jane Jensen, "Leisure Suit Larry"-Schöpfer Al Lowe, "Ultima"-Gott Richard Garriot alias "Lord British" und "Wing Commander"-Erfinder Chris Roberts.

 

Jetzt hat das Kind einen Namen: Die erste von gleich mehreren "Brogen Age"-Episoden ist für rund 20 Euro auf Steam zu haben und erzählt die Geschichte von zwei Charakteren, die beide in künstlich geschaffenen Welten aufwachsen. Während der schlacksige Shay im Innern eines hochmodernen Raumschiffs von eigenartigen Plüsch-Robotern mit Cornflakes gefüttert und vom mütterlichen Bordcomputer mit artifiziellen Pseudo-Missionen bei Laune gehalten wird, lebt die süße Vella in einem von der restlichen Welt abgeschotteten Tal. Hier werden in zyklischen Abständen mehrere junge Frauen dem bizarren Monstrum "Mog Chothra" geopfert: Die meisten der Opfer halten das perverse Ritual auf eigentümliche Weise für erquicklich und gebärden sich wie bei einem Schönheits-Wettbewerb. Mit dem feinen Unterschied allerdings, dass die Siegerinnen keinen Pokal bekommen, sondern in ein appetitliches Candy-Kostüm gezwängt und dann von der vieläugigen Bestie verzehrt werden. Ganz anders dagegen Vella: Während sie mit allen Mitteln einem Ende als Monster-Snack zu entgehen versucht, will auch Shay seinem goldenen Käfig entkommen, sucht zunächst nach Bruchstellen im Sicherheitsnetz der Computer-Missionen, die wie eine überzuckerte Mixtur aus "Raumschiff Enterprise"-Einsätzen und "Muppet Show" anmuten.


An Bord des intelligenten Raumschiffs lebt Shay nur scheinbar in einem plüschig-bunten Spielzeug-Wunderland – in Wahrheit ist er ein Gefangener des über-fürsorglichen Bord-Computers. 


 

Das wie eine Kombination aus skizzenhaftemSpeed-Painting und naivem Kinderbuch-Kunstwerk aufgemachte "Broken Age" ist ein Lehrstück in Sachen hermetischer Philosophie: Seine "Wie drinnen, so draußen"-Aussage erinnert sowohl inszenatorisch als auch erzählerisch an Dr.-Seuss-Klassiker wie "Horton hört ein Hu!" oder "Der Lorax", bei denen die Wechselwirkungen zwischen zwei nur scheinbar getrennten Welten stets im Zentrum der moralisch geprägten Erzählung stehen.

Obwohl Schafers berüchtigte Kalauer und Nerd-Pointen allgegenwärtig sind, so kann das Spiel selber nur durch seine spielerischen Mechanismen großzügig dem Genre des Point'n'Click-Adventures zugerechnet werden: Umgebung, Objekte und potentielle Gesprächspartner werden mit Hilfe eines Kontext-sensitiven Mauszeigers geprüft und stehen auf Linksklick für die naheliegendste Form der Interaktion zur Verfügung. Ein rudimentärer Rucksack wurde ebenfalls dem Standard-Repertoire des Genres entliehen: Hier verstaut Vella Objekte wie ein goldenes Vogelei oder eine Sprossenleiter, Shay findet dort futuristische Werkzeuge wie einen schwatzhaften High-Tech-Löffel oder einen Spielzeugroboter. Die Rätseldichte indes ist weit geringer als in Frühwerken des Adventure-Meisters ("Grim Fandango", "Full Throttle"), die für das Genre sonst üblichen Logik-Kopfnüsse hat sich Schafer diesmal ganz gespart. Stattdessen hat er den Fokus auf die einfühlsame bis angenehm schrullige Erzählung gerichtet.

 

Das Ergebnis ist ein herzallerliebst vor sich hin plätschernder Spiel-'Flow', der niemals aufregt oder stresst, aber immer unterhält und neugierig macht. Leider ist der ungewöhnliche Spaß nach rund vier bis fünf Spielstunden bereits vorbei und endet mit einem zwar überraschenden, aber auch hundsgemeinen Cliffhanger. Obwohl sich "Broken Age" einige visuelle Schnitzer erlaubt und für 20 Euro aktuell noch zu wenig Spiel bietet, so ist Schafers engagiertes Märchen doch zumindest narrativ die stimmigste interaktive Erzählung der letzten Monate. Wer allerdings auf ein Kopfnuss-Sammelsurium wie zur Zeit der frühen Lucas-Arts-Adventures hofft, ist hier falsch. Erzähl-Lastigkeit und Knobel-Dichte orientieren sich eher an Telltales "Walking Dead" als an einem "Day of the Tentacle". (8 von 10)