Laras Bad Hair Day: Die "definitive Edition" von "Tomb Raider" stellt sich zum Systemvergleich


 

Anfang 2013 erlebt die junge Lady Croft für Xbox 360, PS3 und PC das erste große Abenteuer ihres Lebens: Zusammen mit ihrer Freundin Sam, ihrem Mentor Conrad Roth und einem bunt zusammengewürfteln Haufen aus Abenteurern sucht sie nach der sagenhaften Insel Yamatai, auf der Orkane, durchgeknallte Kultisten und eine untote japanische Herrscherin samt geisterhafter Sturmwache ihr Unwesen treiben.

 

US-Entwickler Crystal Dynamics („Legacy of Kain“, „Tomb Raider Underworld“) inszeniert das Reboot der prominenten Adventure-Serie als eine Mixtur aus Survival-Horror und zeitgemäßer „Hab Acht“-Action, bei der die Jung-Archäologin aus der Deckung heraus mit Bogen, Gewehr, Pistole oder Schrotflinte feindliche Stellungen beharkt. Obwohl Upgrade- und Skill-System vor allem der Verbesserung der Kampf- und Feuerkraft dienen, ist auch das neueste „Tomb Raider“ kein reines Action-Game: Die Jump‘n‘Run-artigen Geschicklichkeits-Passagen, für die Lara Croft schon früher berühmt war, wurden ebenfalls modernisiert und fühlen sich jetzt ein wenig an wie in Sonys „Uncharted“-Reihe. D.h. es wird noch immer gekraxelt, gesprungen und balanciert, doch das Gros der Feinarbeit erledigt die Heldin diesmal automatisch.

 

Weil das Konsolen- und PC-“Tomb Raider“ trotz des phänomenalen Presse- und Wertungs-Hypes nicht die hoch gesteckten Verkaufserwartungen von Publisher Square Enix erfüllen konnte (nur etwa 3,6 anstelle der erwarteten sechs Mio. Stück), darf Lara jetzt noch mal an den Start: Die „Definitive Edition“ erscheint exklusiv für PS4 bzw. Xbox One, kommt vom Start weg mit allen Patches sowie zusätzlichen Multiplayer-Maps und nähert sich der technischen Ideallinie der PC-Fassung an. Knackscharfe Texturen und fein aufgelöste Strukturen kommen dank Full-HD-Auflösung auf beiden Next-Konsoleln gut zur Geltung, offenbaren allerdings auch den einen oder anderen nicht mehr zeitgemäßen oder dezent verunglückten Effekt, der auf Xbox 360 und PS3 durch viel Unschärfe gnädig kaschiert wurde. Tatsächlich macht hier Next-Gen-seitig die Xbox-One-Fassung eine dezent bessere Figur, weil sie einerseits die weichere Kantenglättung bietet und andererseits an den richtigen Stelle das passende Maß an Unschärfe auffährt, damit Grabmäler, Wälder und Bergdörfer nicht zu künstlich wirken. Auch die Helligkeit der Texturen hat man geschickter ausgesteuert als auf der Sony-Konsole: Zwar sind die Farbwerte auf der PS4 deutlich knackiger, aber dafür wurden die hellen Bereiche teilweise so sehr übersteuert, dass wichtige Textur- und Struktur-Details nicht mehr erkennbar sind. Auch in Sachen Framerate, also Bildwechselrate hat die PS4-Fassung nur scheinbar die Nase vorn: Während es die PlayStation-Lara in guten Momenten auf bis zu 60 fps („Frames per Second“) bringt, so bleibt sie dabei leider selten stabil – besonders bei manuellen Kameraschwenks mit dem rechten Analog-Stick bemerkt man ein unschönes Ruckeln. Auf der Xbox One dagegen läuft „Tomb Raider“ konstant zwischen 30 und 40 fps und gibt daher ein ruhigeres, angenehmeres Gesamtbild ohne spürbare Geschwindigkeits-Einbrüche ab.


 

Nahezu identisch verhält sich dagegen in beiden Fassungen das Haar der komplett neu und feiner modellierten Heldin: Statt des „Polygon-Helms“ aus den alten Konsolen-Versionen hat Lara jetzt eine Art virtueller „Echthaar-Perücke“, d.h. es fließen einzelne braune Strähnchen und Haare über Kopf, Hals, Schultern und Rücken. Die reagieren jetzt auf Wind, Witterung bzw. Schwerkraft wie es sich für Haare eben gehört – die Dame hat jetzt also auch mal den einen oder anderen 'Bad Hair Day', wenn sie durch Schlamm, Blut oder aufgetürmte Innereien watet und sich atemlos gegen einen Sturm stemmt. Nicht so schön ist allerdings, dass die unkontrollierbare Mähne (die allerdings besser aussieht als das ähnlich gestaltete, aber viel zu feine ,Haargespinst‘ auf dem PC) immer wieder durch Laras Schultern oder ihren Bogen 'clipt', als hätten die keine Substanz. Ebenfalls in die Kategorie „schade, aber verschmerzbar“ fällt die Streichung der im PC-“Tomb Raider“ verwendeten ,Tessellation‘, mit deren Hilfe die 3D-'Substanz' von Figuren, Objekten und Umgebung weniger kantig erscheint. Das Fehlen des Effekts fällt allerdings nur bei Nahaufnahmen der Heldin auf – dann wirken Laras nackige Schultern zu eckig, um sexy zu sein.

Auch akustisch unterscheiden sich beide Fassungen zwar nur dezent, aber dennoch spürbar voneinander: Während Laras PS4-Abenteuer mit besser ortbaren Effekten und einer klareren Kanal-Trennung des 5.1-Sounds kommt, so hat der XBox-One-Exkurs den satteren und voluminöseren Klang.

 

Abgesehen von ihren männlich-markantigen Schultern und der mitunter etwas zu widerspenstigen Haarpracht ist die neue Lara die bisher schönste – zumindest auf Konsole. Eine feinere 3D-Architektur, schönere Texturen und eine üppigere Vegetation rechtfertigen in Anbetracht des hohen Neupreises von 60 Euro vielleicht nicht den Erneut-Kauf, aber wer den Titel im letzten Jahr verpasst hat, der sollte "definitiv" zugreifen. (9 von 10)

 

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