Zehn Jahre, und keinen Tag älter: Fable Anniversary

Bestechende Vergleichsbilder: Für "Fable Anniversary" hat man den Klassiker nicht einfach nur hochgerechnet und dezent restauriert, sondern komplett rekonstruiert. So viel Liebe zum Detail wünschen wir uns künftig für jedes Remake!


 

Bereits 2004 schafften Designer-Legende Peter Molyneux und sein 'Lionhead'-Team mit dem ersten "Fable" einen kleinen Meilenstein in Sachen Konsolen-Rollenspiel. Zu diesem Zeitpunkt hat das zunächst Xbox-exklusive Action-Rollenspiel (später folgte eine PC-Version) gleich mehrere Genre-Neuheiten zu bieten: Der "Fable"-Held darf als einer der ersten seiner Art moralische Entscheidungen treffen, die den weiteren Verlauf der Handlung beeinflussen, sich auf sein Aussehen auswirken und schließlich sogar am Verhalten der Umwelt ablesbar sind. Denn je nachdem wie sich der Charakter bei diesen Gretchenfragen entscheidet, reagieren Dörfler und Passanten, indem sie ihm entweder begeistert Beifall spenden, ihn anpöbeln oder erschrocken das Weite suchen – und während den moralisch vorbildlichen Helden später ein Heiligenschein ziert, so sprießen aus dem Schädel eines skrupellosen Böslings kleine Teufelshörner.

Selbst Nahrungsaufnahme und Trainingsprogramm haben sichtbare Auswirkungen auf den heldenhaften Look: Wer für das Instant-Kurieren von Kampfeswunden herzhaft in Apfel und Sellerie beißt und bei der Erfahrungspunkt-Vergabe eifrig die Muckis trainiert, der sieht aus wie Schwarzenegger in seinen besten Jahren – hat man es dagegen mehr mit lecker Kuchen und Geisteswissenschaften, dann schiebt der legendäre Streiter für Recht und Ordnung bald eine gigantische Wampe vor sich her.

Auch die aus Teil 2 und 3 bekannte Möglichkeit, eine Familie aufzubauen, hat der erste Teil – wenn auch etwas simpler – bereits vorweggenommen: So darf man schon im mittelalterlichen Albion aus dem allerersten "Fable" durch die eigenen Heldentaten, ein gepflegtes Äußeres und teure Geschenke Vertreter des anderen Geschlecht becircen, sie ehelichen und mit ihnen schließlich dass mühsam zusammengesparte Eigenheim beziehen.

 

Die Erfahrung ist wieder in vier Kategorien sortiert – und je nachdem, in welche Fertigkeiten wir die Punkte investieren, wird aus unserem Helden ein kampfstarker Riese, ein drahtiger Schütze, ein mächtiger Magier – oder ein Tausendsassa, der in allen drei Skill-Kategorien halbwegs bewandert ist. 


 

Nachdem Microsoft die prominente Rollenspiel-Reihe in den letzten zweieinhalb Jahren sträflich vernachlässigt und die Marke mit eher unleidlichen SpinOffs ("Fable Heroes", "Fable Journey") am Leben erhalten hat, kramt man den Erstling jetzt wieder aus der Mottenkiste: Das Ur-"Fable" bekommt eine HD-Frischzellenkur verpasst. Und die hat es in sich: Anstatt wie bei den meisten HD-Remakes nur die bekannte Grafik hochzurechnen und einige wenige Texturen zu erneuern, hat man das alte Albion per aktueller "Unreal Engine" komplett rekonstruiert und selbst seine Bewohner rundum erneuert – das Ergebnis rangiert visuell irgendwo zwischen den beiden Xbox-360-nativen Serien-Teilen "Fable 2" und "Fable 3" und lässt die üblichen HD-Remakes weit hinter sich. Wollte man "Fable Anniversary" mit der Neu-Inkarnation eines Filmklassikers vergleichen, dann handelte es sich um keine Restauration, sondern um eine Neuverfilmung – allerdings eine von der Sorte, bei der man pedantisch jede altbekannte Szene nachgestellt und höchstens Kostüme, Kulissen oder Kamerablickwinkel verändert hat.

 

Das Resultat ist eine "Anniversary"-Edition, die dem Klassiker Hochachtung zollt und ihn nahezu perfekt neu inszeniert, allerdings nicht neu interpretiert: D.h. das Gros der altbekannten Design-Fehler ist ebenso erhalten geblieben wie die vielen noch immer verführerischen Stärken des ersten "Fable". Dazu zählt die altbekannten Animations- und Ladepause-Trägheit ebenso wie die verwirrende Menü-Struktur oder die konfuse Karte, bei der die Unterscheidung zwischen Haupt- und Neben-Quests nach wie vor zur Herausforderung wird. Wer es sich etwas leichter machen will, der lässt parallel die Smartglass-App laufen: Die zeigt nicht nur die jeweiligen Karten im Großformat, sondern blendet auf Wunsch auch Sammelobjekte, Missions-Geber und sogar Vergleichs-Screenshots aus dem alten Xbox-"Fable" ein. Schade nur, dass Synchronisation und Scroll-Funktion des Tools zeitweise zur Slide-Show geraten.

 

Klarer Fall: Wer das Original verpasst hat oder die Erinnerung daran auffrischen möchte, der macht mit der vergleichsweise günstigen Reinkarnation des Xbox-Oldies nix verkehrt – schließlich hilft sie dabei, viele Mechanismen, Charaktere und erzählerische Anknüpfungs-Punkte in den Fortsetzungen besser zu verstehen. Obwohl manche Elemente heute ein wenig 'dated' wirken, ist "Fable" noch immer weit davon entfernt, veraltet zu sein. Auch wenn viele der Protagonisten nach wie vor unter schwerer Geh-Behinderung leiden. (8 von 10)