Rezension für iOS: "The Room Two" ist alles andere als ein gemütliches Plätzchen


 

1993 tritt der kleine US-Entwickler "Cyan Worlds" mit "Myst" eine regelrechte Welle von ähnlichen Point'n'Click-Adventures los: Die Vertreter dieser neuen Subgattung kommen anders als die Abenteuer von Lucas Arts ("Monkey Island", "Indiana Jones") und Sierra ("King's Quest") ohne Charaktere oder Zeichentrick-Optik aus, stattdessen rätselt man sich aus der Ego-Perspektive durch eine Reihe menschenleerer Standbilder und beackert mit dem Mauszeiger allerlei teuflische Knobel-Mechanismen.

 

In eine ähnliche Kerbe schlägt das erfolgreiche iOS- und Android-Abenteuer "The Room", zu dem der britische Entwickler "Fireproof" nach knapp zwei Jahren jetzt die Fortsetzung vorlegt: "The Room Two" (aktuell nur iOS, später in diesem Jahr auch für Android) entführt den namlosen Protagonisten wieder in eine Reihe hermetisch abgeriegelter Räume, die durch Geisterportale miteinander verknüpft sind. Leider öffnen sich die übernatürlichen Pforten nur, wenn man vorher alle Puzzles gelöst, Knobel-Kisten geknackt und die Öffnungs-Rune für den Übergang in die nächste Rätselkammer ergattert hat. Die Parallelen zu "Myst" sind unübersehbar – auch wenn das Standbild-Stilleben des Klassikers längst flüssigen Kameraschwenks, Kamerafahrten und geschmeidigen Animationen gewichen ist: Die meist im Zentrum der Puzzles stehenden Truhen und Schatullen wollen von allen Seiten beäugt, analysiert und per Touchscreen befummelt werden.

 


 

Nicht selten finden sich dabei Geheimfächer mit Schlüsseln, Notizen oder anderen Gegenständen, die zwecks späterer Anwendung im Inventar verstaut werden. Ebenfalls an der Tagesordnung: Riegel, Siegel, Schubladen, Klapp-Mechanismen – und sogar besonders ausgefallene "Truhen" wie ein Behältnis in Form eines Modellschiffs. Das will nach und nach um Elemente wie Ausguck, Galionsfigur, Steuerrad und Kanonen vervollständigt werden, bevor es endlich den Blick auf eine massive Seemanns-Schatulle freigibt: Die beherbergt allerdings weder die Schmutzwäsche von Davy Jones noch einen Piratenschatz – stattdessen findet sich unter dem verriegelten Deckel ein raffinierter Navigations-Mechanismus, mit dem man die Route eines längst versunkenen Freibeuters nachvollziehen muss.

 

Obwohl auch "Room 2" mit einigen knackigen Logik-Kopfnüssen herausfordert, ist das begrabbelbare Adventure dabei nie so gnadenlos wie seine Verwandten vom PC: Die eifrige Hilfe-Funktion ist immer zur Stelle, sobald man verdächtig lange mit der Suche nach dem nächsten Hinweis verbringt. Für altgediente Adventure-Veteranen mögen derlei "Spoiler" ein Unding sein, für die hier größtenteils angepeilten Gelegenheits-Rätsler dagegen ein Segen. Wer verschmerzen kann, dass sich der britische Touchscreen-Knobler fast vollständig auf gegenständliche Rätsel konzentriert und deshalb "Myst"-typisch auf eine eigene Persönlichkeit verzichtet, ist hier goldrichtig: "The Room 2" bietet logisch ausgefeilte Genre-Kost mit intuitivem Bedienkonzept, einigen schaurig schön ausgeleuchteten, spukhaften Szenarien und einer interessanten Erzählung. Die wird zwar nur über Notizen und Bücher vermittelt, motiviert aber trotzdem zum Weiter-Knobeln. (7 von 10)

 

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