Kritik: Castlevania – Lords of Shadow 2


 

Um seiner angeschlagenen Traditionsserie "Castlevania" nach mehreren Flops endlich ein erfolgreiches Comeback zu bescheren, entwickelt Konami sein 2010er-Reboot "Lords of Shadow" nicht selber, sondern lässt stattdessen das spanische Studio 'Mercury Steam' ran: Deren "Castlevania" ist mehr "Herr der Ringe" als japanischer Schlabbermonster-Potpourri und kombiniert die klassischen Jump'n'Run-Motive der Klassiker mit einer modernen Haudrauf-Orgie. Den teils unmenschlich hohen Schwierigkeitsgrad sowie kleinere Handling-Probleme sieht man dem Titel wegen seiner fantastischen Aufmachung gerne nach. Der Verkaufserfolg hält sich allerdings in Grenzen: 1,5 Mio. mal hat sich das aufwändig produzierte und von der Presse hochgelobte Prestige-Projekt verkauft.

 

Mit Teil 2 lässt man die westlich geprägte Machart des Vorgängers zugunsten von japanischen Bizarro- und Manga-Motiven wieder hinter sich: Die Geschichte des zum Grafen Dracula mutierten Gabriel Belmont wird vom Fantasy-Mittelalter in den Asphaltdschungel einer modernen Großstadt transportiert, nur gelegentliche Flashbacks versetzen den Blutsauger in die Vergangenheit seiner gigantisch-gothischen Trutzburg. In der Zukunft soll Gabriel alias Dracula die Wiederauferstehung Satans verhindern, in der Vergangenheit wiederum bewältigt er seine ganz persönlichen Dämonen: Darunter z.B. das problembehaftete Verhältnis zu seinen Söhnen Trevor und Simon – beides Helden der klassischen "Castlevania"-Episoden, die ihren monströsen Daddy beide als Endgegner kennengelernt haben.

 

 

Indem "Lords of Shadow 2" die berühmte Nemesis der Spiele-Reihe zum Spieler-Avatar macht, gewährt es interessante Einblicke in die Familiengeschichte des berühmte Vampirjäger-Clans und das Seelenleben seines untoten Stammvaters. Allerdings ist die über etliche Serien-Inkarnationen immer stärker verwachsene Geschichte mittlerweile dermaßen labyrinthisch, dass selbst ausgesprochene Fans nur schwer durchblicken. Hier wäre weniger mehr gewesen.

 

Das selbe gilt für das Spielsystem, das Mercury Steam und deren japanischer Anstandswauwau Kojima Productions mit so vielen unterschiedlichen Elementen anreichert, dass einem auch nach Stunden noch der Kopf schwirrt: Angriffsformen wie die Otto-Normal-Blutpeitsche, ein blaues Energieschwert und ein Paar schnieker Chaos-Kampfhandschuhe kommen jeweils mit ein paar Zentnern aufrüstbarer Special-Moves und Einsatzmöglichkeiten abseits des Kampfes (z.B. um Wasserfülle zu vereisen und erkletterbar zu machen). Die sorgen für ordentlich Abwechslung auf dem Spiele-Speiseplan, doch leider werden die ganzen Fingerbrecher nur dürftig eingeführt. Auch beim restlichen Konzept herrschen Erklärungsbedarf und Verwirrungspotential: Mehrere unterschiedliche Regenerations-, Kletter-, Bewegungs- und sogar Schleich-Manöver lehnen sich beim Vorgänger an, werden dem armen Vampir aber so heftig um die Ohren gehauen, dass er gar nicht weiß, wie ihm geschieht: Kaum ist er in der Zukunft angekommen, verlangt man ihm auch schon alles auf einmal ab – das ist sogar für einen Prinzen der Finsternis zu viel!

  


 

Auch mit der Orientierung hat es arme Höllen-Monarch nicht so leicht: Die übersichtliche Level-Karte des Vorgängers ist futsch, an ihre Stelle tritt ein konfuser Wirrwarr aus Level-Versatzstücken, Weltensprüngen und Teleportern, die den Anschein erwecken, als hätte man einen Haufen unzusammenhängender, unfertiger Level in den Mixer geworfen. Und über all diesem Chaos thronen ein paar Bossgegner, die es in sich haben: Wer auf die Konfrontation mit riesigen Brocken wie einem dreiköpfigen Hydra-Gorgonen-Mutanten nicht perfekt vorbereitet ist, der kann selbst auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad draufhauen, bis die Hölle zufriert. Oder schweren Herzens die Notbremse ziehen und den ganzen Level noch einmal durchackern.

 

Dass "Lords of Shadow 2" trotz all dieser Konfusion zum Weiterspielen motiviert, ist seiner großartigen Inszenierung zu verdanken: Verschwenderische Dekorationen in Draculas Schloss, die traumhaft schönen Illustrationen im virtuellen Menü-Schmöker und einige der schönsten Bossgegner der Gaming-Geschichte sorgen dafür, dass gerade Action-Fans der Speichel von den Lippen tropft wie Dracula das Blut der angezapften Feinde. Mit ein bisschen mehr Konzept hätte aus Gabriels Vergangenheits- und Gegenwarts-Bewältigung ein echter Genre-Meilenstein werden können. Doch dieses "Castlevania" ist leider kein echtes "Lords of Shadow" mehr. Japan hätte gut daran getan, die spanischen Kollegen ihr eigenes Ding machen zu lassen. (Wertung: 7 von 10)

 


ab sofort für PS3, Xbox 360 und PC • ca. 40 Euro (PC) bzw. 55 Euro (Konsole) • Mercury Steam / Kojima Productions & Konami • für Profis und Masochisten


Kommentar schreiben

Kommentare: 0