Kritik: South Park – der Stab der Wahrheit


 

Trey Parker und Matt Stone sind Nerds. Stinkreiche Nerds. Wenn es darum geht, Gott und die Welt bissig zu demontieren, dann nehmen die beiden "South Park"-Macher in ihrer erfolgreichen Trickfilmserie seit 1997 keinen Blatt vor den Mund – Gewalt-Exzesse, Fäkalien-Schlachten und deftige Schimpf- bzw. Hasstiraden sind bei den Abenteuern der Grundschüler Kyle, Stan, Kenny und Eric Cartman inzwischen so normal, dass sich die mit schöner Regelmäßigkeit torpedierten Polit- bzw. Hollywood-Promis kaum noch darüber aufregen: "South Park" ist eben "South Park". Sogar im deutschen Fernsehen läuft die anfangs stark zensierte Reihe heute weitgehend ungeschnitten – zumindest nachts.

 

Allerdings sehen die Medien-Wächter das bei interaktiver Unterhaltung nicht ganz so locker wie bei Film und Fernsehen – entsprechend musste sich das "South Park"-Videospiel vom US-Rollenspielexperten Obsidian bei uns die eine oder andere Zensur gefallen lassen. Zumindest bei den Versionen für Xbox 360 und PS3, PC-Besitzer bleiben von Kürzungen weitgehend unbehelligt.

Doch jetzt die Entwarnung: Weil die beiden Videospiel-Fanatiker Parker und Stone die Entwicklung des humorigen RPGs persönlich überwacht haben, ist es derart mit Serien-Zitaten und dem "South Park"-typischen Anarcho-Humor gespickt, dass ein paar ausgesparte Rektal-Untersuchungen und Abtreibungen kaum ins Gewicht fallen. "Der Stab der Wahrheit" ist so oder so… herrlich heftig.

 


 

Tatsächlich ist der Rundumschlag durch die inzwischen fast 250 Episoden starke Trickfilmreihe so gnadenlos vorlagentreu, dass es ihm fast schon ein wenig an Profil mangelt: Dieses "South Park"-RPG ist eher ein "Who is Who" des durchgeknallten Rockey-Mountains-Kleinstädtchens als eine eigenständige Episode. Fan-Service wird groß geschrieben, Profil dagegen klein. Dabei wurden all die Charakter-Auftritte und zahllosen Serien-Gimmicks so geschickt miteinander verquickt, dass das Entdecken von Anspielungen und alten Bekannten schon bald zum (spaßigen) Selbstzweck wird. Wenn man als 'das neue Kid in der Stadt' an der Seite von Weichei Butters oder anderer Serien-Stars bekannte Schauplätze wie die Schule, Jimbos Waffenladen oder Cartmans Haus erkundet, dann ist zumindest für den eingeschworenen Serien-Fan die Welt in Ordnung: Hier findet er nach Rollenspielart bunt über Schubladen, Schränke und Kisten verteilte Gegenstände, die fast allesamt der Vorlage entliehen wurden. Das nukelar betriebene Spielzeugauto von Stan, Butters' Roman "Als die Pipi Kacka machte" (hier leider fälschlich übersetzt mit "Die Kacke, die gepinkelt hat"), Tampons aus Cherokee-Haaren, die 'Ocama Gamesphere'-Videospielkonsole, Schamhaare, AIDS und ein hawaiianischer Ausweis finden sich hier ebenso wie Butters' 'Cremige Füllung' (Sperma) oder Terrance- und Philip-Actionfiguren.

 

Auch das Abenteuer selber steckt voller Anspielungen: Cartman hat sich wie im Dreiteiler "A Song of Ass & Fire" (angelehnt an Martins "A Song of Ice & Fire"-Buchvorlage hinter "Game of Thrones") zum Zaubererkönig gekrönt und kämpft jetzt zusammen mit seinen 'Rittern' gegen die Horde der 'Dunkelelfen' um den 'Stab der Wahrheit'. Dass Ritter und Dunkelelfen natürlich verkleidete Grundschüler sind und der 'Stab der Wahrheit' nur ein schlichter Holzknüppel ist, das tut der Spannung keinen Abbruch – ganz im Gegenteil: Die Viertklässler aus South Park nehmen ihr Spiel wie in der Serie bierernst und dreschen sich in den mit viel taktischem Tiefgang umgesetzten Rundenkämpfen halb tot. Zu Fantasy-Waffen umfunktionierte Werk- und Spielzeuge eignen sich eben hervorragend, um den Gegner blutig zu schlagen oder abzufackeln. Willkommen in den Rockies!

 


 

Kaum verwunderlich, dass sich vor diesem Hintergrund der ganze Ort und all seine Bewohner in einen Fantasy-Spielplatz verwandeln: Der Hinterhof wird zu Cartmans Königreich, Kenny zur Prinzessin, Scott Malkinson zum Waffenschmied mit der 'Spezialkraft der Diabetes', der Keller in Skeeters Bar ein Dungeon und der 'Turm des Friedens' (aus der Episode "City Sushi", Staffel 15) die Zitadelle der Mongolen. Erzählerisch bereitet "Der Stab der Wahrheit" diese Referenzen wie die Anekdoten-gespickten Adventure-Klassiker von Lucas Arts auf, auch das eine oder andere Point'n'Click-verwandte Puzzle findet sich in Obsidians Rollenspiel.

 

Vorlagen-Fans mit RPG-Faible fühlen sich im digitalen South Park pudelwohl, weil es das Szenario der Vorlage in jeder Hinsicht perfekt einfängt – bis hin zur Grafik, die tatsächlich so aussieht wie eine interaktive TV-Episode. Wer das Original allerdings gar nicht oder nur oberflächlich kennt, der wird mit dem komplexen Sammelsurium aus Querverweisen, Anspielungen und Zitaten kaum klar kommen. Und sich darüber ärgern, dass er auf diesem Wege einen Titel verpasst, der nicht nur eine großartige Umsetzung, sondern vor allem ein tolles Rollenspiel ist. Aber mal ehrlich: Wer "South Park" nicht vergöttert, der dürfte sich für den "Stab der Warheit" sowieso kaum interessieren, denn die Serie hat seit jeher stark polarisiert. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Schade allerdings, dass sich Ubisoft eine deutsche Tonspur gespart hat: Trotz übersetzter Untertitel ist das "South Park"-RPG ohne solide Englischkenntnisse nur halb so spaßig. (Wertung: 8.5 von 10)

 

 

UPDATE: Wg. verfassungsfeindlicher Symbole in der bereits kurzzeitig ausgelieferten PAL-Version wurde der offzielle Release von "Der Stab der Wahrheit" auf unbestimmte Zeit verschoben.

 


ab sofort für PS3, Xbox 360, PC • Obsidian & Ubisoft •

für Fortgeschrittene und Profis


WERTUNGEN: 1.0, 1.5, 2.0 = ungenügend • 2.5, 3.0, 3.5 = mangelhaft • 4.0, 4.5, 5.0 = ausreichend • 5.5, 6.0, 6.5 = befriedigend • 7.0, 7.5, 8.0 = gut • 8.5, 9.0, 9.5 = sehr gut •

10 = legendär

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