Kritik: Betrayer


 

Die Schwarz/Weiß-Zeit des Kinos ist schon lange vorbei, aber als Stilmittel ist die alte Filmart nach wie vor beliebt: S/W wirkt anspruchsvoll und künstlerisch – das empfinden Regisseure und Publikum spätestens so, seitdem Steven Spielberg mit seinem Holocaust-Drama "Schindlers Liste" 1993 die Technik zum ersten Mal im ganz großen Stil wiederbelebt hat.

 

Inzwischen ist S/W auch im Reich der Videospiele angekommen: So bringt Blackpowder Games sein Action- und Grusel-Spektakel "Betrayer" in stilvoller Monochrom-Färbung – wenn hier der Wind durch die Äste und Gräser der menschenverlassenen Umgebung heult, dann wiegt sich das Gemüse in fein aufeinander abgestimmten Grau-Schattierungen. Einzige Ausnahme: Knackige Rot-Töne bei Feinden, Effekten und Pixelblut. Wer will, der darf das Abenteuer Menü-seitig auf "in Farbe und bunt" umstellen – aber damit würde er "Betrayer" des einzigen Alleinstellungsmerkmals berauben, durch den der sonst chronisch ziellose und verzettelte Titel zu glänzen weiß.

 

Dabei macht der monochrome Gernegroß-Indie anfangs noch eine Menge her: Nach der Landung an einer nicht näher benannten Küste zu Amerikas früher Kolonialzeit vermitteln stilsicheres Schwarz/Weiß, minimalistische Sound-Drohkulisse und zombifizierte Spanier noch das verheißungsvolle Ambiente eines echten Grusel-Hits. Die monströsen Gegenspieler werden mit Bogen oder Tomahawk gefällt – vorsichtiges Anpirschen durchs hohe Gras (möglichst gegen die Windrichtung) erleichtert die kurzen Scharmützel zwar, ist aber nicht zwingend notwendig.

 

 

Die Geschichte um die mysteriöse Spuk-Heimsuchung des Küstenstreifens und eine junge, in eine rote Kutte gehüllte Dame muss sich der Spieler in dem Ego-Shooter-artigen Horror-Adventure selber zusammenbauen: In einem verlassenen Fort der Briten verbergen sich verweste Organe (Auge, Ohren, Zunge), mit deren Hilfe der übernatürliche Ermittler die Geisterwelt kontaktiert und ihren Phänomenen auf die Schliche kommt. Ab sofort werden schemenhafte Phantome zu Missions-Gebern und gruselige Geräusche zum Sound-Kompass für das Aufspüren verborgener Hinweise.

 

Dumm nur, dass Blackpowder Games es nicht versteht, die interessanten Elemente zu einer motivierenden Schauermär zusammenzufügen: Die ewig gleichen Kulissen, Gegner und Design-Versatzstücke werden zu einem rund achtstündigen Spiel aufgebläht, das nach spätestens zwei Stunden nur noch gepflegte Langweile verströmt – vielleicht um den mit 20 Euro unverhältnismäßig hohen Preis des Donwload-Spielchens zu rechtfertigen. Obwohl das "Finde selber heraus, worum es geht!"-Konzept gerade für gestandene Profi-Gamer seinen Reiz hat, ist die teils all zu sparsame und langatmige Aufbereitung des Abenteuers schwerlich Motivation genug, um jedem Geheimnis auf die Schliche kommen zu wollen. So richtig gepatzt haben die Entwickler aber bei der konfusen Menü-Führung, die sich nicht so recht entscheiden kann, ob sie am liebsten mit dem Joypad oder der Maus bedient werden will: Hier werden simple Aktionen wie Ausrüsten und Options-Feintuning zu einem ganz eigenen Abenteuer. (5 von 10 / "ausreichend")

 


Blackpowder Games • ab sofort für PC (nur per Steam) • ca. 20 Euro • für Profis


WERTUNGEN: 1.0, 1.5, 2.0 = ungenügend • 2.5, 3.0, 3.5 = mangelhaft • 4.0, 4.5, 5.0 = ausreichend • 5.5, 6.0, 6.5 = befriedigend • 7.0, 7.5, 8.0 = gut • 8.5, 9.0, 9.5 = sehr gut

10 = legendär

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