Kritik: Bound by Flame


 

Früher gehörten Rollenspiele nicht unbedingt zu den ersten Games, die für eine neue Konsolengeneration erschienen sind. Doch mit der zunehmenden Verwestlichung des Videospielmarktes, der Annäherung an den PC-Kosmos und der Etablierung genormter Multiformat-Entwicklungs-Tools hat sich auch hier einiges geändert. Kurzum: Jetzt erscheinen interessante Spiele aus allen Genres… zu jeder Zeit. Diesem Umstand haben es Rollenspieler mit Echtzeit-Faible zu verdanken, dass schon jetzt der erste RPG-Output für PS4 und Xbox One auf dem Plan erscheint: "Bound by Flame" vom französischen Entwickler Spider stammt vom selben Team, das ursprünglich für Monte Cristo das Action-RPG "Silverfall" gestemmt hat.

Mit "Bound by Flame" liefert man jetzt zum ersten Mal eine eigene Marke ab – ohne sich allerdings wieder den aus "Silverfall" bekannten, 'diablo'esken' Totklick-Mechanismen anzunähern. Statdessen gibt's Dresche nach Brawler-Art: Held Vulcan und seine Söldner-Kollegen von den 'Freien Klingen' teilen Hiebe in zwei unterschiedlichen Stärken aus – wobei sich die muskelbepackten Hünen bei dem härteren und trägeren der beiden Manöver um ihre eigene Achse drehen, um ordentlich Schwung für einen besonders fiesen Hieb zu bekommen.

Spezialmanöver im klassischem Beat'em-Up-Sinne gibt's zwar keine, aber die Parallelen zum 'Auf die Fresse'-Genre sind trotzdem unübersehbar: Verketten die Kämpen mehrere Angriffe miteinander, dann macht's umso mehr AUA – und das per Schultertaste jederzeit erreichbare 'Taktik-Menü' birgt jede Menge zusätzliche 'Weh-tu-Optionen'. Darunter z.B. die Armbrust (zuverlässig, so lange der Bolzen-Vorrat reicht) oder der Wechsel von einem Kampfstil zum nächsten.

 

Als 'Krieger' schwingt Alter Ego Vulcan einen mächtigen Bihänder, den er mit viel Schmackes im fauligen Fleisch der untoten Gegner versenkt – außerdem darf er die Manöver-Taste benutzen, um den zombifizierten 'Totwandlern' und ihren dämonischen Herren mit Anlauf in die Visage zu treten. Oder in die Magengrube. Oder gegen das Schienbein. Je nachdem, was gerade in Tritthöhe liegt. Nun haben Untote zwar kein besonders aktives Schmerzzentrum, aber immerhin bringt sie ein beherzter Kick ordentlich ins Wanken. Darum eignet sich dieses Manöver auch besonders gut für solche Verwesungs-Fritzen, die ihre madenzerfressene Fressluke hinter einem Schild verbergen, damit ihnen unsere Klinge nicht ins Gammelfleisch säbelt. Der Tritt bringt die Ekelpakete aus dem Gleichgewicht – und in dem Moment, in dem sich in ihrer Deckung eine klaffende Lücke öffnet, schlägt man ihnen noch eine schöne, große Hasenscharte!

 

Die Dolchhiebe und -Stiche des Waldläufers tun vielleicht nicht ganz so weh wie die Zerteilung per Zweihänder – doch dafür sind sie umso flinker. Während der Held mit der leichten Attacke blitzschnell zusticht, wird aus dem schweren Angriff ein wahrer 'Kreisel des Todes'. Der Manöver-Button wiederum lässt Vulcan im 'Ranger-Modus' einen flotten Ausweich-Schritt nach hinten machen. Wer mit diesem Kommando bis zu letzten Moment wartet (also bis kurz vor dem gegnerischen Treffer), der verlangsamt dadurch für einige Augenblicke die Zeit – die perfekte Gelegenheit, um dem Widersacher einen Dolch in die knochige Flanke zu pieken. Das geht übrigens auch hinterrücks: Als Waldläufer darf sich das Konterfei durch einen Druck auf den rechten Analogstick tarnen, um dann solche Feinde unbemerkt zu überrumpeln, die ihm den Rücken zuwenden. Ein derartiges 'Heimlich-Manöver' raubt dem Ziel zwar nicht zwangsläufig ALLE Lebenspunkte, aber wirklich fit ist es danach nicht mehr.

 

 

Und wer möchte, dass seine Opfer (ob nun von hinten oder vorne attackiert) bereits bei der ersten Berührung mit der Klinge kraftlos in sich zusammenfallen, der investiert rechtzeitig Mühe und vor allem Punkte in die unterschiedlichen Stationen des Fähigkeiten-Baums. Denn wie es sich für einen Rollenspiel-Streiter aus echtem Schrot und Korn gehört, erklimmt Vulcan regelmäßig eine neuen Sprosse (sprich Stufe) auf der Karriereleiter und darf dann daran arbeiten, seine Fertigkeiten auszubauen bzw. seinen Kampfstil zu individualisieren. Denn alle Manöver sind einer von mehreren Kategorien zugeordnet: Die Skills von Waldläufer, Krieger und den magischen Kategorien dürfen zwar parallel entwickelt werden, haben aber keinerlei Berührungspunkte untereinander.

 

Außerdem bekommt Vulcan regelmäßig neue Fertigkeiten-Optionen dazu: Der Kampf gegen die untoten Horden der 'Eisfürsten' macht den Söldner zum Zeugen eines magischen Rituals, das eine Gruppe Priester zelebriert, um die unterkühlten Herren der Zombiehorden in ihre Schranken zu verweisen. Doch weil die Zeremonie durch eine Attacke unterbrochen wird, geht sie gehörig daneben – und statt der Tochter des Oberpriesters bekommt Söldnerseele Vulcan die volle Dosis Übernatürliches ab. Ein machtvoller Dämon nistet sich in der Seele des Kämpfers ein – und der hält nicht nur in der Traumwelt Zwisprache mit seinem 'Wirt', sondern leiht ihm außerdem einen Teil seiner paranormalen Begabung. Anfangs darf Vulcan mit Hilfe des unverhofften Gastes nur Feuerbälle schmeißen und seine Waffe mit magischen Flammen entzünden – doch je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto stärker wird das ungewöhnliche Band, das sie teilen. Aber das 'Zusammenwachsen' der beiden Entitäten macht sich nicht nur spielerisch bemerkbar, auch das Aussehen des Söldners ändert sich – bis zu dem Punkt, an dem er selber zum 'Gehörnten' wird.

 

 

"Bound by Flame" geht in jeder Hinsicht auf Nummer Sicher: Weder Spiel- noch Game-Design verpassen dem Genre neue Impulse, und die geradlinig gestaltete Spielwelt trägt nicht eben dazu bei, um die Immersion der 0815-Fantasy-Geschichte zu steigern. Dass Spiders Hauruck-RPG trotzdem Spaß macht, das ist der unkomplizierten Spielweise und der schnörkellosen Direktheit des Abenteuers zu verdanken: Hier wird nicht lange gefackelt oder erklärt, sondern gleich drauf lös geprügelt – und das mit einem rohen, ursprünglichen Charme, wie man ihn sonst nur aus alten Genre-Filmklamotten á la "Conan", "Hawk – Hüter des magischen Schwertes" oder "Der Zauberbogen" kennt. Wer mit 80er-Jahre-Fantasy aufgewachsen ist, der wird "Bound by Flame" lieben, aber auch jüngere Stufen-Jäger werden mit dem angenehm unkomplizierten Scharmützel ihre Freude haben. (7.5 von 10 / "gut")

 


Spider / Focus Home Interactive / Deep Silver • ab dem 09. Mai für PC, PS4, Xbox 360, PS3 • ca. 35 (PC), 45 (Xbox 360, PS3) bzw. 55 Euro (PS4  • ab 16 Jahren • für Fortgeschrittene und Profis


WERTUNGEN: 1.0, 1.5, 2.0 = ungenügend • 2.5, 3.0, 3.5 = mangelhaft • 4.0, 4.5, 5.0 = ausreichend • 5.5, 6.0, 6.5 = befriedigend • 7.0, 7.5, 8.0 = gut • 8.5, 9.0, 9.5 = sehr gut

10 = legendär

Kommentar schreiben

Kommentare: 0