Kritik: Among the Sleep


 

Fest das Plüschtier umklammern, herzhaft am Daumen nuckeln und dabei furchtsam im dunklen Zimmer umschauen. Inzwischen werden aus Mänteln Dämonen, aus den Schatten an der Wand grotesk verzerrte Baumriesen und aus der staubig-muffigen Finsternis unter dem Bett funkeln gleich mehrere bösartige Augenpaare: Die Welt von kleinen Kindern ist noch undefiniert und furchteinflößend, die Grenzen zwischen tatsächlicher und vorgestellter Welt fließend.

Wer einen derart komplexen und aus Erwachsenen-Sicht fremdartigen Kosmos als Spiel umsetzen will, der muss dabei äußerst sensibel und verständig vorgehen. Denn anders als bei einem Buch oder einem Film fällt es durch die Komponente "Interaktivität" herzlich schwer, auch den inneren Kosmos des kleinen Protagonisten darzustellen.

 

 

Trotzdem wagt sich Indie-Entwickler Krillbite an genau dieses Kunststück: In "Among the Sleep" krabbelt der Spieler als egoperspektivisches Kleinkind durch eine bizarre Welt voller finsterer Symbole und alptraumhafter Schreckgestalten. Als der kleine Kerl zu seinem zweiten Geburtstag einen Teddy geschenkt bekommt, schließen die beiden schnell Freundschaft und brechen zu einem Grusel-Trip in die Welt hinter dem Kleiderschrank auf. Die kombiniert Elemente aus dem häuslichen Alltag des kleines Mannes mit Motiven aus Märchen und Grusel-Episoden. Werden Größendimensionen verzerrt, physikalische Gesetze auf den Kopf gestellt und mit einer dicken Gammel-Patina aus gothischer Gänsehaut überzogen. Darum verlässt sich Krillbite für die Inszenierung des kindlichen Universums auf genau das, was die Welt eines Dreikäsehochs ausmacht: Auf das pure, unverfälschte Entdeckertum. Krabbeln, laufen, taumeln – und dabei mit kindlicher Neugierde die Umwelt erkunden… ganz gleich, wie gruselig die auch sein mag. Dabei presst man den gesprächigen Teddy-Kumpel so fest an die Brust wie es nur geht: Das gibt einem nicht nur ein angenehm kuscheliges Gefühl, obendrein verströmt das knuddelige Bärchen einen warmen Lichtschein, der dem kindlichen Helden in der meist stockfinsteren Umgebung aus abstrakten Gruselformen zumindest einen Hauch von Durchblick verschafft.

Viele Gegner, vor denen man sich fürchten müsste, gibt es allerdings nicht: Zwar kreischt, kichert, gurgelt, plätschert und grunzt es von allen Seiten – doch das Gros des daraus resultierenden Horrors spielt sich vor allem im Kopf ab, monströse Handgreiflichkeiten gibt's selten. Und wenn doch, dann hat der kindliche Held keine Chance: Wenn Mantel-Monster oder Todesfee anrücken, kann er sich höchstens unter dem nächsten Tisch verkrümeln – volle Krabbelkraft voraus!

 

 

Obwohl "Among the Sleep" visuell häufig nur Mittelklasse bietet, wurde die kindliche Welt ebenso atmosphärisch wie geschickt visualisiert – obendrein wird gekonnt auf familiäre Probleme aufmerksam macht. Zugegeben: Für rund 20 Euro hätte mehr drin sein müssen als ein nur knapp vierstündiges Spielerlebnis mit manchmal durchwachsener Präsentation, doch dafür geht jede Minute unter die Haut. Die wenigen Puzzles sind zwar schnell geknackt, die Orientierungs-Untiefen fix überwunden – aber Krillbites Titel lebt von der Reise seines kleinen Helden, und nicht von dessen Fähigkeiten als gestandener Abenteurer bzw. Rundum-Interakteur. Wer die Preis/Performance-Diskrepanz verknuspern kann, erlebt ein ein angenehm frisches Mini-Adventure, in dessen Verlauf er sich mehr als einmal mit den Dämonen seiner Kindheit konfrontiert sieht.

 

(7.0 von 10 / "gut")

 

 


Krillbite • PC, Mac, PS4 • ca. 20 Euro • für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis


WERTUNGEN: 1.0, 1.5, 2.0 = ungenügend • 2.5, 3.0, 3.5 = mangelhaft • 4.0, 4.5, 5.0 = ausreichend • 5.5, 6.0, 6.5 = befriedigend • 7.0, 7.5, 8.0 = gut • 8.5, 9.0, 9.5 = sehr gut

10 = legendär

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