Kritik: Valiant Hearts – The Great War

 

Harter Stoff: Ubisofts "Valiant Hearts: The Great War" ist spielerisch simpel geraten, besticht aber durch eine filigrane Zeichnung von Kriegsschrecken. Besitzer von PCs, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One lassen sich hier von einem Adventure mitreißen, dass zum Nachdenken anregt.

 

Nach zwei "Rayman"-Spielen und "Child of Light" ist "Valiant Hears: The Great War" das mittlerweile vierte Spiel, das der französische Hersteller Ubisoft mit Hilfe seiner Entwicklungsumgebung "UbiArt Framework" entwickelt: Die wurde extra für kleine Teams entworfen, damit die ohne großes Budget oder viel Druck experimentelle 2D-Titel entwerfen können. Damit sind Spiele aus der UbiArt-Pipeline gewissermaßen die hauseigenen 'Indie'-Produkte des Konzerns, der sonst mit Effektschlachten wie "FarCry" oder "Assassin's Creed" in die Vollen geht.

 


 

Wie "Child of Light" wagt auch das bei Ubisoft Montpellier entwickelte "Valiant Hearts" einen mutigen Spagat zwischen retrospektiv gepolter Genre-Kost und mutiger Innovation: Um die Geschichte des Ersten Weltkriegs so authentisch und dramatisch wie möglich wiederzugeben, pickt sich das Team eine von Schicksalsschlägen gebeutelte französische Familie heraus. Der Schwiegersohn ist einer von vielen deutschen Gastarbeitern, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf französischen Bauernhöfen die Mistgabel schwingen – doch als der Krieg mit Deutschland ausbricht, wird er zusammen mit seinen Landsleuten ausgewiesen und in seiner Heimat prompt ins Heer verfrachtet. In Frankreich ergeht es Familien-Kopf Emile ähnlich: Auch der alte Herr wird einberufen – und trifft wenig später an der Front prompt auf seinen Schwiegersohn. Auf einmal stehen sich beide als Feinde gegenüber.

Um die Kriegsgeschichte so vielseitig wie möglich zu erzählen, wechseln die Entwickler regelmäßig zwischen den spielbaren Charakteren hin und her: Die meiste Zeit über steckt man in der Rolle des französischen Bauern, doch hin und wieder schlüpft man auch in die Stiefel von Schwiegersohn Karl, US-Soldat Freddie und der jungen Belgierin Anna, die sich außerdem als Taxi-Fahrerin anbietet.

 

 

Obwohl Ubisoft sein horizontal scrollendes Adventure hier und da mit Point'n'Click-artigen Puzzles und gelegentlichen Ausweich- bzw. Action-Einlagen garniert, liegt der Fokus ganz klar auf der mit wundervollen, interaktiven Comic-Gemälden illustrierten Geschichte. Mörser- und MG-Beschuss ausweichen, hinter Holzverschlägen in Deckung gehen, bei einem Endgegner-Gefecht Granaten schmeißen oder durch das ballistische Werfen von Flaschen Mechanismen aktivieren: All das kann bei falscher Ausführung zwar hin und wieder zum Ableben der Protagonisten führen, dient aber trotzdem eher der Tempo-Regulierung des Abenteuers als einer echten Herausforderung. Kurzum: Frusterlebnisse sind nahezu ausgeschlossen.

 

 

Unter Beschäftigungsmangel leiden die Helden trotzdem nie: Sie drehen Räder, betätigen Schalter, schubsen bewegliche Elemente wie eine Lore durch die Levels, verlegen die Leitung einer Giftgas-Höllenmaschine neu oder kommandieren einen treuen Freund auf vier Pfoten, damit der z.B. für sie unerreichbare Stellen beschnuppert.

Wer außerdem mehr über die zugrundeliegende Zeit erfahren will, der findet im Reise-Journal der Charaktere allerlei Fakten über den Ersten Weltkrieg. Dabei sind die Entwickler ähnlich wenig zimperlich zugange wie beim Portraitieren der Schlachtfelder, auf denen sich auch gerne mal zerfetzte Leichen türmen. Abseits der Gefallenen ist die Darstellung des Krieges ähnlich authentisch ausgefallen: Die Symbiose aus frankobelgischem Independent-Comic und 2D-Adventure hat zwar eine mitunter drollige Note – doch im Kugelhagel verendende Soldaten, erbarmungslose Grabenkämpfe sowie zerstörte Städte fangen die Schrecken des Krieges mit teils verstörendem Detailreichtum ein und vermitteln mehr Gefühl für die Thematik als ein fotorealistischer 3D-Shooter es je könnte.

 

 

Auch Design-seitig gibt man sich kaum eine Blöße: Obwohl "Valiant Hearts" hier bewusst zahm gehalten wurde, so ist es doch weit davon entfernt, primitiv zu sein. Die Kontroll-Mechanismen fallen durch eine angenehm mimetische Komponente auf, sind genauso selbsterklärend wie sie es sein sollten – und anders als im üblichen Point'n'Click-Adventure nehmen die Puzzles dem Erlebnis nicht das für ein Kriegsszenario dringend nötige Tempo. Kurzum: Wer den hin und wieder etwas zu deutlich erhobenen Zeigefinger der Geschichtsschreibung wohlwollend übersehen kann, der freut sich auf ein ebenso packendes wie einfühlsam erzähltes Adventure.

 

(9.0 von 10 / "sehr gut")

 


Ubisoft Montpellier • PC, Mac, Xbox 360, Xbox One, PS3, PS • ca. 15 Euro • ab 12 Jahren • für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis


WERTUNGEN: 1.0, 1.5, 2.0 = ungenügend • 2.5, 3.0, 3.5 = mangelhaft • 4.0, 4.5, 5.0 = ausreichend • 5.5, 6.0, 6.5 = befriedigend • 7.0, 7.5, 8.0 = gut • 8.5, 9.0, 9.5 = sehr gut

10 = legendär

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