Der Heimwerker in Dir: Project Spark

Digitales Heimwerken ist seit "Minecracft" in aller Munde: Der moderne Spieler will nicht nur vorgezeichneten Pfaden folgen – er möchte selber schöpferisch sein! Microsofts "Project Spark" für Xbox One und PC bietet sogar noch weit mehr als einen Kreativ-Baukasten für atemberaubende Landschaften: Es will ein Entwickler-Werkzeug für jedermann sein. Für das ganz eigene Spiel. Mit allem drum und dran. 




Aus der Ebene erhebt sich zunächst ein sanft geschwungener Hügel. Nackt, wie ihn der digitale Schöpfer aus dem flachen Boden geklöppelt hat. Als würde man mit einem Hammer von unten ein Blech ausbeulen. Dann kommt die Detailarbeit: Auf einmal wird der Hügel schroffer, zerklüfteter. Bohrt sich ein Loch mitten durch das noch undefinierbare Material – als hätte ihm die natürliche Witterung innerhalb von Jahrmillionen ihren Stempel aufgedrückt. Dann öffnet sich der Berg – bis er eine Hufeisen-artige Form animmt, in deren Zentrum sich schließlich ein Teich ausformt. Dann geht alles sehr schnell: Der kleine Berg nimmt rasend schnell Struktur und Farbe an, verwandelt sich rund herum in einen Fels, während oben Gras und Blumen zu wuchern beginnen. Auch im Umkreis des Felshügels sprießt es auf einmal: Eine saftige Wiese entsteht, dann ploppen Bäume in unterschiedlichen Formen und Farben aus dem Boden, schlängeln sich Wege und Flussläufe durch die Landschaft, bevor auf einmal Gebäude in die Höhe schießen. Dann erscheint – wie aus dem Nichts – ein schöne Heldin auf der Bildfläche: Zuerst schwebt sie in der Luft, dann rauscht sie ruckartig auf den Boden – und verharrt dort bewegungslos. Starrt ohne erkennbare Regung weitere Löcher in den Hügel. Dann öffnet sie endlich die Augen, schaut sich um, sondiert die Lage und beginnt herumzulaufen – ganz so, als hätte man ihr gerade erst einen Verstand eingepflanzt. 


So oder so ähnlich würde die Entstehung einer Landschaft in "Project Spark" wohl aus der Perspektive eines Spielwelt-Bewohners aussehen: Microsofts kostenlose Kreativ-Box will Spieler und digitale Hobbyisten in Weltenbauer und Spiel-Designer verwandeln. "Do it yourself!" ist hier das Motto – nur, dass statt Hämmern, Nägeln und Fräsen virtuelle Pinsel am Werk sind. Die heben und senken das Terrain. Verzerren und skalieren es, während aus der Zubehörbox vorgefertigte Objekte wie Spielfiguren, Schatztruhen, Bänke und Brunnen in der Landschaft landen – per Tastendruck automatisch auf Bodenniveau gebracht. Oder man tunkt sie in den digitalen Farbeimer, der den bepinselten Objekten die passenden Strukturen verleiht. Und dabei ist er sogar ziemlich intelligent: So weiß der 'Hügel-Pinsel' z.B. von selbst, ob er gerade die grüne Oberfläche der Erhebung bearbeitet oder die steinige und erdige Seite. Oder wann der Wiesen-Pinsel beim Übergang zum Hügel dessen Unterseite sanft bewachsen lässt. 

An dieser Stelle ist "Project Spark" ein unglaublich mächtiges und komfortables Werkzeug, mit dem sich in Windeseile erstaunlich komplexe Welten bauen lassen. Z.B. eine kuschelige Fantasy-Welt voller Siedlungen, garstiger Kreaturen und prall gefüllter Schatzhorte. Oder eine Science-Fiction-Landschaft, in der sich spacige Kreaturen und Weltraumritter Feuergefechte liefern – alles nach Regie des digitalen Heimwerkers. Je nachdem, welche Textur- und Objekt-Sets er zuvor online eingekauft hat und wie viel Zeit er in seine alternative Realität investiert.

Denn nicht alles ist in "Project Spark" so einfach wie das Heben und Senken oder Anpinseln des Terrains: Während sich das noch ein bisschen so anfühlt, als würde man wie ein Heimwerker oder Modellbauer die Eisenbahnlandschaft im Keller zusammenklöppeln, so wird es spätestens dann extrem technisch, sobald die Spiele-Logik hinzu kommt. Dann wird aus dem knuffigen Werkzeugkasten auf einmal eine Art Skript-Sprache: Jeder Stuhl, jeder Tisch, jeder Hebel, jede Truhe, jedes Monster und jeder Held bekommen im "Project Spark" ihr eigenes 'Gehirn'. Will heißen: Sie werden programmiert. Denn dahinter verbergen sich oft mehrere Bildschirmseiten knallharter Code. Sicher: Der ist hübsch illustriert – und übersichtlich in eine Hälfte für "When" und eine für "Do" unterteilt. Wenn der Held mit dem Stuhl kollidiert, dann passiert das eine. Und wenn er sich drauf setzt, dann das andere. Wenn der linke Joypad-Stick bewegt wird, dann bewegt sich auch der Held. Und jedesmal, wenn man den A-Knopf des Xbox-One-Pads drückt, dann macht er einen Hupfer. 

Und ja, das ist alles viel komplizierter als es sich anhört. So kompliziert, dass ein ganzes Sammelsurium aus fertigen 'Gehirnen' darauf wartet, in die richtigen 'Schädel' gepflanzt zu werden, um die Entstehung des eigenen Abenteuers drastisch zu beschleunigen. Wer diesen 'leichten' Weg geht, der schränkt damit allerdings seine kreative Möglichkeiten ein – sein Spiel wird weniger individuell.

Kreaturen wie diese Goblins zählen zu den im kostenlosen Basispaket enthaltenen Figuren. Wer es sich mit der 'Programmierung' halbwegs einfach machen will, der verpasst ihnen ein vorgefertigtes 'Gehirn'.


Wem die virtuelle Heimwerkelei anfangs noch zu hart ist, der verlustiert sich erstmal mit den vorgefertigten Action-Adventures oder taucht in das Abenteuer eines anderen Community-Mitglied ab. Außerdem lassen sich diese fertigen Spiele auf ihren 'Code' hin analysieren und modifizieren. Auf diese Weise lernt es sich am schnellsten!


Trotzdem ist die Annäherung an das Entwicklungs-Tool über vorgefertigte Elemente eine gute Idee: Außer diesen Sets und Verhaltensweisen warten z.B. die Adventures anderer Community-Mitglieder oder die Hersteller-seitig vorgegebene Kampagne darauf, durch den angehenden Architekten erkundet zu werden. Entweder indem man sie mit gezücktem Schwert und in Gestalt eines Helden durchläuft – oder sie mit den Editor-Werkzeugen analysiert, seziert und studiert. Trotzdem schwächelt "Project Spark" aktuell auf der so wichtigen Community-Seite: Die Filter-Funktion sorgt dafür, dass die ständig selben Selfmade-Welten Beachtung finden, während andere unbeachtet in der Versenkung verschwinden. Zumal das Spielen der Adventures weit weniger Spaß macht als ihre Konstruktion: Die findet aktuell fast zum Selbstzweck statt – nur dass dafür die Werkzeuge zu komplex sind und die Konstruktion der Welten zu zeitaufwändig. 


Wer schon immer einen zumindest rudimentären Einblick in die Entwicklung von Spielen bzw. in die entsprechenden Tools gewinnen wollte, der gibt dem kostenlosen Basis-Paket eine Chance – könnte jedoch ebenso schnell frustriert das Handtuch werfen wie er anfangs beherzt los werkelt. Denn das Tutorial ist äußerst dürftig. Für alle die Details dagegen ist der Weltenbauer auf sich selbst gestellt. Denn "Project Spark" birgt zwar weit mehr Kreativ-Potential als die Toybox aus "Disney Infinity 2.0" oder die Level-Editoren aus "Little Big Planet", doch der Preis dafür ist hoch. Und Zeit und Nerven sind die primäre Währung.

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