Kritik: Sunset Overdrive

Endlich wieder ein System-exklusiver Kaufgrund für die Xbox One? "Sunset Overdrive" von Insomniac verwandelt die Bewohner einer US-Metropole in monströse Energy-Drink-Zombies und lässt sie den Spieler mit viel luftiger Action-Akrobatik bekämpfen.



für Xbox One

von Insomniac und Microsoft

für Fortgeschrittene und Profis


ab 31. Oktober

ca. 70 Euro

ab 16 Jahren


Die von Blasen und Pusteln übersäten Kreaturen sind das Opfer eines Energy-Drink-Unfalls. Manche von ihnen sind mit Bagger-schaufeln und anderen Objekten verschmolzen


Die Verkaufszahlen von Microsofts Next-Gen-Konsole Xbox One haben zuletzt so sehr geschwächelt, dass sie zeitweise sogar von Nintendos glückloser WiiU überholt wurde. Obwohl der Software-Riese sein System nach wie vor als multimedialen Super-Hub fürs Wohnzimmer etablieren und ihn dafür sogar bald Windows-fit machen will, braucht er dringend ein paar schlagkräftige Verkaufsargumente – Spiele, die es nur für seine Hardware gibt. Mit "Forza Horizon 2" hat man vor einigen Wochen einen starken Rennstall auf die Piste gelassen – doch der ging in einer abgespeckten Version auch für die gute alte 360 an den Start. Jetzt wird's endlich wieder exklusiv: "Sunset Overdrive" kommt von Insomniac Games – also genau der kalifornischen Traditions-schmiede, bei der früher PlayStation-exklusive


Hits wie "Spyro", "Ratchet & Clank" und "Resistance" vom Entwicklungs-Stapel gelaufen sind. 

Schön, dass die sonst so talentierten Mannen um Gründer Ted Price jetzt auch mal für Microsoft ran darüfen – doch entweder ist ihnen schlicht der Kreativ-Sprit ausgegangen… oder aber sie arbeiten wesentlich besser, wenn die schwarzen Sony-Anzüge am Produktions-Drücker sind. Denn das bereits seit der ersten umstrittenen Xbox-One-Präsentation angekündigte "Sunset Overdrive" kann schwerlich die Antwort auf die Fragen sein, die Xbox-One-Käufern derzeit so schwer auf dem Herzen liegen. Fragen wie "Habe ich in das falsche System investiert", "Was kann das Ding denn nun wirklich?" oder "Wann kommt endlich das Spiel, bei dem ich PS4-Besitzern eine lange Nase drehen darf?"



Dass der erhoffte Vorzeige-Ballermann wie die meisten Xbox-One-Spiele kein Full HD kann, ist da noch verschmerzbar – auch mit der austauschbaren Grafik von der 0815-Stange könnte man ganz gut leben. Hätte die bereisbare Metropole 'Sunset City' doch wenigstens spielerisch das Zeug, für all das inszenatorische Mittelmaß zu entschädigen. Dabei ist "Sunset Overdrive" auf den ersten Blick zumindest schön durchgeknallt: Ein Energy-Drink-Hersteller verwandelt die meisten Bewohner der Stadt mit seinem neuen Produkt in Blubberwasser-süchtige Mutanten. Eigentlich ist die allgemeine Zombifizierung ein Unfall ist, doch jetzt will man die Spuren verwischen: Keiner kommt rein, keiner kommt raus. Der Spieler-Avatar gehört zu den wenigen Überlebenden, denen nicht überall Klauen, Zähne und nässende Limonaden-Blasen aus der schuppigen Haut wuchern. 


und diese letzten menschlichen Bewohner der Stadt feiern die punkige Apokalypse jetzt auf ihre ganz eigene Art: Frei nach dem Motto "Nun ist sowieso alles egal" machen sie die Untergrundler einen Mordsspaß aus dem Niedergang. Genießen es, die Mutanten nach allen Regeln der Schießkunst und mit viel akrobatischer Finesse zu erleidgen. Sie sliden und grinden auf bloßen Schuhen über Kanten, Geländer und Hochleitungen. Springen über Hausdächer, setzen mit Flick-Flacks über Häuserschluchten, nutzen Sonnenschirme und selbst Autos als Trampoline und feuern dabei mit selbstgebastelten Waffen vernichtende Salven in den Pulk aus sabbernden, grunzenden Kreaturen – vorzugsweise aus sicherer Distanz. Ob konventionelles Vernichtungswerkzeug wie Flammenwerfer oder eher unorthodoxer Kaputtmacher á la Schallplatten-Schleuder und Teddy-Katapult: Insomniacs Waffen sind ähnlich kaputt wie seine virtuellen Darsteller. Und je absurder, eleganter oder quirliger ihre Besitzer agieren, während sie die skurrilen Geschosse abfeuern, desto verheerender die Wirkung der Angriffe: Wer ständig in Bewegung ist, der lässt seiner Widersacher idealerweise in nuklearen Explosioen verglühen.


UNTEN: Bilder wie dieses sieht man in "Sunset Overdrive" selten – denn in der Regel bewegt sich der Held über den Köpfen der hungrigen Meute, indem er über Kabel grindet.


 

Doch so aberwitzig und launig das Konzept anfangs auch wirkt, so schnell wird es langweilig: Insomniac gibt sich zwar sichtliche Mühe, die Geschichte in Gang zu halten und mit allerlei bizarren Extra-Aufgaben bei Laune zu halten – doch die anfangs verspielt wirkende Bewegungsweise entpuppt sich allzu schnell als eingeschränkt und hochgradig repetitiv. Lässt man im Multiplayer-Modus gemeinsam die Atompilze sprießen, dann entwickelt die akrobatisch-luftige Action deutlich mehr humorige Eigendynamik – doch den Mangel an Charme kann auch dieser Modus nicht auffangen. So sehr sich "Sunset Overdrive" auch um locker-flockige Sprüche und ein aberwitziges Äußers bemüht, so ist es im Herzen doch leider… ein ziemlicher Spießer. 


6.5

befriedigend

Grafik: befriedigend

Sound: gut

Steuerung: gut

Spielspaß: befriedigend


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