Game of Thrones

Nach "Walking Dead" und "Wolf Among Us" jetzt auch noch "Game of Thrones": Telltale Games verwandelt die prominente HBO-Show um das Fantasy-Reich Westeros in eine Adventure-Serie für PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360, PC, iOS und Android. Die erste Episode begeistert aber nur bedingt. 

PS4 (getestet), PS3, XBO, 360, PC, iOS, Android

von Telltale Games

ein Spieler

für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis


im Handel

ca. sechs Euro





In vielen Passagen setzt Telltale auf bekannte Gesichter: Figuren wie Cersei und Tyrion Lannister wurden gemäß der TV-Vorlage besetzt.


Mira Forrester (hinten links) ist die Zofe von Margaery Tyrell.Mira wünscht sich, dass Margaery ihre Beziehungen am Hofe einsetzt, um die Position der Forresters wieder zu stärken.



Ethan Forrester (Bild links) schlittert durch den Tod seines älteren Bruders in die Rolle des Lords, ist der anspruchsvollen Aufgabe aber nur bedingt gewachsen. Bereits die Ernennung seines 'Sentinels' wird zur Reifeprüfung – denn die Wahl zwischen zwei Vertrauten seines verblichenen Vaters fällt schwer.

 

Mit der Versoftung von "Walking Dead" und der Comic-Serie "Fables" ("The Wolf Among Us") hat der US-amerikanische Indie-Entwickler Telltale kolossale Erfolge gefeiert – jetzt macht er sich an die verspielte Adaption von George R.R. Martins Fantasy-Epos "Game of Thrones". Obwohl die kalifornischen Adventure-Profis anstelle der Romane vor allem die TV-Serie interpretieren und Gesichter bzw. Sprecher der prominenten HBO-Vorlage verpflichten (darunter Peter Dinklage alias Tyrion Lannister und Lena Headey als Cersei Lannister), entscheidet man sich dafür, ihre Charaktere, Handlungsstränge und Schauplätze eher sparsam zu verwenden: Stattdessen schreiben die Telltale-Autoren wieder ihre eigene Geschichte: Die siedelt man zwar im selben Hintergrunduniversum an, aber statt des harten Handlungs-Kerns wählt man seine äußerste Peripherie. 

In diesem Fall ist es das kleine Haus Forrester, das jetzt auch mal "ran darf": In Büchern und Serie finden die Lieferanten des begehrten 'Eisenholzes' bestenfalls beiläufig Erwähnung, aber hier werden sie als treue Gefolgsleute der Starks bezeichnet – also jener Familie, die im Mittelpunkt von Martins Erzhählungen steht und die vor dem Tod von König Robert Baratheon den Norden Westeros' beherrscht hat. Inzwischen sind die frostigen Ländereien jedoch unter Kontrolle von Roose Bolton, und der lässt seinem sadistischen Bastard-Sohn Ramsay 'Snow' beim Traktieren des ehemaligen Stark-Gefolges freie Hand. 

 

Schlechte Zeiten für das kleine Haus Forrester, unter dessen Banner alle drei spielbaren Protagonisten von Telltales erster "Game of Thrones"-Episode aufgewachsen sind: So muss der Knappe Gared hilflos dabei zusehen, wie sein Herr und dessen ältester Sohn einem heimtückischen Mord zum Opfer fallen. Während Gared nach diesem traumatisierenden Erlebnis zur Mauer geschickt wird, um dort als 'Ranger' zu dienen, muss sich der nächstältere Sohn Ethan Forrester ins Regierungsgeschäft hineinquälen. Inzwischen versucht seine Schwester, ihr Amt als Zofe am königlichen Hofe dafür zu nutzen, um der angeschlagenen Familien mit taktischem Fingerspitzengefühl den Rücken zu stärken.

 


Genauso wie die TV-Vorlage geizt auch die Spiele-Adaption nicht mit Gewalt: Bei seinem Weg zur Mauer entdeckt Gared den grausamen Ramsay Bolton dabei, wie er einem Gefangenen buchstäblich die Haut von den Knochen schält. Wer in dieser Szene zu neugierig ist, der riskiert dabei den Tod seines Charakters.

 

Intrigen, emotionale Verstrickungen und hitzige Debatten: Ebenso wie das Original ist auch Telltales Westeros eine Welt des Dialogs. Per 'Multiple Choice'-Menü wird entschieden, in welche Richtung das aktuelle Gespräch steuert – und das, während der Gegenüber noch redet. Wie sich die unter Zeitruck getroffene Wahl auswirkt, lässt sich dabei manchmal nur bedingt absehen: Dann scheint das tatsächlich Gesagte so gar nicht der zuvor gewählten Antwort zu passen. Wer die Episode nach dem Abschluss noch mal spielen will, um alle möglichen Optionen auszuloten, der muss also sturheil auswendiglernen. Immerhin: Bei nur knapp zwei Stunden Spieldauer pro Folge ist das kein Beinbruch.

 

Tödlich wird der falsche Weg in der Regel nur bei den gerade anfangs üppig gestreuten Quicktime-Sequenzen: Im Kampfesfall soll der Spieler eingeblendete Button-Kombis malträtieren oder im letzten Moment den Stick herumreißen – wer dabei mit einem Pfeil im Kopf endet, darf gleich noch mal ran. 

Doch ganz gleich ob beim Ausweichen, Schlagen oder Schwatzen: Die Bewegungsfreiheit der Telltale-Helden ist wie gewohnt eingeschränkt – nur wenige Szenarien laden zur freien Begehung und Begutachtung nach Point'n'Click-Manier ein. Wer auf Rätsel hofft, wird hier nicht fündig. Stattdessen ist wie bei "Walking Dead" vor allem Erzählkost angesagt, die man ebenso als interaktiven Comic wie als manipulierbare TV-Folge bezeichnen könnte. 

 

Dass "Game of Thrones" hier nicht so gut funktioniert wie die preisgekrönte Zombie-Soap, liegt vor allem an der inszenatorischen Diskrepanz zur TV-Vorlage. Indem man sich so überdeutlich an ihr orientiert, drängt man den Vergleich zur prächtig ausgestatteten HBO-Serie zwangsläufig auf – und hier ist das Spiel hoffnungslos unterlegen. Vor allem die unbelebten, teilweise maskenhaft starren Gesichter sind ein echter Stimmungstöter. Sollten sich die Charaktere während der kommenden Episoden ordentlich entwickeln, dann könnten sie diesen dicken Minuspunkt auffangen. Trotzdem: Opulentere Optik und ein bisschen Motion-Capturing würden der Serie nicht schaden – immerhin sollte Telltale mit "Walking Dead" mehr als genug Geld verdient haben, um die 'Production Values' anzuheben. Den schlurfenden Toten mit ihrem Indie-Charme hat man die krude Technik nicht übel genommen – doch inzwischen muss einfach mehr drin sein. Darunter auch gerne eine Eindeutschung.

 


6.5

befriedigend

Grafik: befriedigend

Sound: befriedigend

Steuerung: befriedigend

Spielspaß: befriedigend



 

GRAFIK: Ein Ölfarben-Filter soll die zuweilen extrem grobe Spiel-Optik kaschieren und "Game of Thrones" eine künstlerische Note verpassen. Der Kunstgriff geht leider ins Leere: Telltales Version von Martins Saga ist grobschlächtig und steif. Für den nächsten Teil wünschen wir uns eine deutliche Aufhübschung!


SOUND: Themen aus der TV-Vorlage werden mit eigenen Musikstücken gemischt, die allerdings nie das Niveau eines charakteristischen Soundtracks erreichen. Die englischen Sprecher (Originalstimmen aus der TV-Serie inklusive) sind allesamt top, auf eine deutsche Synchro muss man verzichten.

 

STEUERUNG: In den wenigen Sequenzen, in denen man mehr steuet als das Dialogmenü, ist die Steuerung leidlich gelungen. Die Quicktime-Sequenzen sind unpräzise und nervig, das Herumlatschen während der rar gesäten 'Freigängen' zwar extrem hakelig, aber nicht störend.

 

SPIELSPASS: Telltales kleines Westeros-Epos ist stark genug erzählt, um über zwei Stunden hinweg zu motivieren und für den günstigen Preis von sechs Euro keinen schalen Geschmack zurückzulassen – doch für die kommenden Episoden müssen sich die Telltale-Autoren deutlich mehr Mühe geben, um eine ähnliche Faszination zu vermitteln wie bei "Walking Dead" oder "Wolf Among Us".

 

 

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0