Disney Infinity 3.0

Sammeln, konstruieren, die Macht nutzen

Mit der dritten Inkarnation seiner Weltenbau-Box "Infinity" nutzt Disney die Macht: Denn  nach den Marvel-Helden im zweiten Teil stürmen nun "Star Wars"-Legenden wie Luke Skywalker und Darth Vader das Spielzeug-Universum. Für die Eltern kleiner "Star Wars"-Fans ist die Verknüpfung von Spiel und Spielzeug ein echtes Geldgrab.

 

"UGC" oder "User Generated Content" – hinter diesem Begriff verbirgt sich ein Trend, der erst durch den Siegeszug des Internets ermöglicht wurde. Im Grunde bedeutet "UGC" nichts anderes als "selbstgemacht": Ein Inhalt, der nicht von den Machern eines Produkts, sondern von den Kunden und Nutzern selber erdacht wurde. Und den man dann über das Internet mit anderen teilt. Spiele wie "Minecraft" beziehen ihre Faszination nahezu vollständig aus dem Selfmade-Charme.
Um den Schaffensdrang ihrer Kunden zu befriedigen, liefern immer mehr Entwickler zu ihrem Spiel das jeweils passende Editor-Tool – wieder andere konzentrieren sich vor allem darauf, die Kreativ-Muskeln des Users zu stimulieren und lassen das eigentliche Spiel gleich ganz weg. Ihre Produkte sind eher Weltenbaukästen als Spiel.

Disneys "Infinity"-Reihe ist in deren unmittelbarer Nähe beheimatet: Dabei ist der Universums-Baukasten auf den ersten Blick nicht viel mehr als der direkte Konkurrent zu Activisions Gelddruckmaschine "Skylanders": Die hat dem Hersteller durch über 250 Mio. Figuren-Verkäufe bis heute drei Milliarden Dollar eingebracht – eine Goldgrube, bei der man gerne mitbuddeln möchte.
Nun ist Disneys Antwort auf den Siegeszug der Activision-Monster nicht gar so erfolgreich wie das Vorbild – doch auch "Infinity" hat es zur etablierten Größe im "Toys to Life"-Markt gebracht. Dabei verfolgt das Micky-Maus-Imperium einen entscheidend anderen Spiel-Satz als der Mitbewerber. "Infinity" ist fast vollständig auf den "Selfmade"-Trend gebürstet: Wo die "Skylanders" ein kinderfreundliches Action-RPG bereisen, da scharen sich Disneys Helden um die "Toybox" – einen Joypad-freundlichen Weltenbaukasten, in dem Promis wie Micky, Minnie, Jack Sparrow, Baymax oder die Marvel-Muskelpakete spazieren gehen. Gleich nachdem man sie mit Hilfe des USB-seitig verstöpselten Portal-Zubehörs (im Lieferumfang des Starter-Packs) in die virtuelle Welt "gebeamt" hat.


 

Vorausgesetzt, der Spieler hat vorher in den "Playsets" genug Konstruktions-Elemente freigespielt – also in genau den Elementen des "Infinity"-Konzepts, die noch der Logik eines herkömmlichen Videospiels folgen. Hinter jedem der Pokal-artig gestalteten Modelle versteckt sich eine klassische (wenn auch meist kurze) Videogame-Kampagne: Bei "Infinity 3.0" gehören jetzt auch die Skywalkers und ihre Truppe aus Sternenkriegern zur Disney-Clique – darum lassen in Playsets wie "Twilight of the Republic" oder "Rise against the Empire" Anakin, Ahsoka Tano, Obi Wan Kenobi oder Kobold Yoda die Lichtschwerter kreisen. Und darf in der Toybox Jack Sparrow mit Darth Vader Händchen halten.
Passend dazu gibt's überraschend authentisch umgesetzte Kulissen aus der "Clone Wars"-Serie und allen sechs Kinofilmen. Passionierte Hobby-Jedi stören sich vielleicht an der ausgesprochen freizügig interpretierten Story der Vorlage – doch fulminant präsentierte Weltraumschlachten und bekannte Schauplätzen wie Mos Eisley oder Coruscant stimmen versöhnlich. Ebenfalls verfügbar ist ein Playset mit den Helden aus Pixars "Alles steht Kopf" – doch angesichts des "Star Wars"-Rummels geht das patente Jump'n'Run- und Knobel-Aufgebot der Comic-Figürchen ziemlich unter.

Weil Disney für die Gestaltung der kleinen Kampagnen neben Avalanche auch Kampfspiel- und Adventure-Profis wie Ninja Theory anheuerte, hat "Infinity 3.0" endlich das Zeug dazu, auch ein voll funktionstüchtiges Spiel zu sein – und nicht nur ein gigantischer Baukasten. Doch die Maus besteht stur auf ihrem Konzept: Wieder hat man alle Spiel-Elemente um die "Toybox" herum gruppiert – und anstatt die Playsets ein gleichberechtigtes Eigenleben führen zu lassen, degradiert man sie einmal mehr zu Hilfs-Drohnen, die der alles verzehrenden Konstruktions-Box zuarbeiten wie willenslose Content-Sklaven. Selbst wer sich dafür entscheiden möchte, den Baukasten zugunsten des Abenteuers zu ignorieren, kommt um die "Toybox" kaum herum – dafür ist sie zu dominant. Immerhin hat Avalanche jede Menge Aufwand in die Verfeinerung seines Welten-Editors investiert: Eine Unzahl von Werkzeugen und Bau-Elementen gestattet sogar die Konstruktion eigener Abenteuer und programmierbarer Widersacher. Inzwischen haben sich auch noch ein kleiner KI-Kumpel und vorgefertigte Toybox-Adventures (wie die Playsets im Handel erhältlich) eingefunden. Letztere sind eine Art frankenstein'scher Kreuzung aus "Playset light" und Toybox-Blaupause: Sie sollen das Abenteuer mit zusätzlichem Inhalt aufwerten – und dabei die Möglichkeiten des Editor-Tools aufzeigen, zum Selbermachen motivieren.


Mit all dem macht Disney unmissverständlich klar, dass es im Grunde nur ums Häusle-Bauen geht – darum fühlt sich hier jeder ziemlich verloren, der nur spielen will. Abenteuer erleben, aber keine konstruieren. Die Moral dieser Geschichte ist, dass "UGC" auch ganz schön nerven kann. Vor allem dann, wenn man ihn mit schweren, gusseisernen Fesseln an herkömmlichen Spiele-Content kettet. Dann bekommt am Ende niemand, was er will.
Die gute Nachricht: Wer tatsächlich beides möchte – spielen UND bauen – der bekommt hier einen vorbildlichen Baukasten für die ganze Familie. Und anders als bei den "Skylanders" liegt der Reiz des Figuren-Kaufes hier nicht in den Fähigkeiten-Sammlungen der kleinen Protagonisten. Vielmehr geht es darum, die Toybox-Welten nach eigener Vorstellung zu bevölkern.


7.5

gut

Grafik: gut

Sound: gut

Steuerung: gut

Spielspaß: gut



PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360, WiiU

von Avalanche Software und Disney Interactive

ab 6 Jahren

für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis

für einen Spieler


im Handel

ca. 60 Euro



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