Rache auf Altägyptisch: "Assassin's Creed Origins"

 

Antike Meuchel-Kunst im Schatten der Pyramiden: Nach ungewohnt langer Pause meldet sich "Assassin's Creed" mit der Ursprungs-Geschichte "Origins" zurück und verlegt seinen Schauplatz von Europa an den Nil.

 

 

Ubisoft verpasst seiner wichtigsten Spiele-Marke endlich den überfälligen Neuanstrich: Mit "Assassin's Creed Origins" transportiert man die Serie um Meuchler, Templer und antike Hi-Tech-Artefakte ins alte Ägypten. Hier entdeckt der Spieler die Ursprünge des Assassinen-Orden und wird mit generalüberholten Spielmechanismen verwöhnt: Ein neues Kampfsystem, Rollenspiel-Buchhaltung und eine riesige, offene Spielwelt verändern das bekannte Spielgefühl der Traditions-Reihe dramatisch. Dabei präsentiert sich Held Bayek als die letzte Hoffnung für eine während der letzten Jahre zunehmend in Kritik geratene Marke. Kann der ägyptische "Medjai" die Serie retten?

 

Dabei taugt der Job eines Medjai auf den ersten Blick nicht gerade für den Stoff aus dem Legenden sind - oder Videospiele: Vertreter dieser ägyptischen "Wüsten-Polizei" schlichten Streitigkeiten, beschützen Karawanen vor marodierenden Banditen und retten auch mal ein verirrtes Kind vor einem Rudel hungriger Hyänen. Wird die Berufsbeschreibung des Medjai aber großzügig ausgedehnt - zum Beispiel um eine packende Blutfehde mit hochrangingen Würdenträgern der ptolemäischen Regierung - dann hat man auch schon den Stoff, aus dem der französische Hersteller Ubisoft "Assassin's Creed"-Abenteuer strickt. Wie im Falle von "Origins", bei dem der Medjai Bayek kreuz und quer durch eine verspielte Open-World-Version Ägyptens reist, um die Mörder seines Sohnes zur Strecke zu bringen. Und ganz nebenbei mischt er noch beim Konflikt Ptolemaios gegen Kleopatra mit und errichtet das Fundament für den späteren Assassinen-Orden - alles Ehrensache.

Das alles erfährt eine junge Forscherin 2.000 Jahre später bei ihren Recherchen in einer ägyptischen Gruft - denn einmal mehr hält Ubisoft hartnäckig an der Gegenwarts-Ebene seiner Meuchler-Mär fest. Zwischen Sand, Kanopen und verwitterten Ruinen hat die angehende Templerin einen portablen Animus aufgebaut, um ihn danach mit Bayeks Mumie kurzzuschließen und in dessen DNA-Erinnerungen abzutauchen. Dabei ist Ägypten auch zu Lebzeiten des Ordensgründers alles andere als auf der Höhe: Die meisten der großen Tempel, Statuen, Krypten und Pyramiden liegen zur Hälfte unter dem Sand von Jahrhunderten begraben, während in ihrem Schatten hastig aus Lehmziegeln und Holz errichtete Elendsviertel wachsen. Selbst die alten Götter geraten zusehends in Vergessenheit - Osiris, Horus, Anubis, Thot & Co. müssen sich ihr Pantheon mit römischen und griechischen Götzen teilen. Nirgendwo ist das kulturelle Potpourri so gut sichtbar wie in Alexandria: Das wird zwar von einem ägyptischen Pharao regiert, aber gleichzeitig marschieren römische Truppen durch die von griechischer Architektur geprägten Straßen. Und löschen Schiffe aus aller Herren Länder ihre Ladung, nachdem ihnen der große Leuchtturm einen Weg in den Hafen gewiesen hat.

 



 

Durch diese gigantische und frei bereisbare Spielwelt bahnt sich der angehende Assassine Bayek mit Schwert, Schild, Speer und Flitzebogen unaufhaltsam seinen Weg. Da werden Jahrtausende alte Katakomben ihrer Schätze beraubt, Pyramiden erklommen, bissige Schlangen zerlegt, Botengänge für gierige Händler erledigt und mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze die Truppen feindlicher Lager ins Jenseits befördert. Für all das hat sich Ubisoft so weit von seiner seit zehn Jahren etablierten "Assassin's Creed"-Formel gelöst wie nie: Noch immer darf der Held flink wie ein Eichhörnchen Gebäude-Fassaden und Felswände empor kraxeln oder geduckt durch Palastgärten und Kornfelder schleichen. Doch abgesehen von Kletterei und Heimlichtuerei ähnelt "Origins" eher einem in die Wüste verlegten "Witcher 3" als einem klassischen "Assassin's Creed". Attribute, Stufen, Erfahrungspunkte und Fähigkeiten-Baum machen aus dem einstigen Action-Adventure ein Action-Rollenspiel, auch an den bekannten Open-World-Mechanismen wurde tüchtig geschraubt: Wenn Bayek das Land am Nil zu Fuß, per Reittier oder mit einem Boot erforscht, dann kann er sich dabei so frei bewegen wie kein Assassine vor ihm und darf er nahtlos von der sengend heißen Wüste in einen von Nilpferden und Großkatzen bewohnten Palmenhain reisen. Oder auf ein Schilf-Boot wechseln, um mit seiner Hilfe den Hafen von Alexandria und Memphis anzusteuern, Schätze zu heben oder Kriegs-Galeeren aufzubringen. Und verliert er dabei mal die Übersicht, schickt er seinen zahmen Falken Senu vor, der für ihn die Umgebung erkundet und spätere Kampfziele markiert.
 



 

Das ist auch bitter nötig, denn das rundum erneuerte Kampfsystem macht die Gefechte gegen Banditen, Soldaten und Tiere deutlich anspruchsvoller: Vor allem das Gerangel gegen Hauptmänner und Bosse entpuppt sich schnell als tödlicher Tanz, bei dem Bayek über seinen Schild hinweg nach Schwächen in der feindlichen Deckung Ausschau hält und gezielt in die Manöver-Kiste greift. Erst auf höheren Erfahrungsstufen darf er mit kraftvollen Speerhieben durch den feindlichen Pulk pflügen oder die Waffen seiner Feinde mit Schwertstreichen zertrümmern - je nachdem, welchen Kampfstil der Spieler vorher entwickelt hat.

Vorteil des erneuerten Kampfsystems: Mehr Schnelligkeit und Präzision. Damit gliedert es sich glanzvoll in eine ganze Reihe von Neuerungen ein, die zwar dafür sorgen, dass sich "Origins" vom bisherigen Serien-Kanon enfernt, dem Spieler aber gleichzeitig ein angenehmes Maß an Kontrolle einräumt. Der eigentliche Star des Abenteuers sind aber weder Held Bayek noch die neuen Spiel-Mechanismen, sondern die gigantische Spielwelt: Noch nie wurde ein historischer Schauplatz so lebendig, prachtvoll und authentisch für ein Spiel umgesetzt. "Assassin's Creed Origins" beamt den Spieler ohne Umweg ins ptolemäische Ägypten und nimmt ihn dort so lange gefangen, bis der letzte Schurke gemeuchelt, alle Goldmünzen gefunden und jeder mögliche Erfahrungspunkt verdient wurde.