Hauen und Stechen: Kingdom Come – Deliverance

Bei Konfrontationen setzt das Spiel auf ein Wechselspiel aus Paraden, Hieben und Stichen. Die werden möglichst überraschend, aus verschiedenen Richtungen und auch mal als Kombination eingesetzt.
Bei Konfrontationen setzt das Spiel auf ein Wechselspiel aus Paraden, Hieben und Stichen. Die werden möglichst überraschend, aus verschiedenen Richtungen und auch mal als Kombination eingesetzt.

 

Keine Lust mehr auf Zwerge, Elfen, Drachen und schlecht gelaunte Orks? Dann schnell einen umfangreichen Open-World-Urlaub im alten Böhmen buchen: Das tschechische Mammut-Rollenspiel "Kingdom Come: Deliverance" bietet Mittelalter ohne Mystik oder Monster. Die Erzählung um einen verwaisten Schmiede-Sohn auf Rache-Tour erhebt Anspruch auf historische Genauigkeit. Zurecht? Und kann nüchternes Mittelalter überhaupt Spaß machen?

 

Immerhin ist unsere Vergangenheit als Schauplatz beliebt wie eh und je - und im Zweifelsfall wird sie einfach großzügig den eigenen Vorstellungen angepasst. Denn die löchrige archäologische Faktenlage zur "Ritterzeit" bietet jede Menge Interpretations-Spielraum. Wie zum Beispiel für nationalistische Strömungen, die sich die Zeit zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert gerne zu eigen machen, um ihre verdrehten Ansprüche zu untermauern. Eine Debatte übrigens, die sich auch die Warhorse Studios hinter "Kingdom Come Deliverance" gefallen lassen müssen: Nicht nur, dass man hier den Anspruch auf "realistisches Mittelalter" erhebt - obendrein häuften sich in den Wochen vor Spiel-Release Vorwürfe über mögliche identitäre Strömungen in der Chef-Etage des Studios. Entsprechend kritisch wird das fertige Produkt jetzt von Journalisten und Spielern beäugt.

Die gute Nachricht: In Hinblick auf mögliches rechtes Gedankengut lässt sich "Kingdom Come" nichts zuschulden kommen. Die nicht ganz so gute: Tatsächlich ist das Spiel hier und da politisch gleich so korrekt, dass man es mit der Realität auch mal nicht so genau nimmt. Wie zum Beispiel bei der Darstellung des schönen Geschlechts, das hier emanzipierter auftreten darf, als man es mittelalterlichen Gesellschaften gemeinhin zugesteht. Oder beim Alter des Protagonisten, der als naiver Mittzwanziger dargestellt wird, obwohl man zu dieser Zeit nicht selten mit 16 Familienvater war. Auch das Landschiftsbild ist nur bedingt authentisch: Überall wuchern dichte Urwälder, obwohl im Europa des 15. Jahrhunderts überwiegend Kahlschlag herrschte – exzessivem Burgen- und Schiffsbau sei Dank.

 

An diesen Stellen ist das Open-World-Rollenspiel mehr interaktiver Ritterfilm als historische Lehrstunde - ebenso wie in den packend inszenierten Zwischen-Sequenzen, die den Leidensweg von Frontmann Heinrich illustrieren. Doch lässt man die Detailsuche nach historischen Verfehlungen ruhen, dann erzählt "Kingdom Come" eine spannende Geschichte: Die Eltern des sorglosen Schmiede-Sohns werden zum Opfer eines Feldzugs. Heinrich selber entkommt den kumanischen Söldner-Horden des ungarischen Königs nur knapp - danach sinnt er auf Rache und spielt schließlich eine tragende Rolle bei der Wiederherstellung der ursprünglichen Herrschafts-Verhältnisse.

 



 

Dabei führt ihn sein Weg durch Dörfer, Burgen, Wälder und Felder des heutigen Tschechiens - ein Spiel-Terrain, das nicht mit der Größe oder Klasse eines "Witcher 3" gleichziehen kann, das aber vor allem durch seine authentische Schmucklosigkeit punktet. Gerade auf starken Gaming-PCs, Xbox One X und PS4 Pro gefällt die Kombination aus Wald, Flur und schlichter Bebauung durch tolle Detailzeichnung sowie schicke Licht-Effekte. Etwas weniger hübsch sind die oft grobschlächtigen Bewohner und ihre marionettenhaften Animationen. Trotzdem hauchen starke Hauptfiguren und komplex verzweigte Dialoge der Handlung viel Leben ein - und damit einer Geschichte, die sich irgendwo zwischen mittelalterlichem Melodram sowie modernem Blockbuster-Pathos einordnet. Dem anfänglichen Abenteuerwunsch von Held Heinrich wird dabei clever die Erbarmungslosigkeit der Realität gegenüber gestellt, denn in der Welt von "Kingdom Come Deliverance" wird einem nichts geschenkt. Die Regeln der modernen Open-World-Bequemlichkeit hat man dafür großräumig außer Kraft gesetzt: Spielhinweise und Markierungen sind ebenso selten wie Geld oder Spielstände. Letzere werden entweder automatisch vom Programm oder durch den Genuss von seltenem "Retterschnapps" angelegt. Das ungewöhnliche Speicher-System steigert auf clevere Weise den Schwierigkeitsgrad und die Bedeutung unabänderlicher Entscheidungen - aber es hat auch seine Tücken: Wer zum Opfer eines Bugs wird und danach wegen Retterschnaps-Knappheit die letzte Stunde noch mal spielen muss, dem schwillt zu Recht der Kamm. Auch das Ableben im Kampf entwickelt sich darüber schnell zum Ärgernis: Das Wechselspiel aus Hauen, Stechen und Parieren ist längst nicht so taktisch wie erhofft und der Tod deshalb ein ständiger, mitunter nervtötender Begleiter.

Wer mit "Kingdom Come" ins alte Böhmen abtauchen will, der benötigt ohnehin eine gesunde Frust-Toleranz: Viele Sub-Systeme wie das Schlösser-Knacken oder Feilschen mit Händlern sind eher fummelig als anspruchsvoll. Hier ächzt und keucht das Spiel unter seinem übertriebenen Authentizitäts-Anspruch, während es an anderer Stelle auf Realismus pfeift. Immerhin: Hat man sich nach einigen harten Stunden erstmal geduldig eingearbeitet, bietet das Warhorse-Debüt ein angenehm immersives Erlebnis abseits der üblichen Fantasy-Soße. Das gleicht mit all seinen ausschweifenden Dialogen manchmal eher einem Telltale-Adventure als einem RPG - doch das tut der gelungenen Stimmung keinen Abbruch. Wer einen zwar nicht erholsamen, aber dafür packenden Urlaub von Drachen, Elfen und Zwergen braucht, der ist hier goldrichtig. Bleibt nur zu hoffen, dass Warhorse die noch zahlreichen Bugs - darunter viel zu leise abgemischte Stimmen - bald bereinigt.