Willkommen im Hillbilly-Hipster-Land: Lohnt sich "Far Cry 5"?


 

Willkommen im Hillbilly-Land - wo die Kürbisse prall sind, die Weiden saftig, die Kühe glücklich, die Bären brummig und die Knarren besonders dick: Für "FarCry 5" verlegt Ubisoft seine Shooter-Reihe von den exotischen Randgebieten der Zivilisation ins ländliche Montana. Dort herrscht die christlich-fundamentalistische Sekte "Eden's Gate", die ihre wirre Interpretation der Heiligen Schrift mit Feuer und Schwert verbreitet. Wer nicht mitzieht, wird bei der Taufe ertränkt - oder er bekommt ein bleihaltiges Geschenk. Kopf der Bewegung und selbsternannter Hipster-Prophet der Apokalypse ist Joseph Seed alias "der Vater" - und seine bis an die Zähne bewaffneten, willfährigen Schäfchen sind Legion. Sie patrouillieren mit Trucks durchs Hinterland, verschanzen sich mit Großkalibern hinter Straßensperren, kontrollieren an Bord von Kampf-Flugzeugen den Luftraum und haben selbst im dichtesten Wald Wachen postiert. Ganz klar ein Fall für die National-Garde - oder?

Denkste: Statt einer Armee schickt die Regierung nur einen US-Marshal und einige unbedarfte Deputies ins Herz der Sekte. Ihre Mission: den "Vater" in Ketten legen. Klar, dass dessen Jünger da nicht mitspielen: Die Folge ist eine brutale Auseinandersetzung, die der namenlose "FarCry 5"-Held als einziger überlebt. Zumindest vorerst, denn das von Seeds Schäfchen besetzte Tal wieder zu verlassen - das gestaltet sich alles andere als einfach. Darum hat die Suche nach Verbündeten erstmal Priorität: Der Spieler prescht per Kleinbus, Pick-Up oder LKW von Einsatzort zu Einsatzort, um unbescholtene Bürger aus den Pranken der bärtigen Sektenjünger zu befreien. Serien-typisch mit einer Mischung aus Anschleichen, Überwältigen und einer extra-großen Dosis Kawumm. Wurden Rednecks, diensteifrige Ranger oder schießwütige Bauern erfolgreich befreit, schlagen sie sich gerne auf die Seite des Spielers - sogar ein Freund auf vier Pfoten gehört zum wachsenden Kreis an Mitstreitern, den der Spieler per Menü-Zugriff herbeizitieren darf: Hunde-Kumpel "Boomer" ist zur Stelle, wenn es darum geht, in Fanatiker-Waden zu beißen, besiegten Sekten-Jüngern die Taschen zu lehren und Waffen zu apportieren - vorausgesetzt, man ihm die nötigen Fertigkeiten zuvor per Skill-Menü antrainiert.

 



 

Und das fällt in Teil 5 ungewohnt schwer: Vorbei die Zeiten, in denen es für jeden Abschuss Erfahrungspunkte gab und man nur an einer viel befahrenen Kreuzung darauf warten musste, dass einem genug Opferlämmer vor die Flinte laufen. Stattdessen rückt "FarCry 5" nur dann ein paar Upgrade-Punkte heraus, wenn man Missionen absolviert. Die werden dann für die Verbesserung von Schieß- und Nahkampf-Fähigkeiten genutzt oder zum Beispiel in die Anschaffung von Gleitschirm, Wingsuit und Kletterhaken investiert. In der Theorie wird der Baller-Trip damit anspruchsvoller als seine Vorgänger - in der Praxis hebelt man dadurch aber vor allem das Belohnungssystem aus, das den zahllosen Feuergefechten früher überhaupt erst einen Sinn gegeben hat.

Ein echter Hingucker ist dagegen einmal mehr die üppige und detailverliebt abgebildete Natur: Ubisoft rollt saftige, von flauschigem Gras bewachsene Wiesen aus und bepflanzt sie mit hochaufgelöstem Gehölz, um die Idylle anschließend mit Bären, Rehen und anderen Wildtieren zu bevölkern, die man entweder still bewundert oder jagt. Die perfekte Kulisse also, um zwischen den vielen harten Feuergefechten auch selber mal ein bisschen Hillbilly zu sein. Mit Schießgewehr und Flitzebogen - oder der Angel in der Hand und gemütlich an einen Stein gelehnt. In diesen Momenten ist "FarCry" wie immer in dem paradoxen Raum zwischen digitalem Kriegszustand und entspannter Sightseeing-Tour gefangen - ist Abenteuer- und Erholungsurlaub zugleich.

So verwundert es kaum, dass auch der neue Serienteil kein knallhartes Survival-Spiel ist: Anders als es die ausgedehnten Wälder von Montana vermuten lassen, existiert kaum ein Fleckchen, auf dem es nichts zu tun gibt. Wer darauf hoffte, dass Ubisoft seine etablierte Open-World-Formel entschlackt und dem Spieler mehr Atempausen gewährt, in dem er das Erlebte reflektieren kann, der wird enttäuscht: Die Serie bleibt sich treu - und hetzt ihre atemlosen Fans von einem Missions-Marker zum nächsten, während der Kampf gegen den nächsten Bereichs-Boss unaufhaltsam näher rückt.

Auch schade, dass die mystische Note, die Ubisofts Open-World-Shooter sonst auszeichnete, auf ein Minimum reduziert wurde - die Magie ist (fast) futsch. Geblieben sind dafür aber die unbändige Spielfreude und der Bewegungsdrang: "FarCry" ist nach wie vor die dynamischste Open-World-Schießbude, die Singleplayer-Freunde für sich erschließen können. Der Koop-Modus tut dem Solisten-Vergnügen übrigens keinen Abbruch: Das Miteinander in "FarCry 5" ist auf kurze, umkomplizierte Action-Besuche im Kosmos des Gastgebers ausgelegt - die Spielwelten bleiben strikt voneinander getrennt. Auch der neue "Arcade"-Modus, in dem Fans eigene Shooter-Welten bauen, um sie anschließend der Community zur Verfügung zu stellen, wurde angenehm unaufdringlich ins Spiel integriert.

 

Denn am Ende ist auch der Kreuzzug gegen "Eden's Gate" vor allem eins: ein vorbildlicher Action-Sandkasten. Auch wenn ihm Charme und Persönlichkeit früherer Episoden leider abgehen.