X markiert die Stelle: Wie gut ist "Sea of Thieves"?


 

Joho, und ne Buddel voll Rum: Monate bevor Ubisoft mit den Piraten-Pötten aus "Skull & Bones" aus allen Multiplayer-Rohren feuert, schickt der britische Traditions-Entwickler Rare seine Vision digitaler Piraterie auf die Sieben Weltmeere. "Sea of Thieves" läuft exklusiv auf Xbox One und PC vom Stapel - und anders als bei Ubisoft geht es in dem Mehrspieler-Abenteuer eher humorig zur Sache. Aber vor allem geht es um eins: Um die Suche nach dem Schatz - und wie es sich für das Genre gehört, markiert X die Stelle…

Doch bevor man eifrig Dukaten zählen und Piraten-Kollegen in voller Montur aus einer Kanone schießen darf, wird das Alter Ego gewählt: Anders als bei den meisten Online-Games darf dessen schurkig-tooniges Antlitz aber nicht selbständig aus einer Vielzahl von Skins, Klamotten und Accessoires gebastelt werden - stattdessen bietet "Sea of Thieves" mehrere nach dem Zufallsprinzip erstellte Seebären an. Bei Nichtgefallen würfelt das Programm neue Figuren zusammen - willkommen in der Algorithmus-gesteuerten Piraten-Fabrik! Aber keine Sorge: Ausgesprochene Sympathie-Träger und Identifikationsfiguren gibt es sowieso keine - Rare setzt nämlich auf Genre-gerechte Hässlichkeit im Comic-Look. Schmerbäuchige Schiffsköche mit Augenklappe und Rum-Fässchen unter dem Arm, zahnlose Amazonen mit Holzbein, einarmige Banditen mit Papagei und dicker Schnapsnase: Ja, genau so müssen Piraten aussehen!

 



 

Danach geht's entweder an Bord einer großen Galeone oder kleinen Schaluppe auf hohe See und fröhliche Kaperfahrt: Die entweder aus zwei oder vier Freibeutern bestehende Mini-Mannschaft verkloppt aufdringliche Skelette, durchlöchert mit der Zunderbüchse feindliches Piratenvolk, stutzt übergroßen Tentakel-Tieren die Greifarme und hebt Geschmeide-gefüllte Schatullen - natürlich streng nach Schatzkarte! Je nachdem, welcher von drei Fraktionen man zuarbeiten möchte, werden außerdem noch Waren von A nach B verschifft und anrückende Skelett-Horden zerbröselt. Abwechslung, die über diese drei Missions-Gattungen hinausgeht, müssen sich die Spieler selber machen. Denn nach Herzenslust Schabernack treiben zu können - das ist die starke Seite von "Sea of Thieves": Musizieren, Kollegen aus der Kanone schießen und sinnlose Besäufnisse mit stilechter Kotz-Orgie am Ende - das sorgt für gute Laune und erwärmt das kalte Piraten-Herz. Ebenso wie die Fahrt über ein wunderschön präsentiertes 3D-Meer, das mit seinen Schaum-gekrönten Wellenkämmen, verblüffend echter Wasser-Physik und malerischer Beleuchtung seinesgleichen sucht.

Doch trotz launiger Koop-Abende und einiger packender Seeschlachten gegen andere Spieler-Teams bietet "Sea of Thieves" für 60 bis 70 Euro zu wenig Inhalt: Ein echtes Spielziel gibt es ebenso wenig wie die Möglichkeit, den eigenen Charakter zu verbessern - Zubehör für Figur wie Schiff sind nämlich rein kosmetischer Natur. Obendrein macht die Erforschung der Comic-Karibik nur im Zusammenspiel mit einer eingeschworenen Freundes-Truppe richtig Spaß: Weil das Spiel seine Mechanismen nicht erklärt, ist anfangs Experimentieren angesagt - und wer dabei in eine zufällig zusammengewürfelte, womöglich fremdsprachige Truppe katapultiert wird, hat das Nachsehen. Zwar darf man die "Sea of Thieves"-See an Bord einer kleinen Schaluppe auch allein bereisen - aber ohne herum blödelnde Mitspieler hat das Abenteuer kaum einen Reiz.