Adventure-Mafiosi im Vorruhestand: Yakuza 6 – Song of Life


 

Fans von Segas "Shenmue"-Reihe fiebern gerade dem lang erwarteten dritten Teil der Klassiker-Reihe entgegen - dabei hat der Hersteller schon seit über zehn Jahren eine ganz ähnliche und nicht weniger hochwertige Spiele-Serie im Gepäck: Wie "Shenmue" ist auch die "Yakuza"-Reihe eine Kombination aus filmisch aufgezogenen Dialogen, einem Hauch von Open-World-Adventure und klassischer Kampfspiel-Keilerei, die von zahllosen Details und launigen Minigames lebt. Der sechste und letzte Teil des mafiösen Epos erzählt, wie Serienheld Kazuma Kiryu die Yakuza endlich hinter sich lassen will, dabei aber einmal mehr von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Bei der Suche nach seiner verschollenen Ziehtochter Haruka muss der inzwischen fast 50-jährige "Drache von Dojima" nochmal in den Sumpf des organisierten Verbrechens abtauchen…

Dabei hätte alles so schön werden können: Nach den Ereignissen aus "Yakuza 5" verbüßt Kazuma freiwillig eine dreijährige Haftstrafe, um sich anschließend mit reiner Weste in ein straf- und gewaltfreies Leben im Schoße seiner Lieben verabschieden zu können. Doch als er nach drei Jahren zu seinen Ziehkindern zurückkehrt, muss er feststellen, dass Lieblings-Zögling Haruka spurlos verschwunden ist. Also reist er vom ruhigen Okinawa in den kriminellen Hexenkessel Kamurochu - ein für die Serie zentrales Gangster-Mekka, das Sega dem bekannten Tokioter Rotlicht-Viertel Kabukicho nachempfunden hat. Hier darf Kazuma wie in der Miniatur-Ausgabe eines Open-World-Spiels zu Fuß Straßen, Gebäude und Geschäfte erkunden - und Serien-typisch sind es die zahllosen Nebenaufgaben beziehungsweise Minigames, die den eigentlichen Reiz des Schauplatzes ausmachen. Ob man sich nun dem Dart-Werfen hingibt, eine Runde Baseball-Training einlegt, beim Karaoke mitmacht, ein niedliches Katzen-Café besucht oder in der Spielhalle Sega-Klassiker wie "Space Harrier" zockt - auch in "Yakuza 6" gibt es so viel "nebenher" zu tun, dass man die eigentliche Mission schnell darüber vergisst.



 

Die wiederum ist anders als das Neben-Geplänkel nicht gerade leicht oder humorvoll: Hier reiht sich ein bierernstes Gespräch an das nächste und stolpert Kazuma regelmäßig über Schatten aus seiner Vergangenheit, mit denen er sich nicht selten duelliert. In diesem Fall schaltet "Yakuza 6" schlagartig von "Gelaber" auf "Gekloppe" um und arbeitet Sega mit brachial inszenierten Arena-Kämpfen sein Kampfspiel-Erbe auf: Kazuma tritt, schlägt und teilt Kombos aus, als hätte er im "Virtua Fighter"-Ring trainiert. Sammelt er dabei genug Energie für eine "Heat"-Attacke, geht es so richtig zur Sache: Dann wird der "Drache von Dojima" in blaues Feuer gehüllt und trümmert seine Widersacher mit besonders kraftvollen Attacken quer durch den Ring. Verschlägt es die Streithähne bei ihrer Keilerei zum Beispiel in eine Bar, wird außerdem die Umgebung in den Kampf mit einbezogen. Dann fliegen Barhocker, Flaschen und sogar ganze Sessel durch die Luft.

Lohn für Handkanten-Einlagen und brav absolvierte Neben-Missionen sind Erfahrungspunkte: Kazuma verbessert wie einem Rollenspiel seine körperlichen Attribute, schaltet neue Angriffs-Kombos frei oder feilt an seinem Rede-Geschick. Hat der "Yakuza"-Held intensiv genug an sich gearbeitet, verschlägt es ihn früher oder später in die beschaulichere Hafenstadt Hiroshima - den zweiten Handlungsort von "Song of Life". Ebenso wie Kamurochu lebt auch dieser Schauplatz weniger von seiner Größe als seinen zahlreichen Details und lebendigen Protagonisten: Aufmerksame Spieler entdecken zahllose Anspielungen auf Land, Leute und Popkultur. Wen steife Animationen und die eigenwillige, weil "zutiefst japanische" Inszenierung des Abenteuers nicht stören, der genießt einen liebevollen und nahezu fotorealistisch abgebildeten Einblick in die japanische Kultur, der obendrein den Unterwelt-Einfluss auf das alltägliche Leben kritisch reflektiert. Wer sich allerdings schon mit japanischen Kinofilmen schwertut, der wird auch "Yakuza 6" nur wenig abgewinnen können. Zumal sich das Action-Adventure trotz aller Bemühungen schwer damit tut, seine eigene, komplexe Vergangenheit Einsteiger-freundlich zu machen: Unzählige Haupt- wie Nebencharaktere, englische Bildschirmtexte und die ausschließlich japanische Tonspur machen auch "Yakuza 6" trotz aller Qualitäten zum reinen Liebhaber-Stück.