Digitale Sinnsuche: Wie gut ist "Detroit: Become Human"?

 

Im neuen, PS4-exklusiven Movie-Adventure von "Heavy Rain"-Macher Quantic Dream kämpfen drei Kunst-Menschen um Freiheit, Selbstbestimmung und Menschlichkeit. Wie vom Entwickler gewöhnt, spielen Wahlmöglichkeiten dabei eine wesentliche Rolle, denn jede Entscheidung hat endgültige und teils bittere Konsequenzen.

 

Im Jahr 2038 ist aus der ehemaligen "Auto-Stadt" Detroit die "Androiden-Stadt" geworden: Die Maschinen-Wesen des Herstellers "Cyberlife" werden von einer blauen, Blut-ähnlichen Chemikalie am "Leben" erhalten, bestehen selbst den berühmten Turing-Test mit Links und sind auch sonst kaum noch von "echten" Menschen zu unterscheiden. Der neueste Luxus-Android kostet nicht mehr als ein Kleinwagen, ältere Modelle wie die aus Quantic Dreams Kurzfilm "Kara" bekannte Roboter-Dame gibt's schon für unter tausend Dollar. Entsprechend verbreitet sind die Kunst-Menschen: Sie waschen Schmutzwäsche, bereiten Mahlzeiten, erledigen Boten- ebenso wie Liebes-Dienste, kümmern sich um Alte und Kranke, stellen zwei Drittel des US-Militärs, pflegen IT-Anlagen und stehen bei Kanalarbeiten bis zur Hüfte im Dreck. Kurzum: Sie halten unsere Welt am Laufen. Eine Welt, in der sich auch die drei Androiden-Helden Kara, Markus und Connor aus dem neuen Abenteuer von "Heavy Rain"-Macher Quantic Dream zurechtfinden müssen: Das ordnet sich wie die anderen Spiele von Entwicklungs-Chef David Cage irgendwo zwischen Interactive Movie und filmisch aufgezogenem Adventure ein.

Wo sich die meisten Spiele auf die Erforschung ihres Universums oder Konflikt-Szenarien konzentrieren, wollen die Werke von David Cage vor allem eine Geschichte in Hollywood-Manier erzählen. Über zahllose Multiple-Choice-Dialoge und ein Reglement aus manchmal willkürlich wirkender, Quicktime-verwandter Knöpfchen-Abfrage tritt der Spieler mit der Spielwelt, aber vor allem mit den Protagonisten der Geschichte in Kontakt. Der Bewegungsspielraum der aktiven Figur ist dabei meist stark begrenzt: Ein Haus, ein Büro, ein Platz oder einige Straßenzüge laden zur Erkundung ein, während manchmal plump gesetzte künstliche Grenzen den knappen Aktionsradius markieren. Im Falle von "Detroit" wirkt diese Vorgehensweise allerdings halbwegs passend. Weil das Thema rund um Androiden, Künstliche Intelligenz und die Suche nach der eigenen Identität ohnehin eng mit der Freiheits-Frage verknüpft ist. Durch Programmierung oder die Gesellschaft auferlegte Schranken - darum geht es in "Detroit" ebenso wie um die Frage nach unserer Menschlichkeit.

Wann immer "Detroit" den Spieler mit derartigen Fragen konfrontiert, ist Cages interaktiver Kino-Blockbuster eine Wundertüte aus treffsicher eingefangenen Emotionen, einigen großartigen Bildern und spannungsgeladenen Momenten. Momenten, in denen alle drei Figuren auf ihre eigene Weise mit der Suche nach Identität und Selbstbestimmung ringen, während sich die Welt um sie herum - teilweise als Resultat ihrer eigenen Handlungen - rasant verändert.



 

Dabei konfrontiert das Abenteuer den Spieler immer wieder mit großartig geschriebenen Entscheidungs-Situationen, die sich merklich auf den weiteren Verlauf der Geschichte auswirken und dazu einladen, "Detroit" mehrfach durchzuspielen. Doch für jede vorbildlich gelöste Gretchenfrage und geschickt verknüpfte Verzweigung gibt es mindestens eine Situation, deren Wahlmöglichkeiten sich dem Verständnis des Spielers entziehen. Weil er sich in den zur Verfügung gestellten Optionen selber nicht wiederfindet oder sie scheinbar jeden gesunden Menschenverstand außen vor lassen. Weil sie all zu deutlich und zwanghaft auf Konflikte hin steuern, die man im echten Leben durch eine naheliegende weitere Option zum Wohle aller hätte vermeiden können. Und weil Cage seine Figuren manchmal zu stark der Geschichte beugt, anstatt sie die Handlung bestimmen zu lassen - aller Multiple-Choice-Optionen und fein verästelten Story-Flussdiagramme zum Trotz. In diesen Momenten fühlt sich der Spieler ein bisschen wie in einem Adventure-Book, das ihm zwar die Wahl lässt, dem rechten oder dem linken Korridor zu folgen, ihm aber keine Möglichkeit gibt, für die bevorstehende Entscheidung relevante Daten oder Sinneseindrücke zu sammeln. Egal in welche Richtung er geht, folgt er letztlich doch dem Weg des Autors.

Wer "Detroit" allerdings nicht wie sein Schöpfer in erster Linie als Kunstwerk oder Interaktiv-Experiment sieht, sondern es vor allem als unterhaltsames Spektakel begreift, der freut sich auf packende zehn Stunden und eine emotionale, Sinn-geladene Achterbahnfahrt, wie sie nur wenige Blockbuster-Filme der vergangenen Jahre geboten haben. Auch wenn nicht jeder Gesichtsausdruck perfekt sitzt und "Detroit" ebenso wie seine Vorgänger mit dem Problem der "Puppenhaftigkeit" zu kämpfen hat, so erscheint dieser Makel zumindest im Fall der Androiden sogar angebracht. Schade: Bekannte bis weniger bekannte Gesichter wie Jesse Williams (Markus), Valorie Curry (Kara), Lance Henriksen oder Clancy Brown wurden dabei zwar gelungen eingefangen, drängen aber gleichzeitig Vergleiche mit den menschlichen Originalen auf, die sie nicht gewinnen können.

Wo Quantic Dream aus den Fehlern seiner vergangenen Movie-Adventures gelernt hat, zeigt sich vor allem beim Umgang mit den Quicktime-artigen Knöpfchen-Drück-Orgien in Krisen-Situationen: Wann welcher Button betätigt werden soll, ist nun berechenbarer als früher. Obendrein bietet "Detroit" einen Einsteiger-Modus, mit dem sich der Spieler stärker auf die Handlung konzentrieren kann, ohne dass all zu brutale Quicktime-Einlagen die Geschichte zu einem jähen Ende bringen. Denn wie "Heavy Rain" und "Beyond: Two Souls" gibt es auch hier keine Chance auf Bewährung: Tote Figuren bleiben tot. Immerhin: Wer erfahren möchte, wie das Abenteuer verlaufen wäre, wenn er sich an dieser oder jener Stelle anders verhalten hätte, der ruft nach dem Abschluss des ersten Durchlaufs ein Fluss-Diagramm auf, mit dem er zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder ins Abenteuer einsteigen darf. (Robert Bannert)