Das Pixel-Papercraft-Rollenspiel: "Octopath Traveler"

"Octopath Traveler" erzählt die Geschichten acht verschiedener Helden - von der zart besaiteten Priesterin bis hin zum verschlagenen Dieb. Die Wahl der Startfigur ist frei, anschließend sammelt man die anderen Figuren in beliebiger Reihenfolge in ihren jeweiligen Heimatstädten auf.


 

Wer mit den japanischen Rollenspielen der jüngeren Vergangenheit nicht glücklich geworden ist, der liebäugelt mit Square Enix' "Octopath Traveler". Das Switch-exklusive Abenteuer vom Chef-Entwickler der "Bravely Default"-Spiele lässt eine vor 25 Jahren beendete Genre-Ära wieder aufleben und veredelt klassische Pixel-RPGs kunstvoll mit modernen Elementen.

Mit seiner Switch hat Nintendo ein System geschaffen, das nicht nur deshalb so erfolgreich ist, weil es mit einem mobilen Zusatznutzen kommt - vor allem das Software-Lineup ist es, das gerade klassisch gepolte Konsolenspieler aus der Deckung holt. Während PS4 und Xbox One das spielerische Äquivalent zum großem Blockbuster-Kino liefern, konzentriert man sich bei Nintendo und seinen Partnern auf kleinere, handlichere Titel. Die rühren an den Erinnerungen einer Spieler-Generation, die mit Super Nintendo & Co. aufgewachsen ist und die Konsolen dem Heimcomputer vorzog, weil sie das unkompliziertere Erlebnis versprachen. Frei vom Konfigurations- und Bürokratie-Wahnsinn der PC-(Games)-Landschaft. Die pixeligen Millionen-Hits dieser Ära waren "Mario", "Metroid", "Zelda", "Dragon Quest" und "Final Fantasy". Und man brauchte keinerlei Technik-Verständnis oder besonders tiefe Taschen, um mit ihnen ins Spiel zu kommen.

Inzwischen ist der PC einfacher und sind die Konsolen komplizierter geworden. Spiele-Hersteller wollen ihre gigantischen, digitalen Parallelwelten als Service verkaufen und deren Besucher über Jahre daran binden, während das gute alte Singleplayer-Game zunehmend ins Hintertreffen gerät. In dieser Zeit erscheint ein System wie die Switch fast schon wie ein Anachronismus: Wenn auch nicht so offensichtlich auf das Gestern gerichtet wie ein "Super Nintendo Mini", kitzelt es dennoch geschickt den Retro-Nerv. Abgesehen von einigen modernen Titeln wie einem "Fortnite" wird vor allem nach klassischer Rezeptur serviert - ganz gleich, ob es dabei um Nintendos altbekannte Marken-Menüs oder knackige Independent-Kost geht. An neuen Geschmäcken versucht man sich nur behutsam - aufgetischt wird vor allem das, was auch vor 25 Jahren schon gemundet hat.

 



 

Auf keiner anderen Hardware wäre ein Titel wie der "Octopath Traveler" deshalb so passend wie auf der Switch: Das Rollenspiel aus dem Hause Square Enix ist eine Remineszenz an die eigene 16-Bit-Vergangenheit, besonders üppig wird aus der frühen "Final Fantasy"-Epoche zitiert. Dafür wurden die Kulissen mit Polygonen gezimmert und zeitgemäß ausgeleuchtet, anschließend hat man ihnen einen Retro-Anstrich verpasst. Das Ergebnis ist eine Art "Pixel-Papercraft": Ein virtuelles Cardboard-Universum, das den Look und die Mechanismen von einst imitiert. Und das ziemlich treffsicher: Obwohl dem RPG aufgrund seines 3D-Naturells ein einheitliches Pixel-Raster fehlt und näher an der Kamera gelegene Objekt gröber erscheinen, fängt es "Look and Feel" der alten Genre-Garde treffsicher ein. Hier ist jedes Haus eine liebliche Puppenstube, jede Festung eine Spielzeugritterburg und jeder noch so bierernst vorgetragene Dialog im Grunde eine putzige Posse.

Denn trotz seiner Klischeehaftigkeit gelingt "Octopath Traveler" etwas, das nur noch wenige seiner Genre-Kollegen hinbekommen: Es konfrontiert den Spieler mit Figuren und Geschichten, die ihn berühren, ohne dass man sie dafür erst künstlich aufblasen muss. Und all das vermittelt es mit einer spielerischen Leichtigkeit, die dem japanischen Rollenspiel seit späten 16-Bit-Tagen weitgehend abhandengekommen ist. Ob es nun darum geht, einen haushohen Pixel-Boss zu zerschmettern, den richtigen Weg zur nächsten Stadt zu finden oder die Spezialfähigkeiten der Charaktere einzusetzen, um ein schlichtes Puzzle zu lösen: Das Switch-exklusive Fantasy-Universum beschreitet mit schlafwandlerischer Sicherheit den schmalen Grat zwischen Traditionsbewusstsein, vorsichtig dosierter Innovation und kompromisslosem Gameplay-Komfort. Dafür bekommt jede der acht Figuren zunächst ihre eigene, spielbare Vorgeschichte spendiert, bevor man die Erzählstränge schließlich kreuzt und in das nächste Kapitel überführt.

Kurzum: "Octopath Traveler" bietet alles, was das Herz von Retro-Freunden höher schlagen lässt, ohne dabei die jüngere Rollenspieler-Generation ratlos zurückzulassen. Darunter flotte Rundenkämpfe, die ohne ausschweifende Endlos-Animationen à la "Final Fantasy" auskommen. Und prachtvolle Pixel-Kulissen, die das Genre-Erbe gelungen in die Rollenspiel-Moderne überführen.

 

 

Note: SEHR GUT