Tradition verpflichtet: "Dragon Quest 11"


 

Mit "Dragon Quest 11: Die Streiter des Schicksals" will Square Enix seine japanische Erfolgsreihe auch bei uns aus dem Nischen-Dasein befreien. Auf der Haben-Seite: Anime-Grafik im "Dragon Ball"-Stil, flotte Runden-Gefechte und ein umfangreiches Spiel-Erlebnis, das für 80 oder mehr Stunden an die Mattscheibe fesselt. Auf der Soll-Seite: Ein zutiefst konservatives Spielsystem, das sich seit über 30 Jahren kaum verändert hat und das in erster Linie beinharte Genre-Puristen begeistert.

Die meisten Rollenspieler im Westen kennen den Namen Square Enix durch dessen prominente Rollenspiel-Marke "Final Fantasy": Die ist spätestens seit Teil 7 das wertvollste Exportgut des RPG-Spezialisten. Im Heimatland Japan sieht die Sache allerdings etwas anders aus: Hier ist die ebenfalls von Square Enix stammende "Dragon Quest"-Serie der Genre-Platzhirsch. Seit seligen 8-Bit-Tagen feiert die Rollenspiel-Reihe mit Charakter-Designs von "Dragon Ball"-Schöpfer Akira Toriyama gigantische Erfolge, ebenfalls bis heute mit an Bord sind Designer-Mastermind Yuji Horii und der stolze 87 Jahre alte Musikus Koichi Sugiyama. Kein Wunder, dass sich die Serie bis heute treu geblieben ist: Ob Monster-Design, Kampfsystem oder die heroischen Einstiegs-Fanfaren, mit denen jede Episode startet - "Dragon Quest" ist so konservativ, dass man die Marke fast schon als erfolgreich gelebten Stillstand bezeichnen kann. Den Fans ist das seit jeher ziemlich schnuppe: Sie stürzen sich mit ungebrochener Begeisterung in Rundengefechte, die seit 30 Jahren nach dem gleichen Schema ablaufen und verkloppen dabei mit wachsender Begeisterung noch immer jeden "Schleim" und jede "Dunkelrübe". Und anschließend müssen sie noch immer in die örtliche Kirche tippeln, um Spielstände oder Party-Management zu verwalten.

Da machen auch die "Streiter des Schicksals" keine Ausnahme: Das insgesamt elfte und seit vielen Jahren erste "Dragon Quest", das nicht nur für ein Handheld-System erscheint, soll die Serie endlich auch im Westen einem großen Publikum zugänglich machen. Gelingen wird das allerdings nur bedingt: Denn die Änderungen am altbewährten Gameplay-Konzept sind so homöopathisch dosiert, dass vor allem eingefleischte Genre-Traditionalisten anbeißen, die endlich wieder ein Japan-RPG der ganz alten Schulte genießen wollen.

 



 

Visuell gibt sich das gewohnt knuffig präsentierte Abenteuer dabei allerdings keine Blöße: Wie das 2004 für PS2 veröffentlichte "Dragon Quest 8" zieht "Streiter des Schicksals" alle Register seiner Zeit, um sich als eine Art spielbarer Akira-Toriyama-Anime zu präsentieren. Wer ein Faible für Kulleraugen und Wuschelfrisuren mit kindlicher Note hat, könnte mit "Dragon Quest 11" glücklich werden. Ein auf Hochglanz poliertes und mit fotorealistischen Elementen versetztes Epos vom Schlage eines "Final Fantasy 15" darf man allerdings nicht erwarten.

Auch die Geschichte um ein Findelkind, das sich schnell als vom Schicksal prophezeiter Retter entpuppt, spielt zwar gekonnt mit ausgetretenen Erzähl-Pfaden, bietet für die Dauer von rund 80 bis hundert Spielstunden aber schlicht zu wenig Stoff, um spannend zu bleiben. Kitsch und Pathos im Wandschrank-Format war allerdings noch nie Sache dieser Serie: "Dragon Quest" ist selbst dann leicht und komödiantisch angehaucht, wenn es tragische Elemente ins Spiel bringt.

Ähnliches gilt für das Spielsystem: Obwohl sich nicht jeder Kampf spielend leicht schlagen lässt und Elemente wie ein komplexes Crafting-System oder ein moderner Fertigkeiten-Baum dem Abenteuer überraschende Tiefe verleihen, ist "Streiter des Schicksals" in erster Linie ein leichtes Rollenspiel. Ein gewisses Maß an Level- und Sammel-Fleiß sollte der Hobby-Abenteurer allerdings mitbringen: Kaum ein Boss benötigt eine ernstzunehmende Taktik, um in die Stummel-Knie gezwungen zu werden - aber wer vorher nicht fleißig Erfahrungspunkte gesammelt hat, wird platt gewalzt.

Während das manch einem Genre-Profi zu simpel sein wird, gibt sich "Dragon Quest 11" die größten Blößen jedoch in den Disziplinen "Welten-Design" und Soundtrack: Zum x-ten Mal durch dasselbe, Schlauch-artig angelegte Szenario zu trampeln, während dazu altmodische Midi-Klänge aus den Boxen quäksen - das ist ein Erlebnis mit hohem Kopfschmerz-Potenzial. Immerhin: Extra für die westliche Version seines Rollenspiels hat Square Enix zumindest die Intro-Musik orchestral neu eingespielt und die Dialoge der ehemals stummen Protagonisten auf Englisch vertont - vorbildlich.

Wer entweder eingefleischter Serien-Fan ist oder auf der Suche nach einem auf herzerwärmende Weise altmodischen RPG-Erlebnis, der bekommt auf PS4 und PC derzeit keinen besseren Genre-Vertreter. Trotzdem: Ein bisschen mehr Mut zur Neuerung und mehr Bewegungsfreiheit würde dem nächsten "Dragon Quest" gut zu Gesicht stehen. Aktuell ist die Serie noch so etwas wie ein liebenswerter Opa, dem man seine Verliebtheit in die Vergangenheit gerne verzeiht - aber der läuft schon jetzt Gefahr, bald zum halsstarrigen Fossil zu werden.

 

Note: GUT

(Test-Hardware: PS4 Pro)