Abhängen nach New Yorker Art: "Marvel's Spider-Man"


 

Mehr der Comic-Vorlage als den Marvel-Kinofilmen folgt die PS4-exklusive "Spider-Man"-Umsetzung von Insomniac Games: Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft schwingt sich durch den Open-World-Großstadtdschungel und legt sich in geradlinigen Spielpassagen mit bekannten Bösewichtern wie Vulture oder Electro an. Entwickler Insomniac richtet seine Spinnen-Sinne dafür vor allem auf spektakuläre Luft-Akrobatik und eine packende Kampagne, als Open-World-Spiel dagegen gibt sich "Spider-Man" überraschend simpel.

Superhelden wie die "Avengers" dominieren auch bei uns seit Jahren das Blockbuster-Kino, trotzdem hat es Fassaden-Krabbler "Spider-Man" in Deutschland seit jeher schwer. Denn mehr noch als "Superman" oder "Captain America" ist "Spidey" ein uramerikanischer Held: Peter Parker hat mit alltäglichen Problemen wie Studium, Mietrückständen und Herzschmerz zu kämpfen. Und selbst dann, wenn der Nerd sein Kostüm überstreift und zu "Spider-Man" wird, bleibt er ganz "Working Class Hero". Kämpft sich wie Peter Parker durch den Großstadt-Dschungel, versäumt vor lauter Heldenarbeit wichtige Termine im "echten Leben" und rettet eher die junge Dame von nebenan wie den ganzen Planeten. Superschurken von kosmischen Dimensionen überlässt er lieber den großen Jungs.

Wenn sich Spider-Man mit seinen Netzfäden durch die klaffenden Häuserschluchten von New York hangelt, dann ist er aber zugleich einem Großstadt-Kosmos verhaftet, wie man ihn bei uns kaum kennt. Vielleicht ist es der "Spinne" deshalb auch nie gelungen, die Herzen europäischer Teenager oder Twens im Sturm zu erobern – weder als Comic-Held noch bei ihren Leinwand-Kraxelein.

Darum könnte das "Spider-Man"-Spiel von "Ratchet & Clank"-Erfinder Insomniac hierzulande einen ähnlich schweren Stand haben: Dank Marvels "Cinematic Universe" ist das menschliche Krabbeltier inzwischen auch bei uns populärer geworden, aber Insomniacs Action-Adventure richtet sich eher an die Freunde der 90er-Jahre-Comics als an diejenigen Fans, die Spider-Man als Tony Starks Avengers-Azubi kennengelernt haben. Entsprechend wenig verwundert es, wenn Ganoven wie Vulture oder der Kingpin dem Design von Heften und Zeichentrickserie näher kommen als dem der jüngsten Leinwand-Adaption.

Für eingefleischte Comic-Leser ist das ein Fest: Sie dürfen ihren Helden zum ersten Mal dabei begleiten, wie er scheinbar schwerelos von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer zischt und zwischen den Hochhäusern hindurchschwingt. Zwar erfordert die luftige Turnerei zunächst einiges an Übung - aber hat man erstmal begriffen, wann und wo sich die Netzfäden befestigen lassen, gibt es kein Halten mehr.

 



 

Ähnliches gilt für die Auseinandersetzungen mit Klein- wie Großverbrechern: Spider-Man wechselt per Netzfaden blitzartig zwischen den Angreifern hin und her, windet sich zwischen den Beinen von besonders schweren Jungs hindurch, weicht tänzelnd feindlichem Beschuss aus und hält seine Widersacher mit allerlei freischaltbaren Gimmicks auf Trab. Aber auch hier ist die Lernkurve besonders zu Spielbeginn am höchsten: Insomniac konfrontiert den Spieler so schnell mit so vielen Button-Kombinationen und möglichen Manövern, dass gerade Kampfspiel-ungeübte Gamer schnell die Lust verlieren. Dabei lohnt sich das mühsame Reinfummeln: Die von Rocksteadys "Batman"-Keilereien inspirierten Kloppereien sind nicht nur toll anzusehen – sie sind vor allem angenehm vielschichtig.

Wer ein Art Spider-Man-Simulator sucht, wird sich deshalb sofort in Insomniacs Action-Adventure verlieben: Die Möglichkeiten für spektakuläre Akrobatik sind immens. Zumal sich die Heldenspinne mithilfe von Erfahrungspunkten, Fertigkeiten-Baum, Kostüm-Schneiderei oder Gadget-Gebastel geschickt entwickeln und individualisieren lässt. Wer allerdings einen Großstadt-Kosmos voller kleiner wie großer Geschichten erwartet, die der Spieler in seinem eigenen Tempo entdecken kann, der wird vielleicht enttäuscht: Das New York von Insomniacs "Spider Man" ist eher ein gigantischer Spielplatz für Spinnen-Parkour wie eine lebende, atmende Open-World, wie man sie zum Beispiel aus einem "GTA 5" kennt. Wer hier die schwindelnden Höhen der Wolkenkratzer verlässt, um all die Straßen, Gehwege und Parks am Boden zu besuchen, für den gibt es nicht viel zu entdecken. Außer den ewig gleichen Abziehbild-Statisten vielleicht, die sich mal mehr und mal weniger über den Boden-Besuch des Helden freuen.

Einen persönlichen Dreh, der die Welt der Spinne von einer anonymen Hochhaus-Sammlung in einen echten Schauplatz verwandelt, erhält "Spider-Man" schließlich durch seine Kampagne: Die ist anders als bei den meisten Open-World-Games mehr als ein roter Faden, zu dem man hin und wieder zurückkehrt. Stattdessen bildet die Geschichte um Spider-Mans Kampf gegen das Erbe von "Kingpin" Wilson Fisk einen ständig präsenten Handlungsbogen. In den Story-Missionen spielt der Insomniac-Titel eine weitere Stärke aus: Die Kampagnen ist meist so cineastisch und rasant, dass sie für die eindimensionale Spielwelt entschädigt. Sogar der obligatorische Gastauftritt von Marvel-Ikone und "Spider-Man"-Schöpfer Stan Lee ist mit an Bord.

 

 

Note: SEHR GUT