Frühling, Sommer, Herbst und Winter: "Forza Horizon 4"


 

Frühling, Sommer, Herbst und Winter: In der neuen Open-World-Raserei von Playground dreht sich neben PS-starken Straßenkreuzern und mächtigen Rennsport-Boliden alles um die vier Jahreszeiten. Rasante Stunt-Rennen auf buntem Blätterteppich wechseln sich ab mit halsbrecherischen High-Speed-Rodelpartien oder das Kreuzen durch vom Frühlingsgewitter aufgeweichten Querfeldein-Sümpfen. Im Sommer dagegen brausen mehr als 450 verschiedenen Hochleistungs-Boliden über von brennender Sonne beschienene Parcours und wirbeln dabei gigantische Staubwolken auf.

Nun sind verschiedene Wetterverhältnisse in Videospielen ebensowenig neu wie Flussläufe oder Pfützen, bei deren Durchfahren Wasser und Matsch gegen die virtuelle Linse spritzen. Ebenfalls kein Novum ist die Wirkung auf die Fahrphysik, die verschiedene Untergrund-Beschaffenheiten mit sich bringen. Neu ist dagegen die Intensität und Detailverliebtheit, mit der sich bei "Forza Horizon 4" ein und derselbe Kurs von einer knochentrockenen Straße in eine von verrottetem Herbstlaub verschlammte Sumpflandschaft oder ein Winterwunderland verwandelt, in dem die PS-Monster tiefe Spuren hinterlassen. Passenderweise hat Playground den Schauplatz dafür vom Sonnenanbeter-Paradies Australien in das für sein launisches Wetter bekannte Großbritannien verlegt.

Aber auch sonst entpuppt sich die Insel als extrem dankbare Kulisse, denn umso liebevoller und detailreicher inszeniert das selber in England ansässige Entwickler-Studio sein Heimspiel: Die ländliche Idylle Schottlands lockt mit verschlafenen Dörfern, alten Herrenhäusern, Klinkersteinbauten und üppiger Natur. Obendrein laden die geschichtsträchtige Kleinstadt Glastonbury und die Schotten-Metropole Edinburgh zum Hochgeschwindigkeits-Sightseeing. Sogar das aus den "Harry Potter"-Filmen bekannte Glenfinnan Viadukt hat einen Gastauftritt.



 

 

Das historische Glastonbury-Festival wiederum löst Playground einfach durch das Serien-typische "Horizon"-Spektakel ab, das hier einmal mehr den erzählerischen Unterbau bildet. Und der geht wie gehabt ungefähr so: Ein junges, aufstrebendes Raser-Talent will nach oben und vermehrt Rennen für Rennen Credit-Bestand sowie die Anzahl der Fans - fertig. Dass Playground dabei wieder mal für jede Menge fremdschämige bis peinliche Raser-Klischees sorgt, ohne dem Wettbewerb dabei tatsächlich eine persönliche Note zu geben, gehört fast schon zum guten Ton der Serie, bei der es ja letztlich doch nur um das eine geht: den größeren Bleifuß zu haben, wenn man mit über 200 Sachen entweder gegen die Game-KI oder andere Spieler über verschlungene Landstraßen heizt. Und wer dabei genug Geld aufs Credit-Konto pilotiert, um nicht nur neue Prachtkutschen zu kaufen und zu tunen, der darf sich sogar ein eigenes Anwesen zulegen. Darunter zum Beispiel das berühmte Edinburgh Castle. Kostet auch nur 15 Millionen Ingame-Credits. Schnäppchen.

Wer die Raser-Idylle dafür erstmal alleine erfahren will, der tritt zunächst gegen die für "Forza"-Titel typischen "Drivatare" an: Computer-gesteuerte Boliden, die so tun als wären sie echte Teilnehmer aus der Freundesliste des Spielers, indem sie deren "Forza"-Fahrverhalten genau beobachten. Spürbar auswirken kann sich das allerdings nur, wenn man die Künstliche Intelligenz der digitalen Renn-Semmeln nach oben reguliert - einer von vielen individuell regulierbaren Parametern, die in Summe den Schwierigkeitsgrad der Racing-Erfahrung ausmachen. Auf Wunsch lässt sich das Spiel auch jederzeit in den Online- und Mehrspieler-Modus verfrachten - dann wird aus dem Drivatar "Bleifuß74" der echte Spieler "Bleifuß74", ohne dass man es zunächst überhaupt merkt. Idealerweise sorgt das für ein noch authentischeres Raser-Erlebnis bei Querfeldein-, Straßen-, Dirt-, Stunt- oder Schau-Rennen, die dank des weit verzweigten Streckennetzes und der verschiedenen Witterungen für reichlich Abwechslung sorgen. Und wer's dabei gerne besonders stilecht hat, der manövriert dabei im legendären Aston Martin von 007 durch die Kurven - einem von vielen Car-Packs sei Dank, mit denen Playground den ohnehin schon gigantischen Fuhrpark noch weiter ausbaut.

Die prall gefüllte Auto-Show hat nämlich auch ihre Nachteile - wie zum Beispiel den Umstand, das man neuerdings sämtliche "Perks" oder Vorteile nicht für den Fahrer, sondern für jedes Auto einzeln ergattern muss. Eine Menge Arbeit, auf die sich vermutlich nicht mal der fantastischste Freizeit-Pilot einlässt. Viel mehr Blößen gibt sich das neue "Horizon" zum Glück nicht. Bis auf ein paar Mikro-Ruckler hier und da, die leider nicht mal Besitzer einer Xbox One X umgehen können, indem sie anstelle von verbesserter Darstellungs-Qualität eine höhere Performance einstellen. Hier sollte Playground mit Updates nachbessern - aber auch sonst steht ungehemmtem und vor allem prachtvoll schönem Rennspiel-Genuss nichts im Wege.

 

 

Note: SEHR GUT

(Test-Hardware: Xbox One X)