Diesmal ohne Alleingang: Call of Duty – Black Ops 4


 

Mehrspieler-Gefechte, gemeinsames Zombie-Schießen und vor allem ganz viel "Battle Royal" im "Blackout"-Modus: "Black Ops 4" bietet die umfangreichste und überzeugendste "Call of Duty"-Multiplayer-Erfahrung, verzichtet dafür aber auf den Hollywood-artigen Singleplayer-Bombast, der die Serie einst groß machte. Aber können perfekt geschliffenes und ausbalanciertes Multiplayer-Gameplay dafür entschädigen? Und was bedeutet das neue Bekenntnis von Hersteller Activision für die Zukunft der Shooter-Reihe?

KRITIK • PS4, Xbox One, PC • Es kam, wie es früher oder später kommen musste: Mit "Call of Duty" verabschiedet sich die erste große Ego-Shooter-Reihe (wenigstens zeitweilig) vom klassischen Singleplayer-Modus. Stattdessen gibt es - passend zum aktuellen "Battle Royal"-Hype - den neuen Spielmodus "Blackout", der sich an digitalen Massen-Events wie "Fortnite" oder "PUBG" reibt und deren Spiele-Gattung er sogar ein wenig verbessert.

Dabei haben Activision und Entwickler Treyarch bis zum letzten "Call of Duty" noch eine aufwendig präsentierte Kampagne geliefert: Die hat dem Weltkriegs-Spektakel "WW2" sogar zu den bisher stärksten Verkaufszahlen der gesamten Serie verholfen. Oder war es doch eher das Gamer-Getümmel auf den Mehrspieler-Schlachtfeldern und das gemeinsame Robben durch den Schmutz der Weltkriegs-Schützengräben, das die Spieler bei der Stange gehalten hat? Immerhin steht die Serie schon seit Jahren in dem Ruf, vor allem über ihre Multiplayer-Komponente zu funktionieren - gerüchteweise haben gerade junge Gamer den Singleplayer immer häufiger gleich komplett ignoriert. Wie wichtig die Solo-Kampagne für das Genre wirklich ist, wird sich spätestens nach diesem Experiment herausstellen - und im Moment stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass Activisions Rechnung aufgeht. Aktuell erreicht "Black Ops 4" zwar nur die Hälfte derjenigen Ladenverkäufe, die man noch mit "WW 2" geschafft hat, aber dafür fallen die Downloads über die Online-Stores umso stärker aus. Kein Wunder, ist es die überwiegend junge Zielgruppe der Rudel-Shootouts doch längst gewohnt, Titel wie ein "PUBG" oder "Fortnite" aus dem Netz zu schaufeln statt sie in einem Elektronik-Markt oder Fachgeschäft zu kaufen.

Serien-Fans jenseits der 30 oder 35 Lenze dürften sich mit der Neu-Ausrichtung allerdings schwertun: Sie bekommen in diesem Jahr kein Spektakel für ihr Heimkino - stattdessen gibt's jetzt ins Headset hustende Teenager und visuelles Sparprogramm, denn "Black Ops 4" ist wie die meisten Multiplayer-Ballerein ganz und gar auf Performance gebürstet. Wer gerne innehält, um auf inszenatorische Details zu achten, der ist hier falsch. Was einem Spektakel noch am nächsten kommt, das ist der "Specialist HQ"-Modus, für den Entwickler Treyarch wohl die ersten Versatzstücke einer nicht fertig produzierten Solo-Kampagne verwurstet hat - aufwendige Render-Sequenzen inklusive. Nach ungefähr zwei Stunden ist der zweifelhafte, als eine Art Tutorial gedachte Solo-Spaß allerdings vorbei.

 



 

Ebenfalls in Singleplayer-Gangart spielbar sind alle drei Storylines im wiederkehrenden Zombie-Modus. Wirklich empfehlenswert ist es allerdings nicht, den Kampf gegen die Untoten an der Seite von KI-gesteuerten Bots aufzunehmen, denn das komplexe Layout der Zombie-Karten ist ganz klar auf Koop-Miteinander ausgelegt. Wenigstens bietet das Grusel-Gemetzel an Bord der Titanic oder inmitten eines antiken Amphitheaters die Sorte Schauwerte, die man sonst von der Serie gewohnt ist.

Doch die meiste Zeit werden Shooter-Fans im klassischen "Call of Duty"-Multiplayer-Modus oder mit "Blackout" verbringen. Ersterer wartet neuerdings sogar mit einem "Heist"-Modus und der Spielart "Control" auf, bei der beide Spieler-Teams um die Eroberung von zwei Level-Zonen kämpfen. Besonders viel Mühe gegeben hat man sich aber mit dem eigens für "Black Ops 4" entwickelten "Battle Royal"-Feature: Hier springen Genre-typisch um die hundert Spieler über einer sich stetig verkleinernden Map ab, um anschließend so lange Gegner auszuknipsen, bis nur noch ein Ballermann oder ein Team stehen. Serien-Kenner entdecken dabei sogar aus den ersten beiden "Black Ops"-Teilen übernommene Level-Versatzstücke.

Wirklich erfreulich ist dabei allerdings, dass mit "Blackout" nun die erste "Royal"-Erfahrung bereitsteht, die nicht mit den teils grauenvollen Gameplay-Kinderkrankheiten der Mitbewerber zu kämpfen hat. An die Stelle der Schießbuden-artigen "Fortnite"-Ballerei tritt hier eine vernünftige Baller-Physik - und statt der zähen, bei "PUBG" üblichen "Fortbewegung" genießt man hier angenehm flüssigen Dauerlauf. Auf die Bau- und Kreativ-Features eines "Fornite" muss man allerdings verzichten: Wer "Battle Royal" vor allem deshalb spielt, weil er sich während des Ballerns schöpferisch austoben und experimentieren möchte, der bleibt auch weiterhin dem Genre-Platzirsch treu. Zumal Epic seine Spielerfahrung kostenlos anbietet, Activision dagegen 70 Euro aufruft.

Schade nur, das "Black Ops 4" bei allen drei Multiplayer-Gattungen und sogar im für Einsteiger gedachten "HQ" die Chance verpasst, seine Feature-Fülle so zu erklären, dass auch bisherige Mehrspieler-Abstinentler durchblicken. Oder solche Gamer, die sich in früheren "COD"-Teilen vor allem an das Singleplayer-Erlebnis gehalten haben. "Call of Duty" im Jahr 2018 - das ist ein verschachteltes Modus- und Menü-Monster für Multiplayer-Profis, die obendrein Battle Royal lieben. Und die sich mit viel inszenatorischer Grobmotorik inmitten detailarmer 0815-Bauten zufriedengeben, solange die makellose Framerate ein flüssiges, Latenz-freies Miteinander verspricht.

Sollte Activisions Rechnung trotz Singleplayer-Abstinenz aufgehen, könnte sich der Erfolg nachhaltig auf die Traditions-Serie und gleich das komplette Ego-Shooter-Genre auswirken: Warum sollte man weiterhin in dutzende Millionen von Dollar kostende Solo-Erlebnisse investieren, wenn es auch ohne geht?

 

 

Note: BEFRIEDIGEND

 


 

PERSÖNLICHE MEINUNG (Robert Bannert)

 

Ein großer "Call of Duty"-Freund war ich nie, aber die Aversionen, die viele gegen die Serie hegen, sind mir ebenfalls fremd. Natürlich bin ich mir der Tatsache bewusst, dass viele Spieler den Story-Modus ignoriert und sich stattdessen direkt ins Multiplayer-Vergnügen gestürzt haben – bei mir wurde eher umgekehrt ein Schuh draus, meine Mehrspieler-Begegnungen mit bzw. innerhalb der Serie halten sich in Grenzen. Trotzdem will ich den neuen Teil nicht wegen seiner Multiplayer-Ausrichtung kritisieren – denn die Spielmodi sind teilweise wirklich makellos. Was mir allerdings gegen den Strich geht, dass ist die Tatsache, dass man hier 70 Euro für etwas aufruft, was andere kostenlos bieten. Ich bin ein großer Freund des klassischen Premium-Modells – und ich befürchte, dass eine derartige Vermarktungs-Strategie das klassische Retail-Modell nicht unterstützt, sondern es vielmehr weiter erodieren lässt. Und ich bin niemand, der sich auf die wunderbare Streaming- und Abo-Welt freut. Warum, dazu werden ich an anderer Stelle in einer Kolumne kommen.

 

Hinzu kommt, dass ich hinter "Black Ops 4" eine Art Testballon vermute: Wenn sich das Ding richtig rechnet – warum dann künftig weiterhin viel Geld in die Produktion aufwendiger, Hollywood-reif inszenierter Singleplayer-Kampagnen investieren? Ach, geht auch ohne? Klasse, weiter so!

Sollte sich Activision dazu entschließen, dieses Modell weiter zu pflegen, dann könnte das ein fatales Signal nicht nur für die weitere Entwicklung der "COD"-, sondern auch aller anderen Ego-Shooter-Marken werden. Ich will niemandem das Recht auf ein cooles Mehrspieler-Erlebnis absprechen, nur weil ich in erster Linie Singleplayer- und Kampagnen-Spieler bin – aber wenn das bedeutet, dass man mir "meinen Singleplayer" dafür wegnimmt, dann habe ich ein Problem damit. Denn ich habe mich durchaus jedes Jahr auf ein paar Stunden hirnlosen, aber fett anzuschauenden "COD"-Kampagnen-Bombast gefreut. Zumal die Serie das nach wie vor spürbar besser hinbekommt wie die Kollegen von der "Battlefront" – was ja seit jeher vor allem eine Mehrspieler-Marke war. Klar kann man mit den Multiplayer-Modi, mit "Battle Royal" und mit "Zombie"-Ballerei jede Menge Spaß haben – aber dennoch sind sie für mich weitgehend generisch. Ein Kunstwerk ist ein Spiel für mich erst dann, wenn es einen tollen, individuellen Singleplayer-Modus vorzuweisen hat. Darum überrascht mich diese Entwicklung zwar nicht – aber sie erfüllt mich mit Besorgnis.