Ist "Red Dead Redemption 2" das beste Open-World-Spiel?


 

Es ist das Spiel, auf das Konsolenbesitzer seit Jahren warten: "Red Dead Redemption 2". Ein interaktiver Western, in dessen Entwicklung Hersteller Rockstar Games Hunderte Millionen Dollar und all seine Expertise aus der berühmt-berüchtigten Räuberpistole "GTA" investiert hat - und der nun entsprechend hohe Erwartungen von Fans und Aktionären zu erfüllen hat. Darüber hinaus ist dieses Prequel eines mit Preisen überhäuften Meisterwerks (2010) so viel mehr: "Red Dead Redemption 2" will die Grenzen des Mediums verrücken - und lässt sie in stillen Momenten komplett verschwinden. Theoretisch ist hier alles fließend: Die mit Zitaten und Anspielungen aus Filmklassikern gespickte Geschichte um eine der letzten Outlaw-Banden des Wilden Westens, bei der Konsolenbesitzer in die Rolle des Revolverhelden Arthur Morgan schlüpfen, verschmilzt mit einer gewaltigen, offen gestalteten Welt voller Schönheit, Freiheit und schier unbegrenzten Möglichkeiten. Aber was ist mit dem Gameplay? Ist "Red Dead Redemption" die erhoffte Revolution des Open-World-Spiels - oder doch nur ein in authentischer Schönheit erstarrter Koloss?

KRITIK • PS4, Xbox One • Postkutschen überfallen, sich um 12.00 Uhr mittags mit Revolverhelden duellieren, allein in den Sonnenuntergang reiten, eine Saloon-Schlägerei anzetteln, mit dem Apachen-Häuptling eine Friedenspfeife durchziehen, am Lagerfeuer Gitarre spielen, in den Bergen auf Bärenjagd gehen und vom Dach eines unter Volldampf stehenden Zugs auf Verfolger feuern: Für seinen Open-World-Western "Red Dead Redemption 2" zieht Rockstar Games alle Klischee-Register und bietet so ziemlich jede Aktion an, die jemals in einem Genre-Film zu sehen war. Von "12.00 Uhr Mittags" über "Zwei glorreiche Halunken" bis hin zu spätem Italo-Trash à la "Nobody". Und noch jede Menge andere Zitate, die in einem Western eigentlich gar nichts zu suchen haben, die hier aber so geschickt und augenzwinkernd eingestreut sind, dass man "Red Dead Redemption 2" die vereinzelten Seitensprünge gerne nachsieht. Ebenso wie jede Menge erzählerischer Freiheiten, die zum Beispiel aus bekannten US-Staaten fiktive Konstrukte wie "New Hanover", "West Elizabeth" oder "Lemoyne" machen.

Insgesamt fünf Staaten sind es hier, die sich auf diese Weise über sanfte Hügel, verschneite Gebirge, weite Steppen, Sümpfe, Schluchten, Wälder, kleine Western-Nester und Möchtegern-Großstädte wie "Saint Denis!" erstrecken. Hier träumen Anti-Held Arthur Morgan und die anderen Mitglieder der "van der Linde"-Bande davon, das Leben als Gesetzlose endlich hinter zu sich lassen - doch anstelle vom ganz großen, allerletzten Coup wartet nur ein Leben voller Entbehrungen auf den kleinen Track aus gescheiterten Existenzen. Während Arthur, Banden-Chef Dutch und ihr trauriger Hauf aus Gesetzlosen vergangenen Zeiten nachhängt und den Untergang des alten Westens beklagt, verändert sich die Welt um sie herum in rasantem Tempo. Verkürzen Dampfrösser einst endlos erscheinende Entfernungen, werden selbst kleine Ortschaften von elektrischem Licht erhellt und übertragen Telegrafen-Masten Informationen in Windeseile von einem Ende des Landes zum anderen.

 



 

Die Abbildung dieses Zeiten-Wechsels, der mit ihm verbundenen Schicksale und der sie umgebenden Landschaft bildet das Herzstück des Spiels: "Red Dead Redemption 2" ist eine Erzählung, bevor es ein Spiel ist - ein breit angelegtes Epos, das durch eine wunderschöne Parallelwelt entführt, auf deren Entwicklung man aber leider nur wenig Einfluss nehmen darf. Denn einmal mehr ist Hersteller Rockstar Games so sehr in seine Welt, in ihre Charaktere und all die vielen, teils bissigen popkulturellen Zitate verliebt, dass man sie dem Spieler nicht vollends überlassen möchte. Viel lieber stellt man sie wie ein wunderschönes Museumsstück aus: "Anschauen, aber nicht anfassen", scheint hier manchmal die Devise zu sein.

Dennoch: Wer durch dieses digitale Wunsch-Abbbild der einstigen USA läuft, wankt oder auch mal stockbetrunken schwankend einherreitet, der kann gar nicht anders, als sich darin zu verlieren. Ob es dabei nun um die wilde, über weite Strecken noch immer ungezähmte Natur oder zum Beispiel das Lager der "van der Linde"-Gang geht: Überall herrscht das pralle Leben. Die Bewohner dieser Welt schwatzen, tanzen, keifen, bellen, lachen, tauschen sich selbst im Vorbeigehen miteinander aus und erleichtern sich - wenn es sich um Pferde handelt - sogar deutlich sichtbar auf offener Straße. Und als der Held dieser Geschichte hat man zeitweise tatsächlich das Gefühl, sich mit all ihnen einen Lebensraum zu teilen. Man begrüßt sie, man hilft ihnen, watet an ihrer Seite durch den strömenden Regen, sitzt mit ihnen scherzend am Lagerfeuer, nimmt Anteil an ihrem Schicksal - und manchmal, da ballert man sie auch über den Haufen oder schickt sie mit knallharter Faustarbeit in den Matsch vor dem Saloon. Kurz nachdem man sie mit viel Schmackes stilecht durch die Fensterfront geschleudert hat. Toll.

Nicht ganz so großartig sieht es leider aus, wenn es darum geht, dieses Monstrum von einem Spiel unter Kontrolle zu bringen: Fast wirkt es so, als wollte Rockstar durch die fummelige Überfrachtung seines Controller-Schemas den harten Überlebenskampf im Wilden Westen direkt auf Steuerung des Spiels übertragen. Ob Waffenwechsel, Rucksack-Management oder Feuergefechte aus der schützenden Deckung eines Baumstamms heraus: "Red Dead Redemption 2" stellt den Gamer auch nach zehn oder 20 Spielstunden immer wieder auf eine unnötig harte Geduldsprobe.

 



 

Ähnlich verhält es sich mit der Agilität von Frontmann Arthur Morgan - denn die auf Realismus eingespielte Welt von "Red Dead Redemption 2" gönnt ihren Figuren keine überzeichneten Kletter-, Schwimm- oder Kampkräfte. Die einzige Superkraft des Helden besteht darin, per "Dead Eye"-Modus für wenige Augenblicke in Zeitlupe zu schießen oder seinerseits nicht sofort tot zusammenzubrechen, wenn ihn eine Kugel erwischt. Und steigerbare Fähigkeiten, Erfahrungsstufen oder mit wundersamen Talenten verknüpfte Spezialgegenstände? Ebenfalls Fehlanzeige. Arthur ist und bleibt ein stinknormaler, einsamer Cowboy, der obendrein nur zwei verschiedene Fortbewegungs-Modi kann: viel zu langsam und viel zu schnell.

Wer seine Open World also nicht nur andachtsvoll bestaunen, sondern sie vor allem bis auf den letzten virtuellen Quadratmeter erklimmen, erfliegen, erschwimmen oder schlicht erkunden möchte, der ist hier vermutlich falsch. Richtig ist dagegen, wer zugunsten einer fulminanten Präsentation auf die Sorte Beweglichkeit verzichten kann, die zum Beispiel ein "Assassin's Creed" oder ein "Zelda: Breath of the Wild" auszeichnen. "Red Dead Redemption 2" ist ein schwerfälliges, zickiges Biest - und seine Gameplay-Höhepunkte hat das Spiel immer dann, wenn diese Schwerfälligkeit zur Erbarmungslosigkeit des Szenarios passt. Denn am Ende ist Rockstars Epos eher eine Wild-West-Simulation als ein Adventure.

 

 

Note: SEHR GUT

(Test-Hardware: PS4 Pro)