Der Wahnsinn kommt auf monströsen Sohlen: Call of Cthulhu


 

Die französischen Rollen- und Brettspiel-Profis von Cyanide verwandeln das Werk von Grusel-Großmeister H. P. Lovecraft in ein Ermittler-Adventure mit Rollenspiel-Einschlag: "Call of Cthulhu" schickt den Privatdetektiv Edward Pierce in die Walfänger-Küstenstadt Darkwater, um nach der verschollenen Schöpferin gruseliger Gemälde zu forschen. Auf der Suche nach der Malerin und ihrer Familie stolpert der angetrunkene Held in die Verschwörung eines fanatischen Kults, der die Wiedererweckung von Tintenfisch-Maul Cthulhu anstrebt.

KRITIK • PS4, Xbox, PC • Uralte Alien-Götter, groteske Glibber-Gestalten, den Naturgesetzen trotzende Schauplätze und vom Wahnsinn heimgesuchte Protagonisten: Der "Cthulhu-Mythos" von US-Autor Howard Phillips Lovecraft (1890 bis 1937) gehört zu den bekanntesten Werken der Horror-Literatur, wurde von zahllosen Nacheiferern entweder zitiert oder ausgebaut und gelangte durch das Paper'n'Pencil-Rollenspiel "Call of Cthulhu" (nach Lovecrafts gleichnamiger Kurzgeschichte) zu weltweiter Bekanntheit. Brauchbare Umsetzungen für die Leinwand oder in Spiel-Form gibt es indes kaum - erwähnenswert sind meist nur diejenigen Werke, die Lovecrafts Werk nicht als offizielle Vorlage verwenden, sondern es nur bruchstückhaft zitieren. Wie zum Beispiel die Adventure-Klassiker der "Alone in the Dark"-Reihe und "Eternal Darkness" für den Gamecube. Oder "South Park".

 



 

Für seine Umsetzung der finsteren Materie orientiert sich das auf Paper'n'Pencil- und Brettspielumsetzungen spezialisierte Entwickler-Studio Cyanide allerdings eher an dem leider nur mittelprächtigen "Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth": Wie der Bethesda-Titel ist die Umsetzung der Franzosen ein Grafik-Adventure, das gemächlich aus der Ego-Perspektive erforscht wird, mit einigen frustigen Schleich-Einlagen um die Grusel-Ecke biegt und sich außerdem behutsam bei den Regeln von Chaosiums Papier-Rollenspiel bedient. So darf Privatschnüffler Edward Pierce mithilfe von Erfahrungspunkten oder durch das Studium alter Schrifstücke allerlei Fähigkeiten steigern, die ihm bei seinen Ermittlungen in der abgelegenen Küstenstadt "Darkwater" helfen. Inzwischen führen allerlei spukige Ereignisse dazu, dass sein Wissen um den okkulten Mythos zwar zunimmt, sein Verstand aber allmählich daran zerbricht. An dieser Stelle kann der Spieler häufig selber entscheiden, welcher Entwicklung er den Vorzug gibt: Will er dem Spiel auf Teufel komm raus all seine finsteren Geheimnisse abringen? Oder ist es ihm wichtiger, dass sein Alter Ego auf dem Weg zum "großen Cthulhu" und seinen Kultisten nicht zum geistigen Pantoffeltierchen wird? In diesem Fall sollte er das eine oder andere unheilvolle Schriftstück lieber liegen lassen… - auch wenn es seinem neugierigen Gamer-Naturell noch so sehr widerspricht.

Freunde von Lovecrafts Kurzgeschichten und Romanen werden sich trotz technischer Defizite schnell mit Cyanides "Darkwater" anfreunden, weil sich das Studio erfreulich eng an die Vorlage hält. So konzentriert man sich vor allem auf Psyche des Protagonisten, um schließlich geschickt die Grenzen zwischen Realität und schleichendem Irrsinn zu verwischen: Ein typisches "Cthulhu"-Element, das bisher kein Spiel so souverän hinbekommen hat. Dafür nehmen echte Fans die überwiegend potthässlichen Akteure des Spiels gerne in Kauf - zumal es dafür reichlich stimmungsvolle und angenehm schaurig beleuchtete Schauplätze zu erkunden gibt. Schade nur, dass der eng abgesteckte Schauplatz viel zu wenig Bewegungsfreiheit bietet und "Call of Cthulhu" deshalb viel zu schnell durchgegruselt ist. Außerdem hätte man sich die meist lästigen "Trial & Error"-Schleicheinlagen getrost sparen können: Anstatt Spannung aufzubauen, stören sie die mühsam aufgebaute Atmosphäre nur.

 

 

Note: GUT