Gemeinsam verstrahlt: "Fallout 76"


 

Womit kaum ein Fan gerechnet haben dürfte, das ist tatsächlich eingetreten: Mit "Fallout 76" wird Bethesdas traditionsreiche Rollenspiel-Reihe zum Tummelplatz für Multiplayer-Fans und Survival-Krieger. Die Spielwelt ist viermal so groß wie in "Fallout 4", darf im "Endgame" sogar mit Atombomben beschossen werden und erzählt trotz Mehrspieler-Schwerpunkt wieder jede Menge Geschichten. Nur: Sind die diesmal auch genauso fesselnd wie in den Singleplayer-Teilen der Serie?

KRITIK • PS4, Xbox, PC • In den amerikanischen Bethesda-Studios dürfte gerade keine Party-Stimmung herrschen: Der jüngste Rollenspiel-Blockbuster des Studios - "Fallout 76" - wird von Fans förmlich in der Luft zerrissen. Auf dem internationalen Wertungs-Aggregator "Metacritic" rangiert die User-Wertung - je nach System - zwischen 2,4 und 3,1. Für den erfolgsverwöhnten Hit-Lieferanten as Maryland dürfte das eine ziemliche Überraschung sein - immerhin hat der Hersteller mit "The Elder Scrolls Online" schon einmal eine seiner Traditions-Marken erfolgreich in ein MMORPG verwandelt. Was also hat die Fans so sehr in Rage versetzt, dass sie "76" so zerfetzen?

Für die Spurensuche wagen wir uns ländlich-verstrahlte Virginia des Jahres 2102: Hier verlassen die Spieler den Titel-gebenden "Vault 76" - einen Untergrundbunker der Firma "Vault-Tec", in dem ausgewählte Personen Zuflucht gefunden haben, als sich der Konflikt zwischen den USA und China nicht mehr auf bloße Strafzölle beschränkte. Jahrzehnte nach dem Fall der Bomben wird der von den "Fallout 76"-Spielern bewohnte Vault aufgelöst und verteilen sich seine Bewohner in alle Himmelsrichtungen des postapokalyptische Staates, um das sich zaghaft von dem Atomschlag erholende Land wieder in Besitz zu nehmen. Zu entdecken, zu sammeln, mit der "Fallout 4"-verwandten Bau-Option eigene Lager-Konstruktionen aus dem Boden zu stampfen und natürlich sich mit anderen Spielern zu schlagkräftigen Koop-Teams zusammenzurotten. Denn in den Retro-futuristischen Ruinen des Wastelands nach fetter Beute zu suchen - das fällt am leichtesten, wenn einem gut gerüstete Waffenbrüder den Rücken freihalten.

 



 

Menschen gibt es in Bethesdas Version von West-Virginia übrigens keine mehr - bis auf die selber Spieler sind nur monströse Mutationen unterwegs, die den Helden als Leder wollen und die nach ihrer gewaltsamen Entsorgung als Ressourcen-Quelle herhalten. Damit sie die Erfahrungspunkte-Gier von Aufstiegs-wütigen Spielern befriedigen können oder als leckere Mahlzeit über dem Camp-Lagerfeuer enden. Knackige "Köter-Keule" und "gebackene Blähfliege" für knurrende Wastelander-Bäuche: Hmmmm, lecker! Denn Survival-Gameplay spielt in "Fallout 76" eine noch wichtigere Rolle als in den Singleplayer-Episoden der Serie: Wer nicht regelmäßig seinen Hunger-, Durst- sowie Verseuchungs-Level im Auge behält, der bricht vor Erschöpfung zusammen - oder es wachsen ihm ein paar überflüssige Extra-Extremitäten. Für die Pflege von Charakter und Ressourcen hat Bethesda einen transportablen Luxus-Camper ins Spiel integriert: Das nützliche Item lässt sich abseits von Siedlungen aufstellen und von einem Lagerplatz zum nächsten verlegen - inklusive aller Strukturen, die man beim vorherigen Camping-Ort mithilfe des Bau-Features konstruiert hat. Das stilvoll schrottige Eigenheim wird also prompt mit umgezogen - Weltuntergangs-Luxus pur!

Nicht ganz so luxuriös sind dagegen die zahlreichen Bugs, unter denen das Abenteuer noch immer leidet: Von instabilen Servern über spontan in den Tiefen des Netzes verschwindenden Helden-Häuschen sind so ziemlich alle Schwierigkeiten präsent, unter denen MMOs während ihrer Startwochen meistens zu leiden haben. Damit und mit einem aktuell noch viel zu kleinen Inventar könnten Fans vermutlich noch leben - wäre da nicht die gähnende Leere, die in Bethesdas Alptraum-Version von West-Virginia herrscht: Durch das Fehlen von Computer-Charakteren mangelt es dem Spiel an der Sorte erzählerischem Unterbau, der Titel der "Fallout"-Reihe sonst so großartig macht.

 An der Seite von Freunden in protzigen Exo-Rüstungen massige Gatling Guns zu heben, um damit atomar mutierte Bestie unter Feuer zu nehmen - das kann eine Menge Spaß machen, aber darüber hinaus fehlt es an der nötigen Langzeitmotivation. Aktuell fühlt sich "Fallout 76" über weite Strecken eher wie ein Multiplayer-Mod von "Fallout 4" an als nach einem eigenständigen Spiel. Sollte es dem Hersteller während der kommenden Monate allerdings gelingen, mit umfangreichen Updates nachzuhelfen, die Server-Probleme in den Griff zu bekommen und das Spiel um interessantere Quests zu bereichern, könnte der Weltuntergangs-Trip doch noch zu dem "Fallout" werden, das sich Fans erhofft haben: die Zutaten dafür sind da. Und es wäre nicht das erste Online-Rollenspiel, das sich nach einem bescheidenen Start erfolgreich neu erfunden hat.

 

 

Note: BEFRIEDIGEND