Die Vernichtungsmaschine: "Battlefield 5"


 

In "Battlefield 1" haben Electronic Arts und Dice Ego-Shooter-Fans auf europäische Schlachtfelder des frühen 20. Jahrhunderts geführt, jetzt kehrt die Serie endgültig zu ihren Wurzeln zurück: "Battlefield 5" spielt wie die frühen Teile der Reihe vom dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Dabei nehmen Gefechte mit Boden-Vehikeln, Flugzeugen und sogar Wasserfahrzeugen einmal mehr eine wichtige Rolle ein, außerdem dürfen die fahr- und fliegbaren Untersätze für den Multiplayer-Modus modifiziert werden. Ebenfalls mit dabei: Ein Singleplayer-Modus, der innerhalb kurzer, aber knackiger "Short-Stories" zwar jede Menge Adrenalin, aber auch einen Hauch von Kriegs-Kritik versprüht.

KRITIK • PS4, Xbox One, PC • Schon seit Jahren steckt der klassische Ego-Shooter in einer Identitätskrise: Gut erzählte Baller-Kampagne im Stile eines "Half Life 2" werden immer weniger, stattdessen ballern die meisten Egomanen in Multiplayer-Schlachten und "Battle Royale"-Arenen um die Wette. Jüngst hat "Call of Duty"-Hersteller Activision dieser Entwicklung Rechnung getragen, indem man die sonst sorgsam inszenierte Singleplayer-Kampagne für "Black Ops 4" gleich komplett über Bord geworfen hat. Umso skurriler mutet es da an, dass ausgerechnet EA's "Battlefield"-Reihe auch weiterhin die Solo-Fahne schwenkt - zumindest ein bisschen: Für Teil 5 seiner vor allem im Mehrspieler-Bereich verwurzelten Shooter-Reihe verlegt Entwickler DICE das martialische Szenario vom Ersten auf den Zweiten Weltkrieg - und nutzt einmal mehr eine Reihe von spielbaren Action-Kurzgeschichten, um nicht nur auf das dramatische Szenario einzustimmen, sondern es obendrein auch noch zu hinterfragen. Zumindest oberflächlich betrachtet sind die Geschichten um Widerständler und weibliche Helden gespielte Kriegs-Kritik. Während ein ehemaliger Bankräuber in Afrika die deutsche Kriegsmaschinerie sabotiert, bietet eine Norwegerin den Besatzern im Alleingang Paroli und vergießt ein Afroamerikaner sein Blut auf den Straßen von Paris - im Kampf gegen die Nazis und für ein Land, das er nicht einmal kennt.

Indem die Entwickler verschiedene Einzelschicksale abbilden und sich dafür vor allem auf die Nebenschauplätze des Konflikts "einschießen", dividieren sie den sonst für Weltkriegs-Spiele typischen Pathos aus der Rechnung und erheben zumindest den Anspruch der Authentizität. Das ebenfalls an "Battlefield 1" orientierte Intro scheint den reflektierenden Anspruch unterstreichen zu wollen: Innerhalb einer knappen Viertelstunde wird der Spieler mittels rasanter Schnitte in die Rolle gleich mehrerer Soldaten versetzt - und jeder von ihnen verstirbt am Ende seines kurzen Auftritts. Ohne die geringste Chance darauf, der Situation zu entkommen. Die Lehre dieser "Short-Stories" scheint zu sein: Im Krieg gibt es keine Helden - und meistens nicht mal ein Happy End. Schade nur, dass die in einfühlsam vorgetragenen Intro-Filmen aufgebaute Botschaft nach wenigen Minuten im Maschinengewehr-Geknatter untergeht: Dann wird wieder unreflektiert geballert und wütet der Spieler durch die feindlichen Reihen wie ein Messer durch warme Butter. Und nach drei bis vier Stunden sind all diese "Geschichten" wesentlich unbefriedigender zu Ende geführt als sie begonnen haben. Denn letztlich sind wenig mehr als ein Tutorial, mit dessen Hilfe der Gamer das Regelwerk für das eigentliche Herzstück des Spiels erlernt - und das ist Serien-typisch der Multiplayer-Modus.

 



 

Den hat Entwickler DICE nach der teils üppigen Kritik am Mehrspieler-Gameplay des Vorgängers nahezu perfektioniert: Wenn Panzer und Panzerwagen durch den Schlamm der Schlachtfelder walzen, während ihre Kollegen weiter oben hinter dem Steuerknüppel einer Spitfire deutsche Messerschmitt aus dem Zwielicht des morgendlichen Firmaments zu pflücken, dann läuft "Battlefield 5" zu inszenatorischer Höchstform auf. Hier dominieren eindrucksvolle Bilder und fulminanter Schlachtenlärm so eindrucksvoll das Bild des Kriegsgeschehens, dass das Teamplay manchmal im Getöse untergeht und die anderen Spielern im Angesicht der imposanten Zerstörungsmaschine zeitweise verstummen.

Wenn der Spieler in Momenten wie diesen zum reinen Instinkt-Tier wird, vermittelt "Battlefield 5" sogar im Mehrspieler-Modus eine zumindest vage Idee dessen, was Krieg eigentlich ist. Wären da nicht die ganzen raffinierten neuen Spielmechanismen, die das Game-Geschehen zwar vielschichtiger machen, die den Spieler aber gleichzeitig aus seinem gefühlten Trauma reißen und ihn wieder auf die Ebene dessen zurückholen, was "Battlefield 5" eigentlich ist - eine digitale Massenveranstaltung für gemeinschaftliches Kawumm. Bei der es zum Beispiel darum geht, in Spielmodi wie "Deathmatch" und "Durchbruch" oder bei den "Grand Operations" zu bestehen, in deren Verlauf der Spieler an der Seite seiner Waffenbrüder oft tagelang im Schützengraben kauert - virtuelle Tage natürlich. Acht Maps wollen mit flinkem Abzugsfinger und einem Blick für strategische Gelegenheiten gemeistert werden, die Hersteller Electronic Arts während der kommenden Wochen und Monate mit den "Tides of War" wellenartig erweitern will. Mit noch mehr Schlachtfeldern, Spielmodi und anderen Inhalten, die unter anderem noch fehlende Kriegsparteien wie die USA oder Russland ins Spiel bringen. Getreu dem Mode-Zauberwort "Games as a Service" kommen diese Inhalte erstmal kostenlos - einmal zahlen, unzählige Male den Abzugshebel betätigen. Denn letztlich fühlt sich auch dieses "Battlefield" trotz seines tragenden Singleplayer-Intros und seiner erfreulich hohen Frauenquote im Singleplayer wie ein Produkt an - der Krieg wird auch im Digitalen zum Geschäftsmodell.

Durch die diesjährige Kampagnen-Abstinenz von "Call of Duty" hätte Nebenbuhler EA DICE die vielleicht einmalige Chance gehabt, anstelle von bloßem Mehrspieler-Geknatter ein Spiel mit Vision zu erschaffen und eine echte Geschichte zu erzählen. Um alle Vor-Verurteiler zum Schweigen zu bringen, die gespielte Kriegs-Kritik für ebenso unmöglich wie Hakenkreuze in Games für unangebracht halten. Anhänger der Multiplayer-Strömung indes schert das wenig - sie stürzen sich trotzdem scharenweise ins Gefecht, um sich an raffinierten Neuerungen wie einem frischen Belohnungssystem oder einem für die digitale Nachreiche geplanten "Battle Royale"-Modus zu erfreuen. Sie bekommen hier die ausgefeilteste und schönste Rudel-Schießbude überhaupt serviert. Wer dagegen eine Geschichte schätzt, die über bloße, seelenlose Staffage hinausgeht, der bleibt dem Kriegsschauplatz besser fern.

 

 

Note: GUT